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Wetteifern um die Seelen der Sinti

Wie sich christliche Missionare um die Familie Weiß bemühten

Unter christlichen Missionaren sind Sinti heiß begehrt. Zumindest um die Hamelner haben sie regelrecht gebuhlt. In einem neuen Teil unserer Serie geht es um den Glauben - und den Weg dahin.

veröffentlicht am 14.09.2017 um 19:43 Uhr

Eine alte Aufnahme aus der Sinti-Missionsgemeinde in Wehrbergen. Hildegard Graf (unten: 3. v. re.), von den Sinti „Tante Graf“ genannt, war sehr um Familie Weiß bemüht und unterstützte sie auch außerhalb der Gemeindetätigkeit. Reilo Weiß (2. v. re.)
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Familie Weiß ist in Hameln ein Begriff. Fast jeder hat von ihr gehört. Fast jeder hat eine Meinung über sie. Häufig ist sie negativ – selbst wenn es keinerlei Berührungspunkte mit der Sinti-Familie gibt. In der Serie „Familie Weiß“ beleuchtet die Dewezet Geschichte und Gegenwart der Hamelner Sinti, stellt Vorurteile auf den Prüfstand und lässt die Angehörigen dieser staatlich anerkannten nationalen Minderheit zu Wort kommen.

Schon als die Familie Weiß noch im Wohnwagenlager am Rettigs Grund lebte, tauchten dort regelmäßig Vertreter unterschiedlicher Gemeinden auf und bemühten sich um die Gunst der Sinti. Christlichen Glaubens waren sie zwar bereits. Die Missionare wollten sie aber zum evangelikalen Glauben bewegen. Im Unterschied zur evangelischen und katholischen Kirche zeichnet sich der Evangelikalismus durch Bibeltreue und die persönliche Beziehung zu Jesus Christus aus. Davon sollten sie nun überzeugt werden. Einer der ersten Geistlichen, die sich mit den Hamelner Sinti in Verbindung setzten, war Georg Althaus. Allerdings nicht aus rein religiösen, sondern auch aus gesellschaftspolitischen Gründen. Bereits 1959 hatte sich der Pfarrer der ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig in den Konflikt zwischen der Familie Weiß und der Stadt Hameln über den Aufenthaltsort der Sinti eingeschaltet. Als Gründer des „Pfarramts für den Dienst an Israel und den Zigeunern“ machte sich der bundesweit bekannte sogenannte „Zigeunerpastor“ für eine menschenwürdige Unterkunft der Sinti stark.

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Der „Zigeunerpastor“ Georg Althaus

Als Gegner des Nationalsozialismus saß Pastor Georg Althaus kurzzeitig im Gefängnis. Nach 1945 kritisierte er die Kirche für ihr Verhältnis zur Naziherrschaft. Er gründete das „Evangelisch-lutherische Pfarramt für den Dienst an Israel und den Zigeunern“. Ab Mai 1959 unterstützte der als „Zigeunerpastor“ bekannte Althaus auch die Hamelner Sinti. Er besuchte die Familie Weiß am Rettigs Grund, wurde bei der Stadt vorstellig und richtete sich mit ausführlichen Schreiben an die Verwaltung. Zu seinen Forderungen zählten moderne Toiletten, eine Wasserleitung und gegebenenfalls feste Wohnunterkünfte – stieß bei der Stadt damit aber auf taube Ohren. Stadtdirektor Johannes Wagner schrieb am 21. Mai 1959 an Althaus: „Sie werden, sehr geehrter Herr Pastor, verstehen, dass die Stadt die Zigeuner nicht bevorzugt behandeln kann. Das würde die übrige Bevölkerung nicht verstehen und würde unter Umständen zu einer Reaktion der Bevölkerung führen, wie sie andernorts bereits zu verzeichnen war, aber weder im Interesse der Stadt, aber schon gar nicht im Interesse der Zigeuner läge.“ Darüber hinaus setzte sich Althaus auch für das Wohl einzelner Sinti ein, unter anderem auf Bitten der Hamelnerin Gertrud von Reden. Letztere hatte ihn bei dem Versuch um Unterstützung gebeten, für die „Erholungsunterbringung“ mehrerer Sintezza Gelder von der Stadt bewilligt zu bekommen. Renate „Katza“ Ebernickel, geb. Weiß, hat Georg Althaus persönlich gekannt.

„Er war ein guter Mann, der viel für die Sinti getan hat“, sagt die einstige Schaustellerin. Im Rückblick ist Georg Althaus nicht unumstritten. Auch er hing stereotypen Bildern von Sinti an. Außerdem hatte er offenbar keine Bedenken, die Sinti zu bevormunden. Davon zeugt ein Vermerk in seinem Bericht über eine sogenannte „Zigeunermissionskonferenz“. Dort steht: „Streng vertraulich: Um des Misstrauens der Zigeuner willen nicht für deren Augen bestimmt.“

Die Hamelner Sinti waren zunächst katholischen Glaubens gewesen. Die Stadt Hameln erwog deshalb kurzzeitig, die katholische Kirche für die Lösung des „Zigeunerproblems“ hinzuziehen. „Ich bin nämlich zu der Überzeugung gekommen, dass wir allmählich Ordnung bei den Zigeunern nur dann bekommen, wenn sie einer eingehenden Betreuung teilhaftig werden“, schrieb Stadtdirektor Johannes Wagner am 9. November 1963 nach einem Gespräch mit einem katholischen Kaplan an die Dezernenten von Ordnungs- und Sozialamt. „In Hildesheim ist das vorbildlich gelöst. Ich halte daher eine Beteiligung der katholischen Kirche für überaus wünschenswert und nützlich.“

Reilo Weiß Foto: pk
  • Reilo Weiß Foto: pk
Georg Althaus Foto: Reilo Weiß/pr
  • Georg Althaus Foto: Reilo Weiß/pr
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Es blieb bei der Idee. Ein Jahr später wurde der Wohnwagenplatz am Rettigs Grund geräumt und seine Bewohner in der Sozialbausiedlung am Hamelwehr untergebracht (wir berichteten).

Aber zurück zur Missionsarbeit. Befeuert wurde dieses Bestreben durch die Hamburger Sturmflut 1962. Wie durch ein Wunder waren die Wohnwagen der Hamburger Sinti-Sippe Weiß von der Flut verschont worden. Daraufhin lief die Missionarin Gertrud Wehl, die mit ihren Bekehrungsversuchen dort bis dahin gescheitert war, bei den Sinti offene Türen ein.

In der Erinnerung von Marlene Weiß (75) war es auch jene „Schwester Gertrud“, die den Sinti am Rettigs Grund einen ausgedienten Postbus organisierte, der fortan als Gemeindesaal genutzt wurde. Die Verbindung liegt nahe. Zwischen der Hamelner Familie Weiß und den Hamburger Sinti gleichen Namens bestehen verwandtschaftliche Beziehungen. In der Wehl-Biografie „Die Chali hat uns Gott geschickt“ (2002) von Lothar von Seltmann ist zu lesen: „Sie (Gertrud Wehl; Anm. d. Red.) reiste auch nach Bremen, Kiel, Buxtehude, Stade, Hameln und sonst wohin ins Land, wo sie von Lagerplätzen des dunkelhaarigen Volkes erfuhr, das ihr immer mehr ans Herz wuchs.“ Auch Hildegard Graf von der „Landeskirchlichen Gemeinschaft“ an der Sandstraße suchte die Sinti am Rettigs Grund auf. „Sie hielt auf der Wiese Stunden mit den Kindern“, sagt Marlene Weiß. Später auch im Philipp-Spitta-Haus an der Sandstraße. Auch bei Behördengängen war „Tante Graf“, wie die Sinti sie nannten, der Familie Weiß behilflich, den Kindern half sie bei den Hausaufgaben. Pastor Harald Specht vom Freien Evangelischen Zentrum erinnert sich ebenfalls: „Sie hatte schon früh eine Antenne für die Sinti-Familien, vor allem für die Kinder und Jugendlichen, und sich über Jahre sehr beständig um sie gekümmert und ihnen dabei den evangelischen Glauben nähergebracht.“ Eines dieser Kinder war Marlene Weiß’ Sohn Rigo Weiß (51). „Sie war eine glaubhafte, überzeugende Christin“, sagt dieser.

Aus Hildesheim missionierte Konrad „Konny“ Semenczuk als Vertreter einer Pfingstgemeinde am Rettigs Grund. Auch er predigte in dem Gemeindebus, wie sich eine seiner Bekehrten erinnert. Die Hamelnerin Bluma Weiß (88) überlebte mehrere Konzentrationslager, viele ihrer Angehörigen wurden von den Nazis ermordet. Der Glaube, sagt sie, habe ihr den Hass auf die Deutschen genommen. 1967 suchte der Pastor (und spätere Gründer der „Partei Bibeltreuer Christen“ [1989]) Gerhard Heinzmann erstmals die Hamelner Sinti auf. Als Vertreter der freikirchlichen Pfingstgemeinden hatte er ein Jahr zuvor die „Internationale Zigeunermission“ (heute: „Internationales Hilfswerk für Zigeuner“) gegründet. Zu seiner Missionsarbeit unter Sinti fühlte er sich eigenen Angaben zufolge von Gott berufen.

Als Heinzmann nach Hameln kam, lebte Familie Weiß bereits seit drei Jahren am Hamelwehr. Mit den Glaubensbrüdern und -schwestern der Sinti hielt er über Jahre hinweg Gottesdienste in Wohnungen und Zelten ab und sprach die Trauerreden bei Beerdigungen, wie er sagt. Gemeinsam gingen sie in den Sommermonaten auf Zeltmission. „Wir haben das Reiseliebhaben der Sinti genutzt“, räumt Heinzmann über seine Missionstätigkeit sein. „Wir waren 14 Tage hier, 14 Tage da. Da sind die Sinti dann tagsüber ihren Geschäften nachgegangen und abends in den Gottesdienst gegangen.“

Über Hildegard Graf kam schließlich der Kontakt zur „Mission für Süd-Ost Europa“ zustande. Die 1903 gegründete Mission, die sich unter anderem der Arbeit unter Sinti verschrieben hat, schickte 1984 eine Frau namens Maria Dams aus dem Lipperland nach Hameln. Neben der Missionsarbeit gab sie den Sinti-Kindern Hausaufgabenhilfe sowie Deutschunterricht und unterstützte die Erwachsenen beim Umgang mit den Behörden, schildert Andreas Weißbach, Pfarrer a. D. der Lippischen Landeskirche.

Weißbach, der bis 2012 bei der ev.-reformierten Gemeinde in Kalletal-Langenholzhausen tätig war, hatte Anfang der 80er Jahre den „Verein für evangelistische und soziale Arbeit unter Sinti und Roma“ gegründet. Der Verein und Dams sorgten dafür, dass die Glaubensgemeinschaft der Hamelner Sinti ein Gemeindehaus bekommt. Sie kauften die alte Gaststätte am Fährweg in Wehrbergen auf. Seitdem befindet sich dort die Sinti-Missionsgemeinde Hameln.

Aber nicht alle Hamelner Sinti sind heute in der dortigen Gemeinde zuhause. Manche gehören anderen freikirchlichen Gemeinden an, etwa dem Freien Evangelischen Zentrum. Letzteres veranstaltet jeden Donnerstag einen „Sinti-Gottesdienst“. Wieder andere sehen ihren Glauben in keiner Gemeinde richtig repräsentiert und üben ihn lieber im privaten Kreis aus.

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Ein Hamelner übersetzte das Neue Testament ins Romanes

Vor fast 30 Jahren begann ein Sinto mit der Übersetzung des Markus-Evangeliums“, ist auf der Website des Vereins „Romanes-Arbeit Marburg“ zu lesen. Was dort nicht steht: Dieser Sinto ist ein Hamelner. Reilo Weiß (69) hat dafür gesorgt, dass das Neue Testament in die Sprache der Sinti übersetzt wurde: ins Romanes. Weiß, der sich das Lesen selbst beibrachte, kam eines Tages bei der Bibellektüre auf den Gedanken, „das Wort Gottes“ ins Romanes zu übersetzen. „Damit mein Volk auch eine Bibel in seiner Sprache hat“, sagt er. „Da habe ich ein paar Verse übersetzt, aber ich war ja nur ein halbes Jahr in der Schule.“ Das war 1986. Unterstützung bekam er von Glaubensbruder Matthias Dams, der in den 80er Jahren mit seiner Schwester, der Missionarin Maria Dams, in der Sinti-Missionsgemeinde in Wehrbergen lebte. „Ich übersetzte, und er schrieb alles auf.“ Für ein paar Verse hätten sie manchmal Tage gebraucht. „Zum Beispiel das Wort ,Gemüt‘ gibt es so im Romanes gar nicht.“ Mit einem Österreicher von dem evangelikalen Verein Wycliff schloss sich ein weiterer Glaubensbruder dem Übersetzungsprojekt an. Weitere Wycliff-Mitarbeiter stießen dazu. Aus Reilo Weiß’ Projekt geht schließlich der Marburger Verein „Romanes-Arbeit“ hervor, der sich ebenfalls an der Übersetzung beteiligt. 2010 geht sie in Druck. Unter Sinti ist die Übersetzung nicht unumstritten. Das Romanes soll den Sinti vorbehalten bleiben. Gadsche, also Nicht-Sinti, soll die Sprache nicht beigebracht werden. „Aber ich bin kein Verräter, bringe keinem Gadscho unsere Sprache bei“, betont Weiß. „Es war Gottes Wille, das Neue Testament zu übersetzen.“ Zudem ist das Romanes nicht einheitlich, es variiert von Region zu Region. Trotzdem ist am Ende eine Übersetzung zustande gekommen. 2011 wurde Weiß in Marburg feierlich ein druckfrisches Romanes-Exemplar des Neuen Testaments überreicht: „O Debleskro Newo Drom“, zu Deutsch: Gottes neuer Weg.

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