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Berlinale-Leitung: Ausschluss von Netflix wäre falscher Weg

Berlin (dpa) - Die neue Führungsspitze der Berlinale hält wenig davon, Streamingdienste grundsätzlich von Filmfestivals auszuschließen.

veröffentlicht am 05.04.2019 um 08:41 Uhr
aktualisiert am 06.04.2019 um 11:51 Uhr

Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek setzen auf Vielfalt. Foto: Jens Kalaene

«Es sind die jungen Leute, die Netflix gucken, die man wieder ins Kino holen will. Aber Streamingdienste von der Berlinale auszuschließen, wäre vermutlich der falsche Weg», sagte Mariette Rissenbeek der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Die Niederländerin übernimmt mit dem Italiener Carlo Chatrian im Juni die Leitung der Internationalen Filmfestspiele. In der Filmwelt wird diskutiert, ob Streamingdienste bei Festivals und Verleihungen ins Preisrennen gehen sollten. Kinobetreiber fürchten zum Beispiel um ihr Geschäft, wenn Filme gewinnen, die nicht regulär ins Kino kommen.

Zum jetzigen Zeitpunkt erlaubten es die Regeln der Berlinale, dass ein Film im Wettbewerb laufen könne, wenn ein Kinostart geplant sei. «Und ich halte das für eine gute Regel», sagte die 62-Jährige. «Einfach zu sagen 'Netflix machen wir nicht', das würde altmodisch wirken. Ich glaube nicht, dass ein grundsätzlicher Ausschluss vom Wettbewerb oder von der Berlinale helfen würde.»

Für sie sei die große Frage, wie man junge Leute zurück ins Kino bekomme, sagte Rissenbeek. «Und wie wir sie verstehen lassen, was für ein großartiges Gefühl das ist. Wie einzigartig es ist, mit anderen in einem dunklen Raum zu sitzen und einen Film auf der großen Leinwand zu gucken. Völlig abzutauchen in eine Geschichte.»

Die Berlinale gehört mit Cannes und Venedig zu den wichtigsten Filmfestivals der Welt. Mehrere Kinobetreiber hatten im Februar gefordert, den Netflix-Film «Elisa und Marcela» in Berlin nur außer Konkurrenz zu zeigen. Das US-Unternehmen hatte dagegen stets argumentiert, das Liebesdrama werde in Spanien ins Kino kommen. Auch in Cannes und bei den Oscars führte Netflix zu Kontroversen.

«Wir leben im 21. Jahrhundert, in einer Zeit, in der Menschen einen anderen Bezug zu Bildern und Filmen haben», sagte Chatrian, der zuletzt das Filmfest in Locarno geleitet hat. «Aber ich glaube, dass es einen Unterschied macht, ob ich einen Film in einem Kino sehe oder auf meinem iPhone, Computer oder Fernseher.» Seine Kinder würden auch viel Netflix schauen, aber auch gerne Filme im Kino gucken. «Und sie wissen, dass das einfach zwei verschiedene Erfahrungen sind.»

Es gehe darum, den Unterschied zwischen diesen beiden Erfahrungen zu verstehen. «Wir bei der Berlinale wollen immer fragen: Was können wir für den Film tun?», sagte Chatrian. Wenn sich ein Produzent oder eine Streamingplattform bei ihnen melde, um einen Film auf der Berlinale zu zeigen, «dann werden wir uns über die Gründe unterhalten». «Und wenn der Film dabei hilft, etwas beim Publikum auszulösen - und wenn er zu den Regeln passt-, dann warum nicht?»

Chatrian wird künstlerischer Leiter, Rissenbeek übernimmt die Geschäftsführung. Beide lösen den langjährigen Direktor Dieter Kosslick ab. Von der neuen Arbeitsteilung verspricht sich das Duo viel. Vorher habe sich eine Person um vieles kümmern müssen, etwa um Filmauswahl und Treffen mit Sponsoren und Politikern. Er werde nun im Vergleich mehr Zeit für die Filmauswahl haben, sagte Chatrian.

Der 47-Jährige hat ein neues Auswahlkomitee berufen, dem auch frühere Kollegen aus Locarno angehören. «Wir werden stärker aktiv nach Filmen suchen.» In der Vergangenheit hatte es Debatten über Ausrichtung, Filmauswahl und Größe des Festivals gegeben. Chatrian sieht keine Notwendigkeit für eine Revolution. Er habe nicht das Gefühl, dass die Berlinale kleiner sein müsse, denn das Publikum komme zu den Filmen.

«Was nötig sein könnte: den verschiedenen Besuchergruppen klare Hinweise zu geben, wo sie das passende Programm für sich finden», sagte Chatrian. Darüber würden sie derzeit sprechen. Bei einem Festival gehe es außerdem darum, eine bestimmte Dramatik, ein überwältigendes Narrativ zu schaffen. «Man braucht also etwas, das etwas Würze und Überraschung mitbringt. Auch daran arbeiten wir.»

Fragt man die beiden nach ihren bevorzugten Plätzen im Kino, hört man unterschiedliche Antworten. «Ich sitze gerne hinten an der Seite. Von dort bekommt man mit, wie die Leute vorne im Publikum reagieren», sagte Rissenbeek. Chatrian dagegen will sich nicht ablenken lassen und sitzt gerne in den ersten Reihen. «Das wird aber schwierig, wenn Du vorne sitzt und ich hinten», sagte Rissenbeek scherzhaft. Chatrian: «Das diskutieren wir dann noch.»



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