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Über Kunst – und die Grenzen des Sehens

Hannover. "Lorbeeren und Erdbeeren" ist der Titel einer Ausstellung des Sprengel Museums Hannover, das dem grafischen Spätwerk von Max Ernst gewidmet ist. Gezeigt werden vor allem Einzelblätter, Mappenwerke und illustrierte Bücher aus der Zeit von 1946 bis 1976. So schwer die Arbeiten, die Bilderrätseln gleichen, auch zu entschlüsseln sind, verdanken sie ihr Entstehen vor allem drucktechnischen Experimenten des Künstletrs. Die Ausstellung - Max Ernst: "Eine einzige wilde Erdbeere ist mir tausendmal lieber als alle Lorbeeren der Welt" - ist bis 10. Juni zu sehen.

veröffentlicht am 09.03.2012 um 12:37 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 14:21 Uhr

kultur
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Von Klaus Zimmer

Hannover. „Wie mein Leben“, sagte Max Ernst, „so ist auch mein Werk nicht harmonisch im Sinne der klassischen Komponisten, nicht einmal im Sinne der klassischen Revolutionäre. Es hat dafür die Gabe, meine Komplizen zu bezaubern, die Dichter, die Physiker und ein paar Analphabeten.“ Ein Ausspruch, der eigentlich schon „alles“ sagt über diesen Menschen und Künstler, der zunächst Philosophie studierte und dann aber, als Autodidakt (wie Paul Cezanne), ein Kunst-Universum von unfassbarer Vielfalt hinterließ.
 Max Ernst (Brühl 1891-1976 Paris) hat aus einer unbändigen Freude am Experimentieren Bilder gemacht, die zwar häufig gegenständliche Titel tragen und doch die sichtbare Oberfläche nicht eigentlich wiedergeben. Weil eben das schauende Erlebnis des Malers nicht auf sie antwortete, sondern er das gegenständlich Erscheinende durch die Kraft der hinfühlenden und antwortenden Empfindung in neue Formgebilde verwandelte.
 Über Max Ernst sind viele Bücher geschrieben, doch, um in das Werk verstehend „einzufinden“ muss man es gesehen haben. Und in diesem Sinne eine gute Nachricht für alle Ernst-Fans: Das Sprengel Museum zeigt bis zum 10. Juni 2012 das grafische Spätwerk des Künstlers. Und es ist letztlich dem Glücksfall zu verdanken, dass die fast vollständige Druckgrafik 1982 durch den Tausch gegen ein Gemälde von Emil Nolde in den Besitz des Sprengel Museums gelangte.
 Die Ausstellung unter dem Titel „Lorbeeren und Erdbeeren“ lenkt den Fokus auf die Zeit von 1946 bis 1976. Einzelblätter, Mappenwerke und illustrierte Bücher – an Vielfalt kann sich mit diesem Gesamtwerk nichts messen, und die Diversität der Bücher verbietet es von ihnen im Plural zu reden, denn fast jedes verdient eine einzelne Analyse.
 Die gezeigten Arbeiten sind schwer zu entschlüsseln, sie gleichen Bilderrätseln, verdanken ihre Entstehung geheimnisvollen drucktechnischen Experimenten. Wie etwa die Blätter der Lithoserie zu Lewis Caroll, „Die Jagd nach dem Schnark“, das Porträt August Bolte, die 36 Farblithos Lewis Caroll „Wunderhorn“ von 1970, die sechs Farbradierungen „Das Schnabelpaar“, zu Henri Pariot, „Das Lachen der Dichter“ und viele Arbeiten in unterschiedlichsten Techniken, wie Collagen (zufälliges provoziertes Zusammentreffen wesensfremder Realitäten), Frottagen (Abreibungen von Holzbrettern und anderen Materialien). Dazu warnt Max Ernst: „Wer aber meint, er könnte die Träume seiner Nacht auf einer Leinwand festhalten, tut nicht mehr als der, der naiv drei Äpfel kopiert, weil ihn nur die Ähnlichkeit interessiert.“
 Einen künstlerischen Höhepunkt bilden die 30 Blätter zu „Maximiliana ou L’Exercice illégal de I’Astronomie“. Rätselhafte astronomische Zeichen und geheimnisvolle Spannungsfelder zwischen Sternen, Sonne, Mond und Erde begleiten die Arbeiten von Max Ernst. 1964 widmet er sein wohl schönstes grafisches Werk dem genialen aber verkannten Astronomen, dem Lithografen Ernst Wilhelm Leberecht Tempel (1821-1889), der in Marseille mit einem kleinen Fernrohr den Planet 65 entdeckte, einen am weitesten entfernten Himmelskörper der Gruppe zwischen Mars und Jupiter, den er zu Ehren Maximilian II. „Maximiliana“ benennt. Der Gegenüberstellung von Schrift und Sternen auf diesen Blättern kann man die Deutung geben: den Grenzen des Sehens entsprechen die Grenzen des Verstehens.
 Und „Lorbeeren und Erdbeeren“? Max Ernst: „Eine einzige wilde Erdbeere ist mir tausendmal lieber als alle Lorbeeren der Welt.“ Zu sehen bis 10. Juni 2012



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