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Vor 100 Jahren starb Wilhelm Raabe

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Liest noch jemand Wilhelm Raabe? Verglichen mit seinen Zeitgenossen Theodor Fontane oder Theodor Storm, führt der 1831 in Eschershausen geborene Erzähler und Romancier ein Schattendasein in der deutschen Literaturszene. Lange wurde Raabe als kauziger, hoffnungslos anachronistischer Idylliker abgetan. Dabei gilt sein Spätwerk als erstaunlich modern.

veröffentlicht am 11.11.2010 um 16:10 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 10:41 Uhr

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Autor:

Johannes von der Gathenund Julia Marre
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Romane wie „Horacker“, „Pfisters Mühle“ und vor allem die verteufelt subversive Außenseitergeschichte „Stopfkuchen“ (1891) erweisen sich als raffiniert eingefädelte Erzählmodelle, die mit landläufigem Realismus nichts zu tun haben. Als Wilhelm Raabe vor 100 Jahren, am 15. November 1910, in Braunschweig starb, war er als Schriftsteller bereits seit zehn Jahren verstummt. Sein mit Abstand populärstes Buch mit über 70 Auflagen blieb der humoristische Debütroman „Die Chronik der Sperlingsgasse“ von 1856.

Ein Jahr vor seinem Tod empfing Raabe Besuch von seinem jungen Bewunderer Hermann Hesse. Er zeichnete ein aufschlussreiches Porträt des Autors im Ruhestand: „sehr lieb und sehr freundlich, und doch ein Fuchsgesicht, schlau, verschlagen, hintergründig, das greise Gesicht eines Weisen, spöttisch ohne Bosheit, wissend, aber gütig.“ Mit diesen Gegensätzen beschreibt der knapp dreißigjährige Hesse ganz gut auch die Doppelbödigkeit von Raabes Romankunst, die es sich immer wieder im beschaulichen Ambiente gemütlich macht, bis man merkt, dass da einiges im Argen liegt.

In Eschershausen wird es am späten Sonntagnachmittag eine Gedenkfeier anlässlich Raabes Todestag geben: mit einem Festvortrag von Prof. Dr. h. c. Gerd Biegel, der zudem einen neu erschienenen Bildband vorstellt, sowie mit einer Lesung aus Raabes Werk. Wird der deutsche Schriftsteller tatsächlich nicht ausreichend gewürdigt? Das kann Ingrid Reuther nicht unterschreiben. „Man muss auch etwas tun, damit er nicht vergessen wird“, sagt die Museumsleiterin des Raabe-Hauses aus Eschershausen. Dort gibt es regelmäßig Lesungen „mit moderner Herangehensweise, bloß nicht so muffig“, so Reuther.

Und Raabe selbst? Er schrieb mit „Horacker“ von 1876 eine Dorfgeschichte. Es geht darin um die monströse, immer noch aktuelle Macht von Klatsch und Tratsch. Aus einem entlaufenen Heimkind wird ein Schwerverbrecher. Obwohl der arme Kerl in seiner Not halb verhungert lediglich einen Topf Butterschmalz gestohlen hat. Aber gerade die Sympathieträger in diesem Roman, ein schrulliger Konrektor und ein Zeichenlehrer, die mit hinreißendem pädagogischen Eros den verirrten Zögling zurück auf den Pfad der Tugend bringen, haben einen so beschränkten Horizont, dass sie nie über ihr Dorf Gansewinkel hinausblicken. Die im Text erwähnten Gräuel des österreichisch-italienischen Krieges von 1866 schrumpfen angesichts von Horackers angeblicher Verschlagenheit zur Fußnote. Man muss die mit etlichen Zitaten gespickten Romane schon sehr genau lesen.

Raabe selbst, der sich immer als deutscher Patriot verstanden hat, distanzierte sich nach der Reichsgründung 1870/71 vom Militarismus preußischer Prägung. Stattdessen kultivierte er einen sanften Fortschrittspessimismus, dem frühes „grünes“ Gedankengut nicht fremd war. In der Erzählung „Pfisters Mühle“ (1884) verschmutzen die Abwässer einer Zuckerrübenfabrik ein Bächlein, an dem ein lauschiges Ausflugslokal steht, das schließlich der Industrialisierung weichen muss.

Als sein „bestes“ und „unverschämtestes“ Werk bezeichnete Wilhelm Raabe seinen Kriminalroman „Stopfkuchen“, jene „See- und Mordgeschichte“ von 1890.



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