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Virtuelle Reise

Der «Mönch am Meer» und die Rückkehr verschwundener Schiffe

Berlin (dpa) - Da steht er, am leeren Sandstrand, kaum mehr als einen Meter entfernt, der «Mönch am Meer». Er wirkt in sich gekehrt, sehr verschlossen. Und einsam.

veröffentlicht am 03.04.2019 um 15:40 Uhr
aktualisiert am 03.04.2019 um 16:43 Uhr

Eine virtuelle Reise zu Caspar David Friedrichs «Mönch am Meer» im Museum. Foto: Jörg Carstensen

Autor:

Gerd Roth, dpa

Nun gut, die Figur wurde von Caspar David Friedrich (1774-1840) geschaffen. Als Maler war er der wichtigste deutsche Romantiker. Sein «Mönch am Meer» gilt als Ikone der Epoche. Sinnbild von radikaler Einsamkeit und innigster Natursuche.

Mit einer virtuellen Version erlaubt die Alte Nationalgalerie ihren Besuchern in Berlin während der Ausstellung «Mit dem Mönch am Meer - Caspar David Friedrich in Virtual Reality» bis zum 30. Juni nicht nur ein Treffen mit dem rätselhaften Mönch. Die computergestützte Reise in die Bilderwelt ermöglicht auch Blicke, die meist nur Restauratoren vorbehalten sind: Die High-Tech-Brille lässt Friedrichs sonst verborgene Skizzen unter dem bekannten Bild erscheinen.

In vielen Museen etabliert sich mehr und mehr virtuelle Realität neben Skulpturen, Installationen oder Gemälden. So erlaubt etwa das Frankfurter Städel Museum per Virtual-Reality-App und Smartphone einen Gang durch historische Sammlungsräume. Das Mainzer Museum für Antike Schifffahrt lockt virtuell in einen antiken Superfrachter. Und das Deutsche Museum in München schickt Besucher per VR-Brille und Controller zum Fluggleiter Otto Lilienthals oder gleich mit dem Lunar Roving Vehicle auf die Mondoberfläche.

Der Mondrover ist Teil eines dreijährigen Modellprojekts, mit dem sieben Museen in Deutschland Möglichkeiten der Virtual Reality (VR) für sich erforschen. Die Federführung hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Womit wir wieder in der Alten Nationalgalerie wären, die zu den staatlichen Museen der Stiftung zählt. Auch der virtuelle «Mönch am Meer» profitiert nach Angaben von Museumsleiter Ralph Gleis von Erfahrungen aus dem Projekt Museum4punkt0 und der Besucherforschung.

Friedrichs «Mönch» gehört neben den «Seerosen» von Claude Monet im Pariser Musée d'Orsay und der «Sonne» von Edvard Munch im Munch Museum Oslo zu den Arbeiten, die den TV-Sender Arte zu virtuellen Versionen für den Bildschirm angeregt haben.

In Berlin haben sich Museumsleiter Gleis und seine Kuratorin Yvette Deseyve mit VR-Experten von High Road Stories und dem Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut zusammengetan. Das Ergebnis der eineinhalbjährigen Arbeit: «Man kann in den Bildraum hineintreten und sich so mit dem Mönch am Meer treffen.» Gleis und Deseyve erläutern den virtuellen Ausflug im Raum für Sonderausstellungen, nur wenige Schritte entfernt vom Original, das Friedrich zwischen 1808 und 1810 realisierte.

Im Gemälde, oben im dritten Stock, hat sich der kleine Mönch leicht von den Betrachtern abgewandt. Hier, hinter der Maske der virtuellen Version, ist die rätselhafte Figur schemenhaft, aber lebensgroß zu entdecken. Selbst ein blasses Gesicht zeichnet sich ab. Eine Möwe, auch sie aus Friedrichs Bild entlehnt, dient als Cursor und folgt dem Blick des Betrachters über Strand und Meer. Neben einer Soundcollage sind Briefstellen von Caspar David Friedrich zu hören, die die Sicht des Künstlers auf sein Werk und den Arbeitsprozess wiedergeben.

Auf dem Wasser sind plötzlich Schiffe zu entdecken. Die in die VR-Variante eingebauten Skizzen entstammen einer früheren Version von Friedrichs «Mönch am Meer». Sie wurden bei der aufwendigen Restaurierung des Bildes vor einigen Jahren entdeckt. «Wir haben diese Erkenntnisse zugrunde gelegt, dass der Maler eine ganz andere Anlage und Konzeption des Bildes hatte und sie im Malprozess verworfen hat», sagt Gleis. Dies vollzieht die virtuellen Reise nach.

Nun zieht der Möwen-Cursor Pinselstriche hinter sich her. Über der frühen Version verschwinden so mit jedem Schwung die Schiffsskizzen. Die heute bekannte Fassung nimmt ihre Form an. Nach knapp sechs Minuten ist die Reise beendet, die jeweils vier Besucher parallel unternehmen können. Wer nun die zwei Etagen nach oben zum Original geht, kann schon wieder eine Entdeckung machen: zwei Schiffe schimmern jetzt durch die Maloberfläche. Goethe beschrieb dieses Phänomen: «Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.»

«Unsere Virtual Reality Anwendung ist eine Art der Vermittlung, um Neues über das Bild zu erfahren und dann das Erlebnis vor dem Original noch intensiver zu machen», sagt Gleis. «Wir versprechen uns davon eine neue Einsicht, diesem Malprozess auf die Spur zu kommen. Wer das einmal erfahren hat, der wird dieses Bild auch mit anderen Augen sehen.»



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