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Nach Altglasanlieferung bei der Firma Tönsmeier wird das Glas sortiert, aufbereitet und zerkleinert

Wie kleine Edelsteine

Es ist schon eine skurrile Landschaft, die sich vor dem Besucher auftut, wenn er die Altglasaufbereitungsanlage von Tönsmeier in Petershagen betritt. Hohe Berge unterschiedlichster Glas-Materialien türmen sich über das Gelände verteilt auf. Da gibt es Fensterglas, glitzernde Scherben, aus denen wie in einem avantgardistischen Kunstwerk Metallschienen in alle Himmelsrichtungen ragen. Schneeweiße, wie zu riesigen kristallinen Gebilden angeordnete Bündel von langen Glasröhren (fehlerhaftes Material aus der Laborglasproduktion) gleich daneben.

veröffentlicht am 09.08.2017 um 19:07 Uhr

Schneeweiß und kristallartig angeordnet: Bündel von aussortiertem fehlerhaften Laborglas. Foto: cm
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Autor

Claudia Masthoff Reporterin
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Große Haufen gereinigter, sortierter Scherben in grün, braun und weiß, wohin man schaut. Und nicht zuletzt die vielen Insekten umschwirrten Ansammlungen des typischen Rohmaterials: Flaschen und Gläser, wie sie in Altglascontainern gesammelt werden.

Gerade bei diesen von der Bevölkerung zur Wiederverwertung abgegebenen Glasprodukten kann man auf den ersten Blick erkennen: die Disziplin, was ordnungsgemäße Sortierung angeht, lässt schwer zu wünschen übrig. Kaum zu glauben, was da alles zwischen den Flaschen zu finden ist. Porzellan, Spielzeug, Plastikbehälter, Schuhe, Kleidung, Kartons, Teppichreste, Holzlatten, es gibt kaum etwas, was Betriebsleiterin Marya Brandt noch nicht in ihrem Ausgangsmaterial gefunden hat. „Besonders merkwürdig: Altglascontainer sind beliebte Orte, um Tatwerkzeuge zu verstecken“, so die Betriebsleiterin jetzt, trotz des betrüblichen Themas, doch mit einem Lachen. „Wenn es in unserem Einzugsbereich irgendwo eine Straftat gegeben hat, kommt die Kripo vorbei und lässt die Behälter aus der Nähe des Tatortes für eine Durchsuchung separat leeren.“

Erfreulich ist es sicher nicht, dass sich so viel Fremdmaterial im Recycling-Behälter befindet, doch die weiterverarbeitenden Betriebe, wie eben Tönsmeier, haben sich darauf eingestellt. „Schon der Radladerfahrer hat ein Auge auf unerwünschten Müll. Später wird der Inhalt aus den Altglascontainern per Fließband von unseren Handsortierern vorsortiert. Diese suchen konzentriert alles heraus, was grobe Störstoffe und nicht Glas ist“, erklärt Brandt. Das Gros erledigt die Maschinentechnik. Da wird kleingebrochen, gerüttelt und gesiebt. Wichtig ist bei diesen Arbeitsgängen, dass das Material trocken ist. Dafür sorgt ein Trockner, der alles auf bis zu 200 Grad Celsius erwärmt. Stoffe wie Plastik, die leichter als Glas sind, werden abgesaugt. Metallscheider mit ihren starken Magneten sortieren die Blechdeckel aus.

Der Kreis schließt sich: Hier werden die aufbereiteten Scherben verladen und wieder in Richtung Glashütten geschickt. Foto: cm
  • Der Kreis schließt sich: Hier werden die aufbereiteten Scherben verladen und wieder in Richtung Glashütten geschickt. Foto: cm
Gereinigt und sortiert kommen die Scherben vom Band. Foto: cm
  • Gereinigt und sortiert kommen die Scherben vom Band. Foto: cm
Wie kleine Edelsteine: die bunten Scherben nach dem Aufbereitungsprozess. Foto: cm
  • Wie kleine Edelsteine: die bunten Scherben nach dem Aufbereitungsprozess. Foto: cm
Kein schöner Anblick: Immer wieder findet sich Müll zwischen Flaschen und Gläsern. Foto: cm
  • Kein schöner Anblick: Immer wieder findet sich Müll zwischen Flaschen und Gläsern. Foto: cm
Boris Ziegler, Pressesprecher bei Tönsmeier, und Marya Brandt, Betriebsleiterin, führten durch die Altglasaufbereitungsanlage in Petershagen. Foto: cm
  • Boris Ziegler, Pressesprecher bei Tönsmeier, und Marya Brandt, Betriebsleiterin, führten durch die Altglasaufbereitungsanlage in Petershagen. Foto: cm
Der Kreis schließt sich: Hier werden die aufbereiteten Scherben verladen und wieder in Richtung Glashütten geschickt. Foto: cm
Gereinigt und sortiert kommen die Scherben vom Band. Foto: cm
Wie kleine Edelsteine: die bunten Scherben nach dem Aufbereitungsprozess. Foto: cm
Kein schöner Anblick: Immer wieder findet sich Müll zwischen Flaschen und Gläsern. Foto: cm
Boris Ziegler, Pressesprecher bei Tönsmeier, und Marya Brandt, Betriebsleiterin, führten durch die Altglasaufbereitungsanlage in Petershagen. Foto: cm

Als nächstes geht es keramischen Scherben an den Kragen. Diese gelten als besonders schädlich. Durch ihren höheren Schmelzpunkt bleiben sie bei der Glasproduktion als störende feste Partikel erhalten. Höchstens zwei Gramm solcher nichtmetallischer Fremdstoffe pro Tonne Scherben werden von den Glashütten akzeptiert. „Zur Entfernung setzen wir optische Sortiersysteme ein. Scherben, die nicht durchsichtig sind, werden gezielt per Druckluft ‚ausgeschossen‘ und aus dem Prozess entfernt“, erläutert die Fachfrau.

Doch Fremdstoffe sind bei der Weiterverarbeitung der Scherben nicht die einzige Herausforderung. „Unsere Abnehmer stellen auch in Punkto Farbreinheit hohe Ansprüche“, gibt Brandt zu bedenken. Und da längst nicht jede farbige Flasche auch wirklich in dem für sie vorgesehenen Behälter lande, müsse in ihrem Betrieb diesbezüglich sorgfältig nachgearbeitet werden. „Besucher sind manchmal erstaunt, wie wichtig die richtige Sortierung für uns ist“, weiß die Betriebsleiterin. Sie höre immer wieder, dass manche Menschen glauben, die Sortierung sei in Wahrheit gar nicht nötig. „Sie hätten doch selbst beobachtet, dass die unterschiedlichen Glascontainer schlussendlich doch alle auf einen einzigen Lkw ausgeleert würden, erzählen die dann.“

Was man jedoch nicht von außen erkennen könne, sei, dass diese Lkw mit drei verschiedenen Kammern ausgerüstet sind. Für jede Farbe eine. Spätestens nach dem Besuch in der Petershäger Anlage weiß man es ganz sicher: Wenn irgendjemand ein echtes Interesse an vernünftiger Vorsortierung hat, dann sind es die Altglas-Aufbereiter. „Wir haben bei unseren Scherben ganz klare Vorgaben der Glashütten: Für die Weißglasproduktion muss das angelieferte Scherbenmaterial zu 98,7 Prozent weiß sein. Bei Braun werden 80 Prozent und bei Grün 75 Prozent der jeweiligen Grundfarbe gefordert.“

Im Rahmen der Grünglasproduktion sei die Toleranz der Glashütten am größten. Hier dürfe man auch anteilig Scherben aller anderen Farben, wie zum Beispiel blau oder rot, einfließen lassen. „Die Sortierung nach Farben, wir nennen den Prozess Fehl-Farbaufbereitung, wird wieder durch Kamera-Sortiersysteme vorgenommen. Farblich nicht passende Scherben werden per Druckluft aussortiert“, so die Betriebsleiterin.

Und bei der Wiederaufbereitung gelte: je schlechter gesammelt, desto schwieriger der Prozess. „Ist der Anteil von Glas in den ‚falschen‘ Farben zu hoch, kommt unser Druckluftventilsystem an seine Leistungsgrenzen“, führt Brandt aus. Dann müsse der Prozess verlangsamt werden, und im schlimmsten Falle werde das Material mehrmals nachsortiert, bis die Qualitätsziele der Glashütten erfüllt sind. „Das bedeutet mehr Zeit und Aufwand.“

Das Ergebnis des ausgeklügelten Prozesses kann sich sehen lassen. Gerade läuft „Grün“ und im Lärm der rüttelnden Maschinen und der ‚Schüsse‘ aus den Luftdruckventilen holt die Scherbenfachfrau eine Handvoll aufbereiteten Materials vom Band. Wie kleine Edelsteine glänzt das Glas in ihrer Hand. „Es ist noch zu viel Buntes dabei“, kritisiert sie die Zusammensetzung. Das hatte ihr bereits der Kontrollbildschirm, der zu jeder Zeit den Produktionsablauf genauestens überwacht, verraten. Doch durch die Augen eines unbefangenen Besuchers gesehen ist genau diese Mischung aus glänzenden bunten Glasstückchen einfach perfekt.

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