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Alles nur Phrasen?

Zur Weltklimakonferenz: Tobias Timm im Interview

In Bonn findet derzeit die Weltklimakonferenz statt. Rund 25 000 vor allem jüngere Menschen nehmen an der Tagung teil, von der ein Signal an alle Staaten der Welt ausgehen soll, die vor zwei Jahren in Paris getroffenen Vereinbarungen zur Begrenzung des Temperaturanstiegs auf zwei Grad bis zum Ende dieses Jahrhunderts umzusetzen. Einer der Teilnehmer war an den ersten Tagen auch Tobias Timm, der Geschäftsführer der Klimaschutzagentur Weserbergland. Wir haben ihn dazu interviewt.

veröffentlicht am 09.11.2017 um 12:26 Uhr

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Autor

Wolfhard F. Truchseß Reporter
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Herr Timm, was hat Sie veranlasst, die Weltklimakonferenz in Bonn zu besuchen?
Tobias Timm: Eine Einladung des Bundesumweltministeriums und des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. Von beiden wurde am Dienstag eine Podiumsdiskussion zu der Frage veranstaltet, welche Rolle Kommunen im Bereich des Klimaschutzes einnehmen und wie Kommunen diese Rolle stärken können, indem sie Netzwerke eingehen und Netzwerke aufbauen.

Welche zentralen Antworten gab es denn dazu auf dieser Podiumsdiskussion?
Zunächst haben die vier Diskutanten ihre Institutionen vorgestellt, wobei ich dargelegt habe, wie die Kommunen im Weserbergland ihre Aufgaben im Bereich Klimaschutz gebündelt und dazu die Klimaschutzagentur Weserbergland gegründet haben. Beim Feedback der Teilnehmer wurde diese Initiative als ein nachahmenswertes Beispiel sowohl national als auch international bewertet.

Gibt es Staaten, die sich daran ein Beispiel nehmen wollen?
Ja, da war zum Beispiel ein Vertreter aus dem afrikanischen Staat Benin, der mit seinen kleinteiligen Strukturen sehr an der Frage interessiert ist, wie das Land von dieser hier praktizierten Bündelung lernen kann.

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Haben Sie denn auch Erkenntnisse für unsere Region von dieser Veranstaltung mitgenommen?
Besonders interessant kann für uns ein Projekt der nordrhein-westfälischen Stadt Herten sein, die vor einem massiven Strukturwandel steht, weil sie früher praktisch nur vom Kohleabbau lebte. Herten hat ein interessantes Mobilitätskonzept mit verschiedenen Anreizen entwickelt, das wir uns jetzt genauer anschauen wollen. Ein weiterer Informationsaustausch dazu ist bereits für die kommende Woche auf einer Tagung in Frankfurt verabredet.

Der Anteil der deutschen Produktion am weltweiten CO2-Ausstoß beträgt nur zwei Prozent. Sind Ihre Anstrengungen auf dem lokalen Markt zur Verringerung der Emissionen nicht nur ein winziger Tropfen auf den heißen Stein?
Messtechnisch können wir nur feststellen, dass in den vier von uns betreuten Kommunen der Energieverbrauch und damit auch der CO2-Ausstoß in den vergangenen beiden Jahren im kommunalen Sektor um bis zu 20 Prozent gesenkt wurde. Das ist ein riesiger Erfolg vor Ort.

Was bedeutet das in konkreten CO2-Mengen?

Das kann ich so von hier aus nicht sagen. Aber da ist von 2010 bis 2015 nicht allzu viel passiert, obwohl wir die Kampagne „Mach Dein Haus fit!“ durchgeführt haben und kommunales Energiemanagement betreiben.

Woran liegt das?
Durch die kommunalen Einrichtungen werden nur 10 bis 15 Prozent der vor Ort entstehenden CO2-Emissionen verursacht. Und nur die sind durch uns direkt zu beeinflussen. Was wir machen, ist trotzdem wichtig, denn dabei wird gezeigt, wie das funktioniert. Und die Kommunen haben dabei eine wichtige Multiplikatorfunktion. Von viel größerer Bedeutung sind allerdings die vom Bund vorgegebenen Rahmenbedingungen.

Welches sind denn in Deutschland die größten CO2-Emittenten?
Das sind vor allem die Stromproduzenten. Deutschland ist der größte Stromproduzent aus Braunkohle weltweit. Und da frage ich mich, ob wir uns das als eines der reichsten Industrieländer überhaupt erlauben wollen und müssen, dass wir auf eine veraltete Technologie setzen, die überholt, schmutzig und ineffizient ist.

Brauchen wir diesen Kohlestrom überhaupt?
Das ist ja das Schärfste daran: Wir produzieren damit einen absoluten Stromüberschuss in Deutschland und exportieren diesen Kohlestrom mit jährlichen Zuwachsraten ins Ausland.

Reichen denn die erneuerbaren Energien für den Industriestandort Deutschland?
Heute kommen wir mit den erneuerbaren Energien noch nicht ganz aus. Aber anstelle der Kohlekraftwerke könnten die wesentlich effizienteren Gaskraftwerke betrieben werden. Nur ist das für die Betreiber derzeit nicht wirtschaftlich machbar, weil es vom Staat dafür keine entsprechenden Anreize gibt. Stattdessen werden die abgeschriebenen alten Kohlekraftwerke weiter befeuert, was klimatechnisch überhaupt keinen Sinn macht.

In Berlin wird im Augenblick über einen Koalitionsvertrag gepokert. Rechnen Sie da mit positiven Ergebnisse in diesem Bereich?
Wir werden die im Jahr 2007 für 2020 gesetzten Klimaziele nach heutigem Stand um acht Prozentpunkte verfehlen. Maßgeblich verantwortlich dafür ist, dass wir in den vergangenen vier bis fünf Jahren einen absoluten Stillstand bei der CO2-Reduktion erlebt haben. Das spiegelt sich auch in den Ergebnissen im Weserbergland wider, die wesentlich durch die vom Bund vorgegebenen Rahmenbedingungen beeinflusst werden.

Was wäre denn Ihr Wunsch an die künftige Klimapolitik einer neuen Bundesregierung?
Den Worten müssen endlich auch Taten folgen. Deutschland darf nicht länger nur Vorreiter bei der Ankündigung ehrgeiziger Ziele sein. Als Erstes brauchen wir jetzt einen Fahrplan zum Ausstieg aus der Kohleverstromung.

Was kann die Weltklimakonferenz in Bonn dazu beitragen?
Das wichtigste Ziel ist, in Bonn eine klare Bilanzierungsregel hinzubekommen, mit der die Einsparmengen der Vertragsstaaten des Pariser Abkommens vergleichbar werden. Schwerpunkt zwei muss sein, festzulegen, wie die Industriestaaten die Schwellen- und Dritte-Welt-Länder beim Erreichen der Klimaziele unterstützen.

Ist Bonn mit der Teilnahme von rund 25 000 vor allem junger Menschen nicht eher nur eine deklamatorische Veranstaltung?
Das ist vor allem eine Veranstaltung, die Mut macht, weil von ihr Signale ausgehen werden.

Noch einmal: Ist das nicht eher eine Art Kirchentag für den Klimaschutz?
Das ist diese Konferenz sicher auch. Das finde ich aber wichtig. Denn es zeigt, dass eine sehr breite Masse vor allem junger Menschen dieses Thema besetzt hat. Ich wünsche mir, dass von dort auch ein klares Signal nach Berlin geht, weitere Anstrengungen dafür zu unternehmen, dass wir die für 2020 gesetzten Klimaschutzziele erreichen. Die ganze Welt blickt auf Deutschland, das immer noch als Energiewendeland Nummer 1 gilt. Deutschland muss umsetzen, was in Bonn beschlossen wird. Auf der letzten Klimakonferenz wurde es zum „Fossil“ der Konferenz ernannt, weil es seine Klimaschutzziele nicht konkret benennen konnte. Diesbezüglich habe ich hohe Erwartungen an die zukünftige Bundesregierung, dass endlich echte Ziele benannt werden – hinsichtlich der Kohleverstromung und des Verkehrs. Da machen uns viele andere Staaten etwas vor. Frankreich und Holland zum Beispiel wollen mit dem Verbrennungsmotor Schluss machen. Nur wir halten noch an alten Techniken fest. Das finde ich gefährlich.

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