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„Abreisementalität“ stark ausgeprägt

Wie wird Hameln für Studenten interessanter?

HAMELN. Hameln ist einfach langweilig - so das vernichtende Urteil einer Befragung von Studierenden der Hochschule Weserbergland (HSW). Aber was kann getan werden, um diese Einschätzung zu entkräften oder sogar ins Gegenteil zu kehren? Dr. André von Zobeltitz, Professor für Marketing und Methodenkompetenz an der HSW, hat einige Vorschläge parat.

veröffentlicht am 13.03.2017 um 11:22 Uhr
aktualisiert am 13.03.2017 um 13:35 Uhr

Gerne mal abheben: Junge Menschen wünschen sich mehr Veranstaltungen, die auf sie zugeschnitten sind. Foto: dpa
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Alda Maria Grüter Reporterin
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Eine Studie legt schonungslos die Stärken und Schwächen Hamelns offen, wenn es um die Frage geht, wie junge Menschen dazu bewegt werden können, längerfristig an die Rattenfängerstadt zu binden. Verfasser ist Dr. André von Zobeltitz, Professor für Marketing und Methodenkompetenz an der Hochschule Weserbergland. Er hat die Antworten von 420 dual Studierenden aus Hameln und der Umgebung ausgewertet. Dabei zeigt sich vor allem eins: Hameln genießt den Ruf, eher langweilig zu sein – vor allem mit Blick auf einzelne Highlights und „abendliche Ausgehmöglichkeiten“.

Apropos: Warum der Studie als Beispiel der Landkreis Hameln-Pyrmont zugrunde gelegt wurde, hat einen persönlichen Hintergrund, wie Dr. André von Zobeltitz verrät: „Ich bin in Hameln geboren, aufgewachsen, habe hier das Abitur gemacht, den Zivildienst abgeleistet und bin nach dem Studium in Hannover zum Arbeiten in die Heimatstadt zurückgekommen.“ Nur: Professor von Zobeltitz wohnt seit 13 Jahren nicht mehr in Hameln, sondern in Hannover. „Ich habe mich gefragt: Warum will ich denn nicht zurückziehen? Warum fühle ich mich in Hameln primär als meinem Arbeitsort wohl? Ich war zufrieden, als ich dort gelebt habe, habe aber weiterhin meinen Lebensmittelpunkt in Hannover.“ Für ihn sei die Entscheidung ganz praktischer Natur gewesen: „Einer muss pendeln, entweder meine Frau oder ich. In dem Fall war es praktischer, dass ich es bin, der auswärts arbeitet.“

Faktor Erholung hat einen hohen Stellenwert

Der allgemeine Tenor lautet: „Hier ist nichts los“. Dabei verfügt Hameln mit dem Weserufer über einen Bereich, der hervorragend für Veranstaltungen genutzt werden könnte. Foto: dana
  • Der allgemeine Tenor lautet: „Hier ist nichts los“. Dabei verfügt Hameln mit dem Weserufer über einen Bereich, der hervorragend für Veranstaltungen genutzt werden könnte. Foto: dana

Die Fragen, die sich von Zobeltitz einst selber gestellt hat, würden sich andere junge Leute dann wohl auch stellen, dachte er sich. Das brachte ihn darauf, das Thema wissenschaftlich zu untersuchen und der Frage nachzugehen, welche über das Persönliche hinausgehenden Faktoren jemanden dazu bringen, mit dem Wohnort zufrieden zu sein und sich damit verbunden zu fühlen. „Wichtig ist, zwischen Zufriedenheit und Verbundenheit mit dem Ort zu unterscheiden, um daraus Rückschlüsse auf die Entscheidung zu ziehen, ob man irgendwo anders hinzieht oder es lässt“, sagt von Zobeltitz. Sich mit einem Wohnort verbunden zu fühlen sei für die Wohnentscheidung viel wichtiger als die Zufriedenheit. „Zufriedenheit ist eher die kurzfristige Perspektive, soll heißen, ob man mit der Ist-Situation zufrieden ist. Die Verbundenheit ist die emotional langfristige Komponente.

Definitiv sind es aber zwei unterschiedliche Aspekte, die einander nur teilweise bedingen.“ Das Modell zeige, dass Personen, die sich mit einer Region verbunden fühlen, tendenziell auch zufrieden seien, dort zu wohnen. „Anders herum ist das nicht der Fall. Man kann zufrieden sein mit dem Ort, aber das hat keine direkten Auswirkungen darauf, dass man sich mit dem Ort verbunden fühlt.“ Eine Empfehlung, die daraus resultiert: Städten und Regionen sollte es wichtiger sein, Dinge zu fördern, die die Verbundenheit schaffen beziehungsweise erhöhen, weil sich das auf die Zufriedenheit auswirke als stattdessen in erster Linie an die Zufriedenheit zu denken, weil das keinen indirekten Einfluss auf die Verbundenheit habe. Ergebnisse der Studie belegen, dass entscheidende Treiber vor allem zwei Aspekte seien: die Lebendigkeit und die Erholsamkeit. Abgesehen von einem lebendigen Nachtleben hat der Faktor Erholung einen extrem hohen Stellenwert unter den Befragten. An dritter Stelle steht die Geselligkeit, gefolgt von den Faktoren Sportangebot, Ästhetik der Gebäude und kommerzielle Angebote.

In Bezug auf den Faktor Lebendigkeit kann Hameln wenig punkten. Lebendigkeit bezieht sich auf die Wahrnehmung eines „regen Lebens“ in der Stadt, auf die Häufigkeit von interessanten Veranstaltungen in der Wohnumgebung. „Hier sollten Marketingmaßnahmen darauf ausgerichtet sein, dass beständige Treffpunkte bestehen.“ Insbesondere sollten eine Belebung der Innenstadt sowie eine Nutzung der wassernahen Flächen für die Marketingakteure von hervorgehobenem Interesse sein, so von Zobeltitz weiter. Besondere Events zu organisieren, die bei jungen Leuten gut ankommen, würden außerdem die Bekanntheit der Region erhöhen, Wirtschaft und Tourismus stimulieren sowie die Attraktivität der Region nach innen steigern. Der Tourismus, sagt von Zobeltitz weiter, äußere ähnliche Wünsche wie junge Menschen beziehungsweise junge Familien: Anreize zu haben, die einen überzeugen, (länger) in Hameln zu leben. Die Studierenden seien stark von einer „Abreisementalität“ geleitet, verbringen eher selten mit anderen Kommilitonen das Wochenende in Hameln.

Der allgemeine Tenor lautet: „Hier ist nichts los.“ Tatsächlich, so von Zobeltitz weiter, müsse ein Umdenken stattfinden und die Zielgruppe stärker ins Visier genommen werden. Es müssen Anreize geboten werden, die junge Menschen davon überzeugen, dass Hameln sich lohne. Denkbar seien der Ausbau und die Förderung von vorhandenen Sport- und Freizeitstätten – etwa die Verstärkung des Wassersportangebots, die Schaffung von Strandanlagen an der Weser, Konzerte, Open-Air-Kino, weitere Veranstaltungen an der Weser sowie generell der Ausbau vorhandener und die Förderung neuer Freizeitmöglichkeiten.

Hameln hat gegenüber Jugendlichen ein Kommunikationsproblem.

Dr. André von Zobeltitz, Professor für Marketing und Methodenkompetenz an der HSW

Gleichwohl: Hameln sei vielleicht gar nicht so schlecht wie der Ruf bei den Jugendlichen ist, mutmaßt von Zobeltitz – in diesem Zusammenhang stelle sich die Frage: Was tut die Stadt, um Studierende zu informieren, welches Potenzial sich versteckt? Von Zobeltitz: „Hameln hat gegenüber Jugendlichen ein Kommunikationsproblem.“ Viele der Studierenden wüssten nicht einmal, dass es hier ein Kino gibt. Warum kann das Stadtmarketing nicht in die Stadtrallye der Erstsemester eingebunden werden und darüber informieren, was in Hameln alles los ist? Oder ein Faltblatt, eine Art „Night-Guide“ mit allen Infos und Aktivitäten speziell für Studierende/ junge Leute verteilen, dem Gutscheine, Bonusangebote, Studentenrabatte von beispielsweise Kneipen, Restaurants, Theater, Kino, Sportclubs und so weiter beigefügt sind?

Überhaupt sei es sinnvoll, Synergieeffekte zu generieren: Über das duale Bachelorstudium hinaus, sollten sich Unternehmen für die Förderung des Masterstudiums einsetzen, um so potenzielle und qualifizierte Mitarbeiter zu binden. Es sei ein starker Wunsch der Studierenden, auch ein Masterstudium in Hameln absolvieren zu können, so Zobeltitz. Dies wiederum sei für den Verbleib am Ort mitentscheidend. Die Studie stößt derweil auf positive Resonanz: „In der HSW sowie auch mit Partnern der Stadt Hameln sind wir bereits in Gesprächen, wie wir die Ergebnisse praktisch nutzen können, und werden hier sicherlich noch in diesem Jahr etwas umsetzen“, sagt André von Zobeltitz.

Online: Die Studie von Prof. Dr. André von Zobeltitz kann angefordert werden über den Bibliotheksverbund unter https://www.gbv.de

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