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„Werdet entspannter“: New Yorker Architekt Peter Eisenman feiert heute seinen 80. Geburtstag

„Am Holocaust-Mahnmal – und es war toll“

New York. Peter Eisenman gehört zu den profiliertesten Architekten weltweit und hat eine besondere Beziehung zu Deutschland. Im Interview zu seinem 80. Geburtstag erzählt er, warum – und was er den Deutschen mit auf den Weg geben möchte.

veröffentlicht am 10.08.2012 um 12:49 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 01:21 Uhr

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Autor:

Chris Melzer
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Mr. Eisenman, wer hat das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden entworfen? Der Architekt Eisenman oder der New Yorker Jude Eisenman?

Eisenman: „Das Mahnmal in Berlin war eine große emotionale Erfahrung für mich. Ich war nie besonders religiös. Ich hatte nie eine Bar Mizwa und bei uns zu Hause stand sogar ein Weihnachtsbaum. Aber dann habe ich gemerkt, dass Hitler nicht zwischen religiösen und säkularisierten Juden unterschieden hat. Damals wäre mein Verbrechen schlicht und einfach gewesen, dass ich Jude bin.“

Wie gedenkt man solch eines Verbrechens am besten?

Eisenman: „Ich glaube immer noch, auch wenn ich dafür so viel kritisiert wurde, dass wir den Holocaust zu etwas Alltäglichem machen müssen. Nichts Heiligem, nichts Unantastbarem. Meine Idee war, dass die Leute das Mahnmal jeden Tag sehen, da spazieren gehen oder sogar ihr Sandwich essen. Und dass Kinder dort spielen und abends erzählen: Wir hatten heute einen tollen Tag. Dann fragt die Großmutter, die damals womöglich selbst dabei war, wo warst Du denn, kleiner Hans? Und Hans sagt: Am Holocaust-Mahnmal – und es war toll. Und das allein ist alles wert: Dass ein kleines deutsches Mädchen oder ein kleiner deutscher Junge nach Hause kommen und sagen, wir hatten heute einen tollen Tag am Holocaust-Mahnmal. Dann ist das Thema plötzlich zu Hause, es ist plötzlich da – ob man will oder nicht.“

Stört es Sie nicht, dass Ihr Mahnmal manchmal eher Spielplatz oder Freizeitpark ist?

Eisenman: „In einer katholischen Kirche ist doch auch nicht immer nur Stille. Da laufen auch mal Kinder rum und man lacht auch. Warum nicht auch am Holocaust-Mahnmal? Es soll etwas ganz Alltägliches sein, da kann man sein Brot essen und sich mit Freunden treffen. Dann ist der Holocaust immer da. Und trotzdem ist es kein Platz der Schuld, sondern etwas Alltägliches – so wie der Holocaust vor 70 Jahren etwas Alltägliches war.“

Sie sind oft in Deutschland. Ist es ein ganz normales Land geworden für einen New Yorker Juden oder gibt es immer noch Besonderheiten?

Eisenman: „Wenn ich nach Deutschland fliege, merke ich, dass die Deutschen immer noch recht unbeholfen gegenüber Juden sind. Das ist so schade, vor allem weil die Leute sich deshalb aus dem Weg gehen. Wie bedauerlich! Wenn man am Holocaust-Mahnmal einen Deutschen trifft und irgendwie rauskommt, dass man Jude ist, kommt sofort, wissen Sie, meine Großeltern hatten mit all dem nichts zu tun. Und ich denke dann immer, das hab ich doch gar nicht gefragt. Es interessiert mich auch überhaupt nicht. In Deutschland merkt man doch immer noch sehr viel mehr, dass man Jude ist. Ich sage es gar nicht im negativen Sinne. Aber man ist doch immer noch etwas sehr Besonderes. Dabei will man eigentlich immer nur etwas ganz Normales sein.“

Sie wollen also ignoriert werden?

Eisenman: „Ja klar! Werdet entspannter! Aber ich erkenne auch, dass die dritte Generation nach dem Holocaust schon entspannter geworden ist.“

Gibt es Antisemitismus in Deutschland?

Eisenman: „Na klar! Genauso wie in der Ukraine, in Polen oder Russland oder in den USA! Damit will ich diese Strömung nicht etwa bagatellisieren. Aber wir sollten schon sagen: Hey, Deutschland, es ist vorbei! Niemand sollte immer noch rumrennen und sagen, ihr seid böse, ihr seid böse. Das hilft niemandem. Deshalb wollte ich dieses Holocaustmahnmal. Es ist ein Ort der Stille, aber auch des Lebens.“

Nirgendwo auf der Welt leben so viele Juden wie in New York. Sehen die das ähnlich?

Eisenman: „Das Leben hier in New York hat sich sehr verändert. Vor 20, oder sagen wir 30 Jahren gab es noch ganz viele Juden, die nichts Deutsches gekauft haben. Die hätten nie einen Mercedes auch nur angeguckt. Das hat sich total verändert. Wenn ich heute sage, ich habe ein neues Projekt in Deutschland, schaut mich niemand komisch an. Man kann nicht für immer und ewig wütend sein. Die Dimension des Verbrechens gibt es her. Aber die allerwenigsten Menschen sind es.“

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