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Nachlass von Leni Riefenstahl geht nach Berlin

„Ästhetische Leistung ist unbestritten“

BERLIN. Leni Riefenstahl wurde mit Propagandafilmen für die Nationalsozialisten ebenso berühmt wie berüchtigt. Jetzt geht ihr Nachlass nach Berlin.

veröffentlicht am 15.02.2018 um 16:21 Uhr

Nürnberg 1934: Leni Riefenstahl (Mitte) gibt Regieanweisungen für ihre Dokumentation des Nürnberger Parteitags. Berlin bekommt den gesamten Nachlass der wegen ihrer Nazi-Propagandafilme zeitlebens umstrittenen Filmregisseurin und Fotografin Leni Rief

Autor:

Esteban Engel

Ihre Aufnahmen prägen bis heute die Sicht auf die NS-Zeit: Leni Riefenstahls Filme waren ein mächtiges Propagandainstrument der Nationalsozialisten – und sind noch immer bahnbrechende Werke der Filmkunst. Nun geht der gesamte Nachlass der Regisseurin (1902–2003) nach Berlin. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz will zusammen mit der Deutschen Kinemathek das Riefenstahl-Erbe aufarbeiten: rund 700 Kartons mit Foto- und Filmbeständen, Manuskripten, Briefen, Akten und Dokumenten.

Riefenstahl war 2003 im Alter von 101 Jahren gestorben. Nach Angaben der Stiftung verfügte Riefenstahls frühere Sekretärin und Alleinerbin Gisela Jahn die Schenkung nach Berlin. Jahn habe das umfangreiche Konvolut von Riefenstahls 40 Jahre jüngerem Ehemann und Kameramann Horst Kettner nach dessen Tod im Jahr 2016 erhalten. Er bewahrte den Nachlass der Regisseurin in ihrer gemeinsamen Villa am Starnberger See auf.

„Wir haben mit dem Nachlass von Leni Riefenstahl nicht nur ein bahnbrechendes ästhetisches Werk übernommen, sondern auch eine besondere Verantwortung für die kritische Auseinandersetzung“, sagte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger. Gerade die Rolle Riefenstahls im Nationalsozialismus werde bei der Aufarbeitung des Nachlasses von zentraler Bedeutung sein.

Leni Riefenstahl in ihrem Haus in Pöcking (im Juli 2002). Foto: Frank Mächler/dpa
  • Leni Riefenstahl in ihrem Haus in Pöcking (im Juli 2002). Foto: Frank Mächler/dpa

Der Künstlerische Direktor der Deutschen Kinemathek, Rainer Rother, sagte, er erhoffe sich aus dem Nachlass neue Einblicke in das Schaffen der Regisseurin. „Unsere Perspektive auf Leni Riefenstahl wird sich bereichern – nicht notwendigerweise verändern.“ Im Nachlass könnten etwa noch unveröffentlichte Fragmente ihres 2002 erstmals gezeigten Unterwasserfilms liegen.

Ich wurde gleichgestellt mit den bösen Nazi-Sachen. Darunter habe ich schrecklich gelitten … Ich war verurteilt, ich war verdammt.

Leni Riefenstahl

Jenseits der moralischen, politischen und historischen Fragen sei Riefenstahl eine der bedeutendsten Regisseurinnen der Filmgeschichte. „Ihre ästhetische Leistung ist unbestritten“, sagte Rother. Die Aufarbeitung des Materials solle bald beginnen. Dafür müssten zunächst Anträge auf finanzielle Förderung bei mehreren Institutionen gestellt werden.

Der fotografische Bestand soll im Museum für Fotografie am Bahnhof Zoo untergebracht werden. Hier wird seit 2004 auch das Werk Helmut Newtons gezeigt, mit dem Leni Riefenstahl in ihren späten Lebensjahren befreundet war. Die Korrespondenzen, Tagebücher und Manuskripte sollen von der Staatsbibliothek betreut werden.

Die 1902 in Berlin geborene Riefenstahl wurde vor allem mit umstrittenen Propagandafilmen über die Reichsparteitage der Nationalsozialisten in Nürnberg 1934 („Triumph des Willens“) sowie mit dem zweiteiligen Film über die Olympischen Spiele in Berlin 1936 („Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“) ebenso berühmt wie berüchtigt. Sie galt – neben dem Schauspieler und Intendanten Gustaf Gründgens – als das wohl prominenteste Beispiel für die Verführbarkeit des Künstlers durch die politische Macht in Deutschland.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand sie praktisch keine Auftraggeber mehr für neue Filme. Ihr 1940 bis 1942 gedrehter Film „Tiefland“ wurde 1954 gezeigt. Für die Dreharbeiten hatte sie 60 Sinti und Roma aus Konzentrationslagern rekrutiert, was später noch zu heftigen Diskussionen führte.

So setzte Riefenstahl ihre Karriere als Fotografin mit Bildbänden etwa über den afrikanischen Stamm der Nuba fort. Bis zuletzt beharrte sie darauf, dass „Triumph des Willens“ ein „reines Kunstwerk“ sei, der Film enthalte kein einziges antisemitisches Wort. Nach dem Krieg habe man das mit einer politischen Brille gesehen. „Ich wurde gleichgestellt mit den bösen Nazi-Sachen. Darunter habe ich schrecklich gelitten … Ich war verurteilt, ich war verdammt.“

Zu ihrem 100. Geburtstag im August 2002 hatte Riefenstahl noch einmal einen neuen Film gedreht – über die Schönheit der Atolle im Indischen Ozean. Die Unterwasserfilmerei war eine späte Leidenschaft der Regisseurin.

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