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Wie Nico Semsrott in der Sumpfe zur Leistungsverweigerung animiert

Anleitung zum Unglücklichsein

Hameln. Wer kennt sie nicht: diese Powerpoint-Präsentationen, die professionell aussehen sollen und so dilettantisch sind? Nico Semsrott kennt sie. Er gestaltet sie. „PPPPP“ nennt er die Datei, was zweierlei bedeuten soll. „Peinlich-primitive Powerpoint-Präsentation“ oder „peinlich-primitive“.

veröffentlicht am 13.12.2012 um 14:27 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 10:21 Uhr

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Autor:

Julia Marre
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In bullerigen Jeans und schwarzem Kapuzenpulli steht der Poetry Slammer am Mittwoch auf der Sumpfblumenbühne, den Kopf in der Kapuze verborgen. Seine Depressivität hat er sich von Johann König und Olaf Schubert geliehen. Mit gesenktem Blick und leiser Stimme muffelt sich Semsrott durchs Programm. Neben ihm ein großer Plastiksack voller „Unglückskekse“. Vor ihm rund 100 Zuschauer. Hinter ihm: die Powerpoint-Präsentation.

Wenn er nicht aus seiner eselsohrigen Zettelsammlung vorliest, ist sein Von-Klick-zu-Klick-Referat dran. Das ist so herrlich bekloppt, dass es schon wieder großartig ist. Da gibt es farbige Grafiken, die lustige von traurigen Phasen unterscheiden. Da illustriert eine „Wort-Cloud“, worum es geht. Da wachsen Balkendiagramme. Da leuchtet ein „Nein“ in Rot und Gelb – und eingestreut sind Fotos wie das seiner Katze. „Die heißt Jimmy Carter“, sagt Semsrott und weiß, dass der Witz ein paar Sekunden braucht, bis er zündet. Dann glimmt kurz ein Flämmchen auf. Das ist nicht immer so, aber oft an diesem ruhigen Abend.

Ohnehin: Es ist erstaunlich, wie ausgiebig und unverfroren der Poetry Slammer kalauert. Auf eine pointenlose Satzreihe folgt die nächste Geschichte, die an Jimmy Breuer erinnert und doch dank Semsrotts schläfrig-lethargischen Grüblertums eine andere Wucht hat. Kluge Beobachtungen folgen auf gedankliche Sackgassen. Nur Witz-komm- raus-du-bist-umzingelt-Sprüche gibt es zu viel in seiner eineinhalbstündigen Show. Dennoch gelingt es ihm, auch mit ernsten Beiträgen unterhaltsam zu sein. Sein Soloprogramm „Freude ist nur ein Mangel an Information“ ist ein bisschen wie „Occupy“ auf der Bühne – mit Heinz Erhardts Humor, dem Charme von Schlips tragenden Seminarleitern und ambitioniert wie „Ökonomie für Erstsemester“.

Dass Nico Semsrott es schafft, dabei immer auszusehen, als würde er gleich an seinem Weltschmerz zerbrechen, ist eine große schauspielerische Leistung. Aber natürlich kann er auch lachen. Nach zwei Zugaben sitzt er am Bühnenrand, schreibt geduldig Autogramme und verkauft seine „Unglückskekse“ („Vier für fünf Euro!“). Was für Weisheiten darin zu lesen sind? „Möge dein Leben irgendwann so schön sein, wie du es bei Facebook darstellst.“ Dass viele der Zuschauer zu Keks-Konsumenten würden, hat schon seine „PPPPP“ prognostiziert. Darin hieß es nämlich: „Kunden, die diese Seite lasen, kauften auch: Unglückskekse.“

Nicht viele Poetry Slammer schaffen den Sprung zur One-Man-Show. Nico Semsrott hat 100 Slams gewonnen und dazu ein Soloprogramm gewuppt. Foto: are



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