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Besser schenken

Wider den Konsumrausch: Gemeinsame Zeit ist das beste Geschenk

Advent, Zeit der Stille – von wegen! Viele sind im Einkaufsstress, dabei ist das gar nicht nötig, wie Forscher herausgefunden haben.

veröffentlicht am 24.12.2017 um 08:00 Uhr

Der Konsum von Erlebnissen macht glücklicher als der von Produkten. Foto: dpa

Autor:

Florian Sötje

Wenn draußen der Schnee die Landschaft bedeckt und es drinnen nach Plätzchen duftet, die Kerzen vor sich hin flackern und leise weihnachtliche Klänge zu hören sind, dann zeigt sich die Adventszeit von ihrer besinnlichen Seite. Doch es geht auch anders. Zur Weihnachtszeit gehören für viele ebenso der Stress, vieles vorzubereiten und unzählige Termine. Und natürlich: die Jagd nach den perfekten Geschenken. Denn Weihnachten ist auch ein riesiges Geschäft.

Der Einzelhandel reibt sich beim Anblick prall gefüllter Einkaufstaschen in überlaufenen Shoppingcentern die Hände. „Rund 95 Milliarden Euro setzt der Einzelhandel in Deutschland im Weihnachtsgeschäft um“, sagt Dr. Mara Grunewald vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Für bestimmte Branchen lohnt sich die Jagd nach dem optimalen Geschenk zu Heiligabend besonders. Laut Handelsverband Deutschland verbucht die Spielwarenindustrie ein Drittel ihres Jahresumsatzes in den Monaten November und Dezember. Buchläden erwirtschaften ein Viertel ihrer jährlichen Einnahmen in diesen beiden Monaten. Und nicht nur in zur Weihnachtszeit überfüllten Kaufhäusern klingeln die Kassen. In unzähligen Onlineshops im Internet stapeln sich die Weihnachtsgeschenke in virtuellen Warenkörben. Die aktuelle Weihnachtsstudie der FOM-Hochschule mit über 56 000 Befragten besagt, dass die Deutschen in diesem Jahr im Schnitt 465 Euro für Weihnachtsgeschenke einplanen.

Doch was entscheidet wirklich über den Erfolg eines Geschenks? Kommt es darauf an, wie viele Geldscheine man auf den Ladentisch legt oder wie üppig die Auswahl unter dem Weihnachtsbaum ist? Die Verhaltensökonomie bringt Licht ins Dunkel: Es kommt nicht auf den Preis oder die Menge der Geschenke an.

Schon vor knapp 25 Jahren verglich Joel Waldfogel, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Carlson School of Management der University of Minnesota, den Preis eines Geschenkes mit dem Wert, den die Beschenkten diesem beimaßen. Als Versuchsobjekte dienten seine Studenten. Diese hatten jeweils für 440 Dollar Weihnachtsgeschenke bekommen, die ihnen aber nur 313 Dollar wert waren. Obwohl die Geste des Schenkens in den Wert hineinfließt, zeigen auch andere Untersuchungen einen Verlust von 10 bis 25 Prozent zwischen Kaufpreis und Wert für den Beschenkten. Über den Erfolg unter dem Weihnachtsbaum entscheidet demnach nicht das prall gefüllte Portemonnaie. Investieren sollte man lieber in etwas anderes: Zeit.

Das gilt zum einen für die Vorbereitung. Wer sich über das Jahr Notizen aufschreibt und kleine Hinweise zu möglichen Geschenken für Partner, Eltern oder Geschwister registriert, kann sich frühzeitig Gedanken machen und Ideen kreativ umsetzen. So lässt sich der größte Fehler vermeiden: Wer kurz vor der Bescherung noch ins Einkaufscenter hetzt und ziellos in die Regale schaut, macht dem Beschenkten und sich selbst keine Freude. „Schenken kann nicht nur den Empfänger glücklich machen, sondern auch den Absender. Allerdings darf der Akt der Nächstenliebe nicht zur lästigen Pflicht werden“, warnt Verhaltensökonomin Grunewald. Denn bei freiwilligen Geschenken werde das Belohnungssystem im Gehirn viel stärker aktiviert als bei erzwungenen – nach dem Motto: Tu dir Gutes, indem du anderen Gutes tust.

Zu wissen, was für den anderen gut ist, hängt auch immer von der persönlichen Beziehung ab. Die Suche nach einem Geschenk für Freunde oder Familienmitglieder kann zu einer zähen Angelegenheit werden, wenn man den Beschenkten nicht überaus gut kennt. Die Deutschen haben daher eine bestimmte Vorliebe: „Am häufigsten verschenken die Deutschen Gutscheine, gefolgt von Büchern, Kosmetik und Schmuck“, sagt Expertin Grunewald. Sie hat aber noch einen weiteren Vorschlag, bei dem erneut die Zeit im Mittelpunkt steht: das Schenken von Erlebnissen. „Die Glücksforschung zeigt: Der Konsum von Erlebnissen macht glücklicher als der von Produkten“, sagt Grunewald. So werde Weihnachten mit Erlebnisgeschenken eher zu einem glücklichen Fest. Dass Erlebnisse wie Essengehen, gemeinsame Konzertbesuche oder Reisen glücklicher machen als der Kauf von Produkten, fanden die amerikanischen Glücksforscher Leaf van Boven und Thomas Gilovich heraus. Zudem sinkt die Zufriedenheit mit materiellen Käufen nach einer gewissen Zeit, weil wir uns schnell an neuen Besitz gewöhnen. Das Glücksempfinden durch die Erinnerung an Erlebnisse hingegen steigt mit der Zeit noch weiter an. „Anstelle einer DVD könnte ein gemeinsamer Kinoabend Freude bereiten. Verschenkte Küchenutensilien könnten beim gemeinsamen Kochen zum Einsatz kommen“, schlägt Grunewald vor. Und wer trotzdem gern Produkte verschenke, könne sein Präsent mit einer gemeinsamen Einkaufstour verbinden, sagt sie.

Erlebnisgeschenke sind somit auch eine Alternative für Paare, die sich keine Produkte mehr schenken wollen oder Freunde und Familienmitglieder, bei denen einem die Wahl schwerfällt. Gemeinsame Zeit ist wertvoller. Eine kleine Ausnahme bilden die Jüngsten. Kinder wollen und sollen am Weihnachtsabend gespannt Geschenke auspacken. Aber auch hier lassen sich Produkt- mit Erlebnisgeschenke kombinieren.

Dass die Investition in Zeit in unserer konsumorientierten Gesellschaft eine besonders gute ist, zeigt ein Aspekt der diesjährigen FOM-Weihnachtsstudie. Denn auf die Frage „Womit würden Sie sich selbst reich beschenkt fühlen?“ antworteten die meisten: mehr frei gestaltbare Zeit und mehr positive Beziehungen zu anderen. Geld und Geschenke seien nicht so wichtig.

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