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The War on Drugs mit beseeltem Gitarrenrock im ausverkauften Capitol

Adam allein zu Haus

HANNOVER. Auf dem Cover des vorletzten Albums „Lost in the Dream“ sitzt ein Mann allein in einem abgedunkelten Zimmer, vergilbte Wände, durch die Gardine scheint ein fahles Licht. Er hält die Arme verschränkt, den Kopf gesenkt. Es ist Adam Granduciel, Mastermind der Band The War on Drugs.

veröffentlicht am 22.08.2018 um 15:51 Uhr

Mastermind Adam gegeisterte sein Publikum im Capitol. Foto: jed
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Autor

Martin Jedicke Reporter

Das Zimmer gehört zu dem Haus in Philadelphia, in dem Granduciel elf Jahre hauste. Nach dem Auszug der Freundin lässt er sich gehen, fällt in depressive Phasen – und schreibt grandiose Songs, deren Titel den Schmerz des Verlassenwerdens dokumentieren: „Burning“, „Red Eyes“ und besonders „Under the Pressure“, das auch am Dienstagabend im ausverkauften Capitol zu den Höhepunkten gehört.

Heftiger, rockiger gespielt als auf CD und in der Dramaturgie ein Musterbeispiel für die Arrangierkunst Granduciels. Er beginnt den Song hinter einem Lichtvorhang mit kreischenden E-Gitarren-Soundscapes wie einst Pink Floyd im UFO-Club, die sich bald in perlenden Klavierklängen verflüchtigen. Keyboarder Robbie Bennett setzt das hübsche Leitmotiv, das bei Granduciels hellem Gesang im Refrain wiederkehrt, schließlich von Saxofon und Gitarre im Paarlauf aufgenommen wird und sich in gesteigerter Intensität aufbaut. Nur Sprechgesang kann jetzt noch gebrüllt werden gegen ein Krachgewitter, das sich nach einer Viertelstunde in einem fast erholsamen Feedback entlädt, Granduciel über seine Effektgeräte gebückt, die einen Halbkreis auf dem Bühnenboden bilden.

Die hallunterlegte Stimme des Amerikaners erinnert in den poppigen Passagen an Mike Scott von den Waterboys. Wenn er aber die Silben dehnt und zu Akustikgitarre und Mundharmonika greift, schimmert das Vorbild Bob Dylan durch. Und das flotte „Nothing to Find“ nähert sich der Intonation eines Bruce Springsteen. Vor allem aber beglückt der 39-Jährige mit seinen stilprägenden Gitarrenexkursionen, die aus den Tiefen der geschundenen Seele durchaus einmal in lichte Höhen streben. Mal sachte dahingleitend, dann sich in Wah-Wahs suhlend, ein andermal in gleißenden Lärm Marke Crazy Horse mündend. Untermalt durch kreiselnde Lichtkegel, zuckende Scheinwerferblitze und blinkende Dreiecke.

Ob man nun von einem hermetischen Werk und von einer charakteristischen Ausdrucksweise sprechen möchte oder eine gewisse Gleichförmigkeit der Lieder von The War on Drugs konstatiert, mag Geschmackssache sein. Granduciel und seine fünf Mitstreiter erzeugen jedoch einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Auch wenn die Texte des aktuellen Albums „A Deeper Understanding“ kein Quell des Frohsinns sind: Granduciel hat das düstere Haus längst verlassen, lebt neu liiert in Brooklyn – und schreibt trotzdem noch ziemlich großartige Songs, nicht nur als Basis für sein virtuos-wehmütiges Gitarrenspiel.



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