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Wenn die „Dampfe“ zum Hobby wird

In meinem Umfeld bin ich eine Exotin, wenn ich die elektronische Zigarette hervorhole, meine „Dampfe“, mein „Dampfpfeifchen“. Bis vor kurzem kannte ich keinen Menschen in meiner Nähe, der ebenfalls vom Rauchen auf das „Dampfen“ umgestiegen wäre, der nicht mehr eine Zigarette anzündet und qualmt, sondern einen Metallstift in Form und Größe einer Zigarre zum Mund führt, auf ein Knöpfchen drückt und „dampft“. Aber ich war und bin so fasziniert davon, als ehemals starke Raucherin selbstgedrehter Zigaretten eine relativ harmlose Alternative entdeckt und damit von einem Tag zum anderen das herkömmliche Rauchen gestoppt zu haben, dass ich unbedingt darüber reden muss, so, wie Ex-Raucher immer und überall bereit sind, über das Thema „Aufhören“ zu sprechen.

veröffentlicht am 14.02.2012 um 14:30 Uhr
aktualisiert am 14.02.2012 um 15:24 Uhr

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Autor:

Cornelia Kurth

Zum Glück gibt es das Internet und darin Foren wie „Dampfertreff“ oder „E-Rauchen“, und Leute, die es wagen, sich mit anderen „Dampfern“ zu einem lokalen Stammtisch, wie es ihn in Hameln oder Porta Westfalica gibt, zu verabreden.

Es ist ja so: E-Zigaretten sind ein zunächst ganz unbekanntes Terrain. Wo man sonst nur die Tabakzigarette und ein Feuerzeug brauchte, besitzt man nun ein technisches Gerät, das für den Anfänger allerlei Tücken bereithält. Dazu gibt es eine nahezu unendliche Auswahl an aromatisierten „Liquids“, mit denen man den Tank des Gerätes befüllt und die teils überraschend lecker, manchmal aber auch nur schrecklich künstlich schmecken. Und schließlich: Bundesweit geht es darum, ob die E-Zigarette wirklich „gesünder“ sei als die Tabakzigarette; ob vom Dampf eine Gefahr für die Umwelt ausgehe; ob man diese Neuheit nicht verbieten oder zumindest als Arzneimittel nur in Apotheken verkaufen solle. Experten, die für die E-Zigarette plädieren, stehen, vor allem in der Politik, entschiedene Gegner gegenüber.

Wer mit dem Dampfen beginnt, wird daher wie von selbst ins Internet gesogen, um sich kundig zu machen, und die Wahrscheinlichkeit, dass er in einem der Dampfer-Foren anlandet, ist sehr groß, werden dort doch alle Dampfer-Fragen ausführlich diskutiert und jede Art von Hilfe angeboten. Besonders engagierte User kennt man bald mit ihrem Nicknamen, „Henning“ zum Beispiel, der jeden Neuling im fast 18 000 Mitglieder starken „e-Rauchen“-Forum freundlichst begrüßt und dabei breit grinsend auf dem „Ava“-Bildchen neben jedem seiner Beiträge zu sehen ist. Oder „Bullibauer“, ein Mann für technische Angelegenheiten, der sofort zur Stelle ist, wenn eine „Dampfe“ nicht richtig funktioniert. Außerdem sind da noch Menschen wie „Smily“ oder „Bettyloo“, Frauen, die immer ein freundliches Wort und Ermutigung parat haben, wenn jemand doch wieder vom Schmacht nach der Tabakzigarette ergriffen wird.

Bald treibe auch ich mich täglich in diesem Forum herum, lese mich quer durch sämtliche Beiträge und versuche, etwas tiefer in die Materie einzusteigen. Sieben Wochen ist es nun her, dass ich mit dem Dampfen begann. Längst bin ich vom billigen Einsteigermodell auf das Standardmodell einer sogenannten eGo-T umgestiegen. Ich weiß, wie man die Lebensdauer der Geräte durch Pflege und Reinigung verlängert, stoße aber immer wieder auch an Grenzen des Verstehens und fühle mich wie ein Anfänger im Pfeifenrauchen, der beim Fachsimpeln lang erfahrener Raucher nicht mehr ganz mitkommt. „Komm doch zu unseren Dampferstammtisch in Porta Westfalica – da siehst du, wie andere es machen“, schreibt „Bullibauer“. Barkhausen, grad mal 20 Kilometer von Rinteln, meiner Heimatstadt, entfernt.

Also gut! Es sind zwar eigentlich völlig fremde Leute, auf die ich mich damit einlasse. Zugleich aber werden wir ja jede Menge Gesprächsstoff haben. Barkhausen liegt in Nordrhein-Westfalen, wo die grüne Gesundheitsministerin Barbara Steffens alles daransetzt, den Dampfern das Leben schwer zu machen. Unzählige Themen im Forum handeln vom Unverständnis, ja der Empörung darüber, dass ausgerechnet eine Gesundheitsministerin dafür sorgen will, dass die E-Zigaretten, im Gegensatz zu Tabakzigaretten, verboten werden sollen.

Da sich die meisten intensiv auch mit wissenschaftlichen Untersuchungen zur E-Zigarette beschäftigt haben, über Tests rund um die Inhaltsstoffe des Dampfes Bescheid wissen und die Entwicklung des E-Rauchens in den USA verfolgten, wo anfängliche Verbotswut in offizielle Förderung umschlug, wissen sie, welche Halb- und Unwahrheiten über die Gefährlichkeit des Dampfens verbreitet werden.

Doch als ich in Barkhausen ankomme, im Restaurant „Grill Faro“, wo ein nettes Raucherzimmer für den Dampfer-Stammtisch reserviert wurde, stehen, wie ich sehe, ganz andere Dinge im Vordergrund. Für mich das Staunen darüber, dass hier fast zwanzig Menschen fröhlich an ihren „Dampfen“ ziehen und man der Raumluft nichts, gar nichts davon anmerkt. Wie hätte es hier gequalmt und gerochen, würden alle noch rauchen? Nach einer Begrüßung, bei der ich mich mit meinem Foren-Nicknamen vorstelle und die anderen nach dem ihren frage (ah, der große Mann dort ist „Bullibauer“, diese 40-jährige dunkelhaarige Frau ist „Smily“, die das Treffen organisierte, und die kleine Quirlige, die in einem Beutel mit vielen unterschiedlichen E-Zigaretten kramt, sie ist „Bettyloo“), nach einem ersten Hallo also sehe ich überall auf dem langen Tisch ganz verrückte Geräte herumstehen, bei denen ich erst nach einem Weilchen wirklich begreife, dass auch sie E-Zigaretten sind.

Das Startmodell für den Einsteiger ins Dampfen, die eGo-T besitzt durchaus ihre eigene Schönheit, etwa so wie diejenige edler Kugelschreiber in Schwarz und Silber. Manche tragen auf dem länglichen Akku nicht den einfachen Verdampfer – das ist der Teil, welcher eine Heizspirale enthält, die tröpfchenweise das Liquid aus dem kleinen aufgeschraubten Tank verdampft – sie sind mit einem viel größeren, trommelförmigen Tank aus Metall und Kunststoff versehen, in dem das klare oder gelbliche Liquid zu sehen ist. Auf wen schon dieses Äußere fremdartig und rätselhaft wirkt, der kann bei dem, was Männer wie „Bullibauer“ oder „JayKay“ angeschleppt haben, nur die Augen aufreißen.

Da sind richtige Dampfmaschinen zu sehen, mit einem viereckigen oder taschenlampenähnlichen Körper, der große und größte Akkus enthält, und Tanks, die so viel Liquid fassen, dass man zwei Tage ohne Nachfüllen auskäme. Es ist, als seien Freunde der Modelleisenbahn oder der Motorradschrauberei zusammengekommen, Bastler, die ein Hobby gefunden haben und nun in kleinen Werkstätten ihre „Dampfen“ zu wahren Wundergeräten aufmotzen. Die einheitlichen Startermodelle interessieren sie gar nicht mehr, sie besorgen sich „Körper“ für die Akkus, basteln Ladegeräte, mit denen sie dann eine Wildniswanderung weit weg von Stromquellen antreten könnten, und suchen das Internet nach Neuentwicklungen von Verdampfern ab, die einen kühlen, sehr geschmackvollen und vor allem starken Dampf entwickeln.

Der „Bullibauer“ baut eben wirklich „Bullis“ und besitzt eine ganze Armada von phantastischen „Dampfmaschinen“, die er den anderen gerne präsentiert. Außerdem hat er einen Koffer voller Zubehör dabei, Ersatzteile jeder Art, verschiedene Varianten einzelner Bauteile und dazu einen unerschöpflich wirkenden Vorrat an Liquids in medizinisch wirkenden Fläschchen, von „Caramell-Mocka“ über „Schoko-Banane“ bis hin zur Geschmacksnote „Eisbonbon“ oder „Apfelkuchen“. Neulinge wie ich können da nicht mithalten, ich besitze nur „Menthol“ und „Erdbeere“, aber die Dampfer sind großzügig und lassen jeden von ihren Gemischen probieren, probieren selbst ringsum, was andere mitgebracht haben und schreiben sich hier und da neue Rezepte auf. Manche kaufen gar keine fertigen Liquids, sondern besorgen sich die einzelnen Bestandteile, um echte Eigenkreationen herzustellen.

Die Runde ist so angeregt, obwohl die meisten sich bisher höchsten zweimal im Leben gesehen haben, auch so vertraulich miteinander, wie das nur möglich ist, wenn alle sich einer gemeinsamen Leidenschaft zugehörig fühlen. Leute, wie „Günni“ oder „Henning“, beide Mitte 50, hatten vor der Dampferei wenig mit dem Internet zu tun und wären niemals darauf gekommen, sich mit Unbekannten zu verabreden. Hier ist es egal, ob man gerade erst 20 oder weit über 60 Jahre alt ist, solange man nur immer noch bewegt bleibt von dem Wunder, nicht mehr rauchen zu müssen, um die Entspannung des Nikotins genießen zu können.

Das Thema Gesundheit, im Forum durchaus präsent, steht an diesem Abend, nicht zur Debatte. Allen reicht es zu wissen, dass unverdächtige amerikanische und deutsche Professoren der Meinung sind, die rauchlose Aufnahme des Nikotins per Dampfen sei auch zusammen mit der Trägerflüssigkeit aus Propylen-glycol und Glycerin 1000-mal weniger schädlich als das Rauchen einer Zigarette. In der Runde gibt es keinen, der ohne die Möglichkeit des Dampfens mit dem Rauchen aufgehört hätte. Auch ich gehöre dazu. Es gibt auch keinen Grund, wieder damit anzufangen.

Dampfer-Stammtisch in Hameln im Papa Hemingway am Münsterkirchhof, Kontakt: 05151/958482

Dampfer-Stammtisch in Barkhausen, Porta Westfalica, im „Grill Faro“, Kontakt: 0571/5043977

Der Boom hält an – die Diskussionen auch. Ende Dezember berichtete unsere Autorin von ihrem ersten Kontakt mit der E-Zigarette. Inzwischen ist sie überzeugte Dampferin – und sie fand begeisterte Gleichgesinnte. Ein zweiter Erfahrungsbericht.

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