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Lieder mit Rollkragen: Stings musikalische Waldwanderung „If on a Winter’s Night ...“

Allein auf weiter Flur im großen Musikzirkus

Sting trägt jetzt Bart. Vollbart. Fast Rauschebart. Das hatte er noch nicht. Kurzhaar, Langhaar, Stoppelbart, blond, braun, alles dagewesen. Aber Vollbart noch nicht. Er sieht aus wie eine Mischung aus Seebär, Billy Joel und Robin Williams. Der britische Musiker ist ein Mensch, der sich gern verändert. Nicht nur am Kinn. Auch musikalisch hat er schon viele Felder beackert. New Wave mit Ska-, Punk- und Reggae-Einschlag, Tanzpop mit Weltmusikapplikationen, Rock mit Jazzflair, Prokofjew als Popsong. Einfach hat er es sich und seinen Mitmusikern nie gemacht. Er hat ihnen immer wieder harte Nüsse zu knacken gegeben, hat er mal in einem Interview gesagt. Aber er hatte auch die Leute dafür: Mit Stewart Copeland spielte bei Police ein genialer Schlagzeuger an seiner Seite, später arbeitete er mit Jazzgrößen wie dem Saxofonisten Branford Marsalis und formte komplizierte Popsongs. Zuletzt wurden die Pausen zwischen Veröffentlichungen länger, aber zufriedengegeben mit dem Status quo hat er sich nie.

veröffentlicht am 27.10.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 17:21 Uhr

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Autor:

Uwe Janssen
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Seinen verwegensten Ausflug unternahm der 1951 im nordenglischen Newcastle geborene Sting vor drei Jahren, als er mit dem bosnischen Lautenspieler Edin Karamazov 400 Jahre alte Lieder des Komponisten John Dowland aufnahm. Verhaltene, fast meditative Weisen mit Burgfräuleincharme. Allgemeines Naserümpfen in der Fangemeinde. Wie eine Entschuldigung schien da die Reunion von Police, bei der Sting, Copeland und Andy Summers in den großen Stadien die Erinnerung an wilde Zeiten wachriefen.

Nun ist Sting wieder allein auf dem Weg. Winterlieder hat er aufgenommen. Keine Weihnachtsplatte, wie er betont, aber mit „Jingle Bells“ hätte man trotz aller Experimentierwut auch nicht gerechnet. „If on a Winter’s Night…“ besteht im Wesentlichen aus Fremdkompositionen, die vom Bittgesang über Lieder aus dem 14. Jahrhundert bis hin zu Wintermusik reichen, die Sting als Kind gesungen hat. Einen aus der Abteilung „Weihnachten mit Sting“ gibt’s doch: „Es ist ein Ros entsprungen“ – auf Englisch.

Die 15 Songs sind zurückhaltend möbliert, mit Gitarre, Streichern, Harfe und Folkinstrumentarium. Das ungewöhnlichste Instrument ist Stings Stimme. Man erkennt sie manchmal gar nicht, so tief unten lässt er die Töne durch die Strophen fließen wie im „Cold Song“ nach Henry Purcell. Wie befreit und schwebend wirkt es, wenn er in den Eigenkompositionen des Albums, „Hounds of Winter“ und „Lullaby for an anxious Child“, in seine Stammtonlage zurückkehrt und in diese auch Schuberts „Leiermann“ (aus der „Winterreise“) transponiert, den „Hurdy Gurdy Man“. Diese Singstimme ist die Sting-Stimme, hier ist sie kraftvoll und beweglich – und im großen Musikzirkus allein auf weiter Flur.

In „Soul Cake“, einem ausgekoppelten Folksong, begegnen wir am ehesten dem gewohnten Sting. Aber das ist ein falsches Versprechen. Der Rest ist keine Nebenbeimusik,

sondern Zuhörmusik, die einen nicht in der Tür stehen lässt. Entweder man kommt rein, oder man bleibt draußen.

Was kein Banausentum ist, schließlich hat Sting mit seiner Musik so viele schöne Erinnerungen in der Musikwelt und der seiner Fans verankert, dass man „If on a Winter’s Night ...“ durchaus schwer, prätentiös oder schlicht langweilig finden kann. Wer auf den alten Sting hofft, sollte Geduld haben. Irgendwann ist der Bart wieder ab.

Immer gut für Veränderungen: Sting hat den Winter entdeckt. Foto: Molina/HAZ



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