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Was wäre wenn – wohin im Ernstfall?

Nicht nur in den Köpfen von Atomkraftgegnern sind die Erinnerungen an die Atomkatastrophen von Fukushima und Tschernobyl hellwach. Im niedersächsischen Innenministerium wurde noch vor Fukushima im Jahr 2009 ein neuer Erlass für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen herausgegeben, der auch beinhaltete, die Öffentlichkeit besser als bisher an der Ausgestaltung von Katastrophenschutzplänen für den Fall eines ernsten Unfalles in einem der in Niedersachsen betriebenen Kernkraftwerke zu beteiligen. In der Folge wurde der jetzt veröffentliche neue Katastrophenschutz-Sonderplan für das Kernkraftwerk Grohnde entwickelt und zur Einsichtnahme der Bürger im Kreishaus in Hameln ausgelegt. Damit soll die Möglichkeit gegeben werden, Einwände gegen den Plan vorzubringen. Auf Initiative von Landrat Rüdiger Butte und mit Genehmigung des Innenministeriums in Hannover wurde der neue Katastrophenschutzsonderplan inzwischen auch ins Internet gestellt, wo er bis zum 7. September eingesehen werden kann.

veröffentlicht am 11.08.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Ohne Anlagen umfasst der nach gesetzlichen Vorgaben des Bundes erstellte Katastrophenschutzplan 126 Seiten, darunter vor allem umfangreiches Kartenmaterial, auf dem die Straßen markiert sind, auf denen die Bevölkerung im Fall einer erforderlichen Evakuierung das von einem radioaktiven Niederschlag bedrohte Gebiet verlassen soll, sofern es sich um eine Selbstevakuierung in eigenen Fahrzeugen handelt. So führen aus der zentralen Zone um das Kernkraftwerk Grohnde nach der Planung des Landkreises Hameln-Pyrmont beispielsweise vier verschiedene Routen in sogenannte Aufnahmeräume der Kreise Hildesheim und Höxter, damit der Evakuierungsverkehr aus Kirchohsen, Hagenohsen, Grohnde und Latferde sich nicht gegenseitig behindert. „Wir haben alle Strecken, die für eine Selbstevakuierung vorgesehen sind, genau besichtigt“, erklärt dazu Jürgen Kettler, einer der beiden für den Katastrophenschutzsonderplan des Landkreises zuständigen Projektleiter. Kettler: „Im Fall eines Katastrophenalarms rechnen wir damit, dass sich mindestens die Hälfte der von einer Evakuierungsanordnung betroffenen Bevölkerung selbst mit dem eigenen Auto in Sicherheit bringt. Wir gehen dabei von einer durchschnittlichen Besetzung eines Fahrzeugs mit zwei Personen aus. Angesichts der Bevölkerungszahlen in unseren Städten und Gemeinden reicht die Verkehrskapazität aller eingeplanten Evakuierungsstraßen auch nach Einschätzung der an der Planung beteiligten Polizeidienststellen gut aus, um den zu erwartenden Evakuierungsverkehr zu bewältigen.“ Menschen, die sich nicht selbst evakuieren können, sollen sich nach entsprechender Information durch den Rundfunk oder Lautsprecherfahrzeuge in festgelegte Sammelstellen – allein in Hameln sind dafür 16 Stellen vorgesehen – ihres Wohnortes begeben, die im Katastrophenschutzsonderplan mit genauer Anschrift aufgeführt sind. Von dort sollen sie mit bereitgestellten Bussen in radiologisch sichere Gebiete transportiert werden. „Personen, die ihre Wohnung nicht ohne fremde Hilfe verlassen können, sollen dies durch ein weißes Tuch an einem Fenster der Straßenseite anzeigen“, heißt es weiter. Ihnen werde dann von den Gemeinden oder vom Sanitätsdienst geholfen. Zur Durchführung der Evakuierung wurden laut Sonderplan in den Städten und Gemeinden eigene Evakuierungsstäbe aufgestellt, die „in der Regel aus geeigneten Angehörigen der Verwaltung bestehen“.

Bei den Alarmstufen wird unterschieden nach Vor- und Katastrophenalarm. Wobei der Voralarm eher der Herstellung der Einsatzbereitschaft aller Beteiligten und dem Ergreifen erster Maßnahmen dient, insbesondere der frühzeitigen Unterrichtung der Bevölkerung, während Katastrophenalarm ausgelöst wird, „wenn bei einem Unfall in der kerntechnischen Anlage eine gefahrbringende Freisetzung radioaktiver Stoffe in die Umgebung festgestellt ist oder droht“. Ist der Katastrophenalarm vom Landrat festgestellt, übernimmt von diesem Zeitpunkt an der Landkreis Hameln-Pyrmont die zentrale Leitung der Katastrophenbekämpfung. Droht ein „schnell ablaufendes Ereignis“, bei dem eine „nennenswerte Freisetzung kurzfristig, das heißt innerhalb weniger als sechs Stunden, erfolgen kann oder erfolgt“, wird vom Betreiber erwartet, dass er den Vorfall mit der Einstufung „Katastrophenalarm“ meldet. Laut Sonderplan sind dann als „sinnvolle Maßnahmen“ aufgrund des Zeitmangels nur die folgenden Schritte „denkbar“: „Warnung der Bevölkerung, Aufenthalt in Gebäuden und Einnahme von vorverteilten Jodtabletten.“ Bei Katastrophenalarm ist außerdem vorgesehen, „die Bevölkerung des Gebiets in der voraussichtlichen oder tatsächlichen Zugrichtung der radioaktiven Wolke unverzüglich vor dem Verzehr dort frisch geernteter Lebensmittel zu warnen“.

Gemäß den gesetzlichen Vorgaben wird die Umgebung des Kernkraftwerks Grohnde in vier Zonen aufgeteilt: die Zentralzone Z mit einem Radius von zwei Kilometern um die Anlage, die Mittelzone M mit einem Radius von zehn Kilometern, die auch Teile der Kernstadt Hameln einschließt, die Außenzone A (Radius 25 Kilometer) und die Fernzone F (Radius 100 Kilometer). Da die zu evakuierende Bevölkerung möglichst außerhalb der Außenzone untergebracht werden soll, „sind als Aufnahmeräume nur Gebiete in den benachbarten Landkreisen vorgesehen“, heißt es im Sonderplan.

Dabei halten die Nachbarlandkreise nach den derzeitigen Planungen zusammen Quartiere für 58 000 evakuierte Personen bereit – die Region Hannover für 30 000 Personen, der Landkreis Schaumburg für 12 000, der Kreis Lippe für 6000, der Kreis Höxter für 5000 und der Kreis Hildesheim einschließlich der Stadt Hildesheim ebenfalls für 5000 Personen. Für den größten Teil der Einwohner der Kernstadt Hameln sieht der Katastrophenschutzsonderplan vor, dass sie „ausschließlich über die Strecken der Bahn in den Aufnahmeraum Region Hannover / Stadt Hannover gebracht“ werden. Pro Stunde könnten etwa 1000 Reisende mit der S-Bahn nach Hannover transportiert werden. Auch die Einwohner der Ortsteile Emmern und Kirchohsen sollen mit Zügen in den Aufnahmeraum Kreis Höxter befördert werden. „Alle anderen Bereiche werden mit Bussen (ggf. auch mit anderen Kraftfahrzeugen) über festgelegte Evakuierungsstraßen evakuiert.“

Als Katastrophenfall im Sinne des niedersächsischen Katastrophenschutzgesetzes bezeichnet der Katastrophenschutzsonderplan „einen Notstand, bei dem Leben, Gesundheit, die lebenswichtige Versorgung der Bevölkerung, die Umwelt oder erhebliche Sachwerte in einem solchen Maße gefährdet oder beeinträchtigt sind, dass seine Bekämpfung durch die zuständigen Behörden und die notwendigen Einsatz- und Hilfskräfte eine zentrale Leitung erfordert“.

Zentrale Bestandteile des Sonderplanes für den Fall eines atomaren Unfalls in Grohnde sind die Bildung eines etwa 40-köpfigen Krisenstabes beim Hauptverwaltungsbeamten des Landkreises (Stab HVB), dem amtierenden Landrat und die Arbeit eines mit unterschiedlichen Fachleuten besetzten Radiologischen Lagezentrums (RLZ) in Hameln. Das RLZ soll vor allem sowohl die Messergebnisse radiologischer Messtrupps und festgelegter Messpunkte als auch die meteorologischen Daten zu einer Prognose verarbeiten, die es dem Stab HVB als Leiter des Katastrophenschutzes ermöglichen soll, alle erforderlichen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung einzuleiten, wie die „Warnung der Bevölkerung, Anordnungen zum Verbleib im Haus, Hinweise zur Einnahme und Verteilung von Jodtabletten, Evakuierungsmaßnahmen“, wie es im Sonderplan heißt.

Detailliert wird im Katastrophenschutzsonderplan auch dargelegt, wie der Betreiber des Kernkraftwerks im Fall „einer radiologischen Notstandssituation, eines Unfalls, eines Störfalls bzw. kerntechnischen Unfalls oder eines sonstigen sicherheitstechnisch bedeutsamen Ereignisses“ die für den Katastrophenschutz zuständigen Behörden zu informieren hat. Welche Informationen der Betreiber im Einzelnen zu liefern hat, enthält der Katastrophenschutzsonderplan allerdings nicht. Stattdessen wird auf die vom Bund erlassenen Rahmenrichtlinien für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen verwiesen, die nach Angaben von Kettler problemlos „im Internet gegoogelt werden können“, die aber für Einwände gegen den Sonderplan nicht relevant seien. Bei Bedarf können sie jedoch auch im Referat 92 der Landkreisverwaltung eingesehen werden.

Um die Kommunikation zwischen dem Anlagenbetreiber und den zuständigen Behörden auch bei einer Überlastung des Telefonnetzes zu gewährleisten, schreibt der Sonderplan sowohl eine Standleitung zwischen Betreiber und Krisenstab als auch Satellitentelefone auf beiden Seiten vor.

Als „vordringlich“ beschreibt Jürgen Kettler die Aufgabe, die Bevölkerung aus Gebieten zu evakuieren, bevor ein zu erwartender radioaktiver Niederschlag herunterkommt. Für den Fall, dass es doch zu einer Verstrahlung oder Kontamination von Personen, Geräten oder Fahrzeugen kommt, sieht der Plan die Dekontamination in einer sogenannten Notfallstation vor. Sie soll durch den ABC-Zug der Kreisfeuerwehr in Zusammenarbeit mit den Einsatzzügen Bad Münder, Marienau und Bad Pyrmont des DRK-Kreisverbandes betrieben und innerhalb von fünf Stunden betriebsbereit sein. In der Notfallstation eingesetzte Strahlenmediziner sollen entscheiden, „ob die versorgten Personen nach Hause (bzw. in eine Notunterkunft nach angeordneter Evakuierung) entlassen werden können, wegen geringer Strahleneinwirkung einer ambulanten Überwachungsuntersuchung bedürfen oder wegen hoher Strahlenbelastung einer Spezialklinik zugeführt werden müssen“.

Für stark kontaminierte Flächen – sogenannte Hauptaufschlaggebiete – ist bis zum Abklingen der Strahlung eine Sperrung durch Trassierbänder, Warnschilder oder Ähnliches geplant. Zu Sperrgebieten erklärte Flächen seien der Bevölkerung bekannt zu geben und eine „Verkehrslenkungsgruppe“ mit der Planung eines Verkehrskonzeptes zu beauftragen. In den hauptsächlich kontaminierten Sektoren und den beiden jeweils benachbarten Sektoren wird nach der Planung die Bevölkerung aufgefordert, „keine frisch geernteten Nahrungsmittel zu verzehren und das Vieh nicht mit frisch geernteten Nahrungsmitteln zu versogen“. Einzelregelungen über Vermarktungsverbote und „den Verbleib kontaminierter Nahrungs- und Futtermittel“ würden im Rahmen der Strahlenschutzvorsorge getroffen, heißt es im Abschnitt „Aufhebung des Katastrophenfalles“.

Für den Fall eines kerntechnischen Unfalls im Atomkraft- werk Grohnde gibt es beim Landkreis Hameln-Pyrmont einen Katastrophen-

schutz-Sonderplan. Atomkraftgegner sind „entsetzt“ über den Plan. Wir haben nachgeschaut, was der Plan für den Notfall vorsieht.

„Ein weißes Tuch an einem Fenster der Straßenseite“

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