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Wie viele Freunde braucht der Mensch?

Aus neun verschiedenen Ländern kamen Schriftsteller, Verleger und Übersetzer für vier Tage zum jährlichen Literaturfest „Poetische Quellen“ auf dem wunderschönen Gelände der „Aqua Magica“ zwischen Bad Oeynhausen und Löhne zusammen, um sich auf unterschiedlichste Weise mit dem Thema „Freundschaft“ auseinanderzusetzen. Dabei war besonders spannend ein Gespräch zwischen zwei Schweizer Autoren, die unterschiedlicher kaum sein können, sowohl, was ihr Auftreten als auch was die Bücher und Thesen betraf, die sie vorstellten.

veröffentlicht am 29.08.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Cornelia Kurth

Alain Claude Sulzer, jugendliche 60 Jahre alt, smart in seinem legeren Anzug und dabei doch eher kühl zurückhaltend, er traf auf den lebhaften Intellektuellen Iso Camartin, der, 71-jährig, an einen Studenten erinnerte, so wie er sich kopfüber und mit Leib und Seele in Gespräche stürzte, als habe er nicht in Wirklichkeit schon alles hundert Mal durchdacht. „Man sucht sich die Freunde nicht aus“, sagte Alain Claude Sulzer gleich zu Beginn, und an der Körperbewegung von Iso Camartin konnten die vielen Zuhörer, die den beiden Autoren auf der hoch ansteigenden Naturbühne gegenüber saßen, schon ablesen, dass er damit den entschiedenen Widerspruch seines Kollegen herausfordern würde.

Zunächst aber las Sulzer einen Abschnitt aus seinem aktuellen Roman „Aus den Fugen“, der in den nächsten Tagen erscheinen wird. Darin treffen zwei gutbürgerliche Frauen mittleren Alters aufeinander, Freundinnen seit vielen Jahren schon, beide verunsichert, die eine, weil sie mit dem Altern hadert, die andere, weil sie gerade von ihrem Mann verlassen wurde und spürt, wie sehr sie dadurch in den Augen ihrer Umgebung an Status verliert. Einander wirklich helfen können sie nicht, zu sehr ist die ältere Freundin darauf bedacht, aus der Schwäche der anderen eigene Stärke zu beziehen.

Sulzer erzählt mit genauem Blick, aber ohne große Anteilnahme, und erstaunt die Zuhörer mit den Worten, er hänge sehr an seinen Figuren und in mancherlei Hinsicht erkenne er sich in ihnen selbst wieder. Iso Camartin hört aufmerksam und lächelnd zu, während Moderator Jürgen Keimer die sich allen aufdrängende Frage stellt: „Ist das Freundschaft? Ist Freundschaft in bürgerlichen Konkurrenzverhältnissen überhaupt möglich?“

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  • Autor Iso Camartin meint, dass der Begriff Freundschaft eine große Spannbreite an Deutungen mit sich bringt. Foto: pr.
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  • Menschen stehen im Kreis und führen ihre Hände gemeinsam zur Mitte – ein Zeichen des Zusammenhalts. Foto: Fotolia

Für Sulzer scheint das eine eher abwegige Frage zu sein. „Ich habe gerne viele Freunde, aber ich erwarte nicht so viel von jedem einzelnen“, sagt er. „Lässt mich einer im Stich, dann war es das eben. Es gibt auch noch andere Menschen, nicht nur diesen einen.“

Da kann jetzt Iso Camartin nicht mehr still sein. Sein Buch „Im Garten der Freundschaft“ gilt als leidenschaftliches Plädoyer für die Suche nach „wahrer“ Freundschaft. Der Protagonist ist ein Bibliothekar, der von einem „Großmogul aus Samarkand“ als Privatsekretär eingestellt wird, um an einem „Palast der Freundschaft“ mitzuwirken, und der nun von Grund auf über das Phänomen der Freundschaft nachforscht. „Ist es nicht so, dass sich fast jeder Mensch die Frage stellt, welche Rolle die Freundschaft in seinem Leben spielt und was für ein Bindemittel es ist, das die Menschen zusammenhält“, sagt er. „Es gibt doch diese Passion für andere Menschen, diese Bereitwilligkeit zur Hingabe. Wie kann man da einfach sagen: ’Es ist vorbei?‘“

Alain Claude Sulzer lehnt sich zurück und stellt dagegen, er kenne Menschen, die gar keine Freunde haben und auch nicht danach suchen, seine Eltern zum Beispiel, für die schon immer nur die Familie gezählt habe. „Jetzt sind sie sehr einsam, außer meinem Bruder und mir gibt es da niemanden mehr.“ Vielleicht bedeute es ihm deshalb so viel, einen möglichst großen Freundeskreis zu besitzen. „Das sind nicht immer die engsten Freunde, aber ich komme sehr viel rum, kommuniziere mit Menschen auch intensiv über Emails oder sonst das Internet, so entstehen Freundschaften eben.“ Er habe 100, vielleicht 200 Freunde, und das lasse er sich nicht verderben, auch nicht von seiner Mutter, die in der Vielzahl seiner Freundschaften etwas Frivoles sähe.

„Na ja“, sagt Camartin, „in der Umgangssprache treiben sich unzählige ,Freunde‘ herum.“ Ganz wie der Bibliothekar in seinem Buch verweist er auf die sprachlichen Ursprünge des Begriffes, der tatsächlich sowohl im Deutschen, als schon viel früher im Griechischen zunächst nicht zwischen Freundschaft und Verwandtschaft unterschied. Auch sei ihm bewusst, dass es zwischen dem „echten Freund“ und dem zweifelhaften „sauberen Freund“ eine ganze Spannbreite von Freundschaftsstufen gäbe. Er nennt da einige typische Sprüche, die solche Differenzierungen verbildlichen: „Je größer der Schinken, desto zahlreicher die Freunde“, „Wer die Zähne verliert, verliert auch die Freunde“, oder „Wer mit jedem Freund ist, kann kein richtiger Freund sein.“

„Aber“, hält er dem Kollegen Sulzer entgegen: „In früheren Zeiten waren Freundschaften eher aufgezwungen, mitgegeben, wie die Verwandtschaft oder andere Beziehungen, denen man einfach nicht entkommen konnte. Ich sehe es als riesigen Schritt in der Menschheitsentwicklung, dass man Freundschaft inzwischen als etwas frei Gewähltes auffasst.“ gerade deshalb, weil man seine Freunde erwähle, habe man nicht das Bedürfnis, sie zu verändern, zu erziehen. Man kritisiere, sage die Wahrheit, natürlich, aber niemals mit der Absicht, zu verletzen. „Wo ein Freund einen anderen verletzen kann, wo sich jemand verletzt fühlt, ist es schon keine richtige Freundschaft mehr.“ Für ihn sei Freundschaft die von Zynismus freieste Beziehung. „Zynismus, das ist Selbstschutz, den man einsetzt, wo man sich nicht gleichberechtigt fühlt. In einer echten Freundschaft ist das gar nicht möglich.“

Jetzt ist es Sulzer, der lächelt, der sich übrigens gar nicht angegriffen zu fühlen scheint, obwohl doch Camartins Ausführungen ihm indirekt unterstellen, er mit seinen 100 Freunden, wisse vielleicht gar nicht, was Freundschaft wirklich sei. „Das ist doch alles viel zu idealisierend“, sagt er. „Wenn man den Begriff der Freundschaft so eng fasst, dann kann man wirklich nur wenige Freunde haben, wenn überhaupt.“ Auch Moderator Jürgen Keimer wendet ein: „Bei diesem hohen Anspruch allerdings wird die Luft dünn und die Freundschaft rar, oder nicht?“

Auch das Publikum ist inzwischen gespalten. Überall flüstert man sich Bemerkungen über den eigenen Freundschaftsbegriff zu. „Hier wird überhaupt nicht zwischen ,Freunden‘ und „guten Bekannten‘ unterschieden“, murmelt eine Frau. „Ist ein Geschäftsfreund für dich ein Freund?“, fragt leise ein Mann seinen Nachbarn. „Ja“, sagt der, „sonst hätte ich fast keine Freunde mehr.“ - „Und deine Frau, ist sie auch deine Freundin?“ so der Mann. Der andere zuckt nur mit den Schultern.

Iso Camartin macht es ja Spaß, seine Freundschaftsthesen so auf die Spitze zu treiben, und dieser Spaß teilt sich auch im Buch „Im Garten der Freundschaft“ mit. Der Bibliothekar ist da ja nicht alleine. In Venedig trifft er auf eine Frau, in die er sich verliebt und die ihm entgegnet: „Ich brauche keinen Geliebten, ich brauche einen Freund.“ Als der Bibliothekar ihr von seinen Studien für den „Palast der Freundschaft“ erzählt, lacht sie ihn aus. „Du weißt vielleicht viel“, sagt sie, „aber verstehen tust du nichts!“ Freundschaft sei nicht einfach das heile Leben, sondern oft genug eine Zumutung. Die auszuhalten, das lebendige Gegenüber auch dann noch zu lieben, wenn es gegen das Ideal verstößt, darauf käme es an.

Viele Leser hätten ihm gesagt, diese Frau aus Venedig sei ihnen unsympathisch, in der ganzen Art wie sie dem Bibliothekar die Leviten liest. „Den meisten tut es wohl gut, so ein großes, intellektuelles Bild der Freundschaft unzerstört zu lassen“, meint er. Aus beiden Blickwinkeln zusammen aber bilde sich die Vorstellung von jeweils höchst individuellen Freundschaften, die man genauso wenig gegen andere austauschen könne, wie eine Liebe gegen die andere.

Und noch einen Gewinn habe die Begegnung zwischen seinen beiden Hauptfiguren gebracht. Aus dem „Palast der Freundschaft“ wird ein „Garten der Freundschaft“. Schriftstellerkollege Sulzer nickt und fragt: „Hätte denn jemand wie ich in diesem Garten einen Pavillon?“ – „Nun“, antwortet Camartin: „Ich nehme an, jede Menge davon.“

Wo fängt Freundschaft an und wo hört sie auf? Welche Bindungen halten Menschen zusammen? Und was sind wahre Freunde? Die Ansichten zum Thema Freundschaft sind so unterschiedlich wie manche Freunde selbst – und sie bieten reichlich Diskussionsstoff. Einblicke in ein Streitgespräch.

„Wer die Zähne verliert, verliert auch die Freunde“

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