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Wie schön es ist, einfach mal böse zu sein

Wie das Schöne in der Kunst besonders berührt, wenn es alle Zweckmäßigkeit hinter sich gelassen hat, so zeigt das Böse erst dann sein wahres Gesicht, wenn es nicht durch Rachegelüste, Eifersucht, Macht- oder Gewinnstreben motiviert ist. Man muss kein sadistischer Folterknecht sein, um kleine böse Taten in seinem Leben zu entdecken, die aus keinem anderen Grund begangen wurden, als dem, böse sein zu wollen und sich am Bösen zu erfreuen. Die nachfolgenden Bekenntnisse haben (fast alle) gemein, dass sie den Befragten auf Anhieb eingefallen sind als autobiografische Beispiele für „das Böse“, das in uns allen steckt. Es sind Miniaturen des großen Bösen, das wir immer nicht begreifen können.

veröffentlicht am 31.08.2012 um 18:34 Uhr

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Autor:

Cornelia Kurth

Ich war 17 und machte ein Praktikum in einer Krabbelgruppe. Mir gefiel die Arbeit ganz gut und die Kleinen mochten mich, auch Lara, ein ziemlich intelligentes Mädchen, zwei Jahre alt. Mir aber ging sie auf die Nerven, weil sie in ihrer Niedlichkeit ständig so empfindlich tat. Immer wenn es an den Mittagsschlaf ging, lag sie in ihrem Bettchen, guckte mich groß an und sagte: „Lara Angst, Lara Angst.“ Erst habe ich noch nette Worte zu ihr gesagt, aber einmal packte es mich und als sie wieder anfing mit ihrem „Lara Angst“, da beugte ich mich zu ihr runter und macht ganz laut: „Buhh!“ Oh – sie zuckte zusammen und guckte mich entgeistert an. Ich lachte mich kaputt, ja, und ich muss immer noch lachen, wenn ich daran denke, egal, ob sie nun ein Leben lang traumatisiert ist oder nicht. Ha, ha!

David (28), Bad Pyrmont, jetzt Sozialpädagoge

Meine beste Freundin ist dick, ja, eindeutig. Ich wiege ja auch ne Menge Kilo mehr, als mir lieb ist, aber sie wiegt eindeutig noch viel mehr als ich. Deshalb gefällt es mir gar nicht, wenn sie immer so tut, als hätten wir beide die gleiche Kleidergröße, dabei trage ich 42 und sie bestimmt Größe 46. Als sie zu einer Hochzeit eingeladen war, wollte sie sich ein Kleid von mir ausleihen. Das passte selbst mir nur, wenn ich eine dieser „Bauch-Wegdrück“-Unterhosen drunter anzog. Um ihr vorzuführen, wie gut diese Hosen funktionieren, zog ich die kleinste Größe an, die ich hatte, eine Größe, von der ich genau wusste, dass meine Freundin da niemals reinpassen würde. Ich besaß noch größere Hosen, aber das sagte ich ihr nicht, ich ließ sie in Größe 42 reinsteigen. Oh, sie war so deprimiert, als sie sah, dass ich sehr wohl reinpasste, sie aber nicht. Ja – es war böse! Aber da wusste sie endlich mal, dass sie wirklich dicker ist als ich!

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Sandra (32), Hameln, Sekretärin

Ob es richtig böse war, was ich tat, kann ich gar nicht wirklich einschätzen. Im Grunde habe ich nur mir selbst geschadet, als ich nämlich alle meine Schallplatten zerbrach, nach einem Streit mit meiner Schwester, wo sie mir sagte, ich dürfe ihren Plattenspieler nie mehr benutzen. Gut – dann sollte sie aber auch nichts mehr von meiner Plattensammlung haben. Ich tat mir damit weh, aber ihr natürlich auch, denn sie war Schuld und sie sollte es auch sein.

Karin (59), Rinteln, Autorin

Ich bin gerne böse, richtig fies und gemein. Nämlich bei Online-Spielen, wo man andere Spieler einfach in den Wahnsinn treiben kann, indem man so tut, als wolle man mit ihnen im Team zusammenspielen, und dann stellt man sich mit Absicht so blöd an, dass sie verlieren. Ich liebe es, wenn irgendein Typ dann schreit und flucht – wir reden dabei ja per Skype miteinander – und wenn er versucht, mir zu erklären, wie ich es richtig machen soll, während ich ganz harmlos so tue, als kapiere ich es einfach nicht. Immer, wenn man verliert, steigt man ja in der Rangliste ab. Mir ist das egal, weil ich die Spiele, bei denen ich das mache, gar nicht ernst nehme. Wir sitzen dabei meistens zu zweit vor dem PC und lachen uns tot.

Thorben (18), Hameln, Schüler

In der 2. oder 3. Klasse, da entdeckte ich zum ersten Mal eine geradezu diebische Freude an der Gemeinheit und Hinterlist. Es war ein richtiges Hochgefühl, auch wenn es im Nachhinein dadurch etwas verdorben wurde, dass wir erwischt wurden und man den anderen Kindern für eine Zeit lang den Umgang mit uns verbot. Meine Freundin und ich schlichen uns zu den Fahrradständern am Gymnasium, in Rinteln, damals war es noch mitten in der Stadt am Kollegienplatz. Wir ließen überall die Luft raus, und dann schmissen wir auch noch die Ventile weg. Die Vorstellung, dass die Großen nach einer Luftpumpe suchen würden und dann nützte es ihnen nichts und sie müssten alle ihr plattes Rad nach Hause schieben – es war ein großartiges Gefühl. Und das Schönste: Der ältere Bruder meiner Freundin wurde verdächtigt, das geschah ihm recht, er hatte uns ja den Tipp mit den Ventilen gegeben.

Andrea (60), Rinteln, Hausfrau

Eine Geschichte gibt es, die verfolgt mich noch immer. Wir spielten damals oft mit den Kindern aus dem Viertel ein Verstecken-und-Fangen-Spiel im Gebüsch rund um den Spielplatz. Dabei wusste man nie, wer gerade der Fänger war. Man ging heimlich auf die Jagd und tickte still einen anderen, den man entdeckte, an, der dann der neue Fänger wurde. Ich war dran und sah meine kleine Schwester, wie sie gerade ein Versteck gefunden hatte. Sie winkte mir verschwörerisch zu, stolz über die kleine Gebüschhöhle, die sie gefunden hatte und in der sie sich sicher fühlte. Sie ahnte ja nicht, dass ich die neue Fängerin war. Und ich ging auf sie zu, lächelte und – tickte sie an. Sie war ganz fassungslos. Und während sie nun loszog, die Kleine, um irgendjemanden zu fangen, was ihr nicht ganz leicht fallen würde, bezog ich ihr Versteck.

Cornelia (52), Rinteln, Journalistin

Was mich selbst betrifft, so kann ich mich an keine wirklich böse Tat erinnern, aber ich werde niemals einen Jungen aus meiner Kindheit vergessen, der für mich das Böse schlechthin verkörperte. Obwohl wir sonst kaum was miteinander zu tun hatten, schubste und haute er mich immer, wenn ich von der Schule nach Hause ging. Und einmal, da begegnete er meiner Schwester, als sie gerade zwei Milchflaschen eingekauft hatte, in jeder Hand trug sie eine Flasche. Der Junge lief auf sie zu und zerkratzte ihre Hände. Meine Schwester wollte die Flaschen auf keinen Fall loslassen, und so kratzte er immer weiter, bis ihre Hände richtig blutig waren. Meine Mutter schimpfte mit ihr und sagte, sie hätte ihn verkloppen sollen, aber sie wollte doch die Milch heil nach Hause bringen. Von dem Jungen hieß es später, er sei verschollen, ja, gut so!

Uta (45), Rinteln, Buchhändlerin

Mir fällt es nicht leicht, böse zu sein, aber mindestens einmal war ich es doch, nämlich als ich meinem Freund, der ein starker Raucher ist, seine Zigaretten zuwerfen sollte, als er dabei war, eine Zimmerwand zu streichen. Ich zielte über drei, vier Meter hinweg auf den offenen Eimer mit weißer Farbe und redete mir ein, dass ich ja doch nicht treffen würde. Ich traf aber und die Kippen landeten im Eimer, wo sie sofort untertauchten. Dieser Anblick, wie er die triefende Zigarettenschachtel aus dem Eimer angelte und sie dann wütend auf den Boden schmiss, das erfreute mich sehr. Und ich konnte mir außerdem sagen, dass ich es ja nicht direkt mit Absicht getan hatte.

Thomas (55), Obernkirchen, Angestellter

Wer hat sich nicht schon einmal dabei erwischt, anderen etwas Boshaftes anzutun – und daran sogar noch Spaß zu haben? Ein „bisschen Böses“ tragen wohl viele in sich. Die Auswirkungen sind mal mehr, mal weniger heftig. Die Redaktion hat sich umgehört, welche Boshaftigkeiten sich im Alltag einfach so ergeben.

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