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Sportjournalist Hans-Ulrich Krause schreibt Biografie über die ungewöhnliche Laufbahn des Berliner Fußballprofis Peter Enders

Vom Skandalsünder zum Südafrikameister

Peter Enders ist, wenn man so möchte, ein Kind der Bundesliga. Am allerersten Spieltag 1963 ist der Berliner Balljunge, als die Hertha die Nürnberger empfängt, Anstoß ist noch um 17 Uhr, Enders ist Schülerspieler bei Hertha, damals heißen sie noch Knaben. Enders wird später selbst in der 1. und 2. Bundesliga auflaufen, er wird in den Bundesliga-Skandal verwickelt sein (mehr nicht), er wird in Südafrika und Amerika als Fußball-Profi auflaufen, er wird studieren, und auch wenn er es nie in die erste Reihe der Spieler schaffte, die bei den Fans unsterbliches Ansehen genießen, so hat Enders jetzt erhalten, was nicht vielen Kickern vergönnt ist: eine Biografie. Geschrieben hat sie Sportjournalist Hans-Ulrich Krause. Der gebürtige Vlothoer ist seit Beginn der sechziger Jahre großer Fan der Berliner Hertha, und als Enders 1981 als neuer Spieler des SuS Winterberg vorgestellt wurde, war Krause als Journalist dabei.

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

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Es gibt Bundesliga-Spiele, die haben sich in das kollektive Gedächtnis der Fans gebrannt, sie sind unsterblich. Etwa das 12:0 der Gladbacher gegen Dortmund am letzten Spieltag 1978; anschließend verliert Trainer Otto Rehhagel seinen Job. Dazu zählt das 7:4 von Kaiserslautern gegen die Bayern, 1973, nach einem 1:4-Rückstand; oder das 5:1 von Eintracht Frankfurt gegen Kaiserslautern, 1999, die Mutter aller Abstiegskämpfe.

Und das 6:0 von Kickers Offenbach gegen Bayern. Es ist ein Paukenschlag, mit dem die Bundesliga-Saison 1974/75 eröffnet wird: Bayern ist dreimal in Folge Meister geworden, hat kurz zuvor den Europapokal der Landesmeister gewonnen, in der Elf stehen sechs Spieler auf dem Platz, die 48 Tage zuvor Weltmeister geworden waren: Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Georg Schwarzenbeck, Jupp Kapellmann, Uli Hoeneß und Gerd Müller. Und der junge Karl-Heinz Rummenigge gibt sein Bundesligadebüt.

Dieses 6:0 war ein Sieg für die Geschichtsbücher: die bis dahin höchste Niederlage der Bayern und bis heute der höchste Sieg der Offenbacher Bundesligageschichte. Das darf man sich ruhig mal auf der Zunge zergehen lassen: Kickers Offenbach mit seinem Trainer Rehhagel grüßte von der Spitze der Bundesliga-Tabelle.

  • Peter Enders (li.) mit dem Sportjournalisten Hans-Ulrich Krause.

Und Peter Enders war dabei, er spielte an jenem Tag in der Mannschaft, die den FC Bayner aus dem Stadion ballerte. An seiner Seite wirbelten Erwin Kostedde, Winnie Schäfer und Siggi Held.

Peter Enders ist, wenn man so möchte, ein Kind der Bundesliga. Am allerersten Spieltag 1963 ist der Berliner Balljunge, als die Hertha die Nürnberger empfängt, Anstoß ist noch um 17 Uhr, Enders ist Schülerspieler bei Hertha, damals heißen sie noch Knaben. Enders wird später selbst in der 1. und 2. Bundesliga auflaufen, er wird in den Bundesliga-Skandal verwickelt sein (mehr nicht), er wird in Südafrika und Amerika als Fußball-Profi auflaufen, er wird studieren, und auch wenn er es nie in die erste Reihe der Spieler schaffte, die bei den Fans unsterbliches Ansehen genießen, so hat Enders jetzt erhalten, was nicht vielen Kickern vergönnt ist: eine Biografie.

Geschrieben hat sie Sportjournalist Hans-Ulrich Krause. Der gebürtige Vlothoer ist seit Beginn der sechziger Jahre großer Fan der Berliner Hertha, und als Enders 1981 als neuer Spieler des SuS Winterberg vorgestellt wurde, war Krause als Journalist dabei.

Krauses Biografie von Peter Enders trägt den hübschen Titel: „Bundesliga-Skandalsünder und Meister von Südafrika. Die ungewöhnliche Laufbahn des Berliner Fußballprofis Peter Enders“, sie umfasst insgesamt 140 DIN-A4-Seiten mit 23 Kapiteln und fast 200 Fotos. Krause schlägt den Bogen von den Anfängen in Berlin – Enders ist Jugend-Rekordauswahlspieler Westberlins, dann 1968 als 19-Jähriger Stammspieler beim Bundesligisten Hertha BSC – über den halben Globus: Es geht von Südafrika, Süddeutschland nach Ostwestfalen und San Francisco wieder zurück nach Ostwestfalen-Lippe. Und sie erzählt nicht nur vom schillernden Fußball, sondern auch von seinen Verführungen.

1971 spielen sich in der Republik Szenen wie in Spionage-Filmen ab: Da werden geheime Gelder bei konspirativen Treffen übergeben, in Hinterzimmern, auf Parkplätzen und Autobahn-Raststätten. Für fast eine Million Mark werden Punkte wie auf dem Jahrmarkt verscherbelt. 53 Spieler, Manager, Vorständler und Trainer sind in den Bestechungsskandal verwickelt, zehn der 18 Erstliga-Clubs haben damit zu tun. Nur das Tabellen-Schlusslicht Rot-Weiß Essen hält sich aus dem Gemauschel heraus – und steigt ab. Wer genau wie betrogen hat, ist bis heute umstritten. Es gab viele Akteure in diesem Spiel, jeder hat seine eigene Version. Nur dass Geld geflossen ist, ist unumstritten. Die ganze Geschichte hat Züge eines billigen Vorabend-Krimis.

Enders spielt in jenen Tagen für die Hertha, die alte Dame ist Spielzeit 1970/71 Dritter, Chancen auf die Meisterschaft hat das Team nicht mehr. Doch gegen den Abstiegsaspiranten Arminia Bielefeld wird 0:1 verloren. Dann stellt sich heraus, dass Offenbachs Präsident 140 000 Mark geboten hat, wenn Hertha gegen Bielefeld gewinnt. Daran, so erzählte es später Torwart Volkmar Groß, sei nichts auszusetzen gewesen: „Wir wollten ja sowieso gewinnen.“ Mit Absicht habe man nicht verloren, daran halten alle Beteiligten bis heute fest.

Gegen Bielefeld wird also verloren, aber man glaubt es kaum: Die Spieler kassieren trotzdem. Nach der Partie taucht Spieler Jürgen Rumor mit einem Koffer auf. Der stammt von den Bielefeldern, die glaubten, Hertha habe mit Absicht verloren. 250 000 Mark sind im Koffer, das Geld wird aufgeteilt: Jeder geht mit 15 Tausend-Mark-Scheinen nach Hause, auch Enders.

Als der Bundesliga-Skandal aufgearbeitet wird, erhält Enders eine zweijährige Sperre und eine Geldstrafe von 15 000 Mark. Er wechselt, wie viele Spieler der Hertha-Mannschaft, nach Südafrika, zu Durban City FC. Das Team wird überlegen südafrikanischer Meister.

Aber da die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 im eigenen Land ansteht, werden die Fußball-Sünder schnell begnadigt, Enders kehrt nach Deutschland zurück und spielt ab November 1973 für die Offenbacher Kickers, unter anderem beim 6:0 gegen die Bayern. Die Offenbacher beenden die Saison als Achter, Bayern landet zwei Plätze dahinter.

In der Saison 1976/77 wechselt Enders zum SC Herford, der gerade in die 2. Bundesliga aufgestiegen ist und sich dort erstaunliche vier Jahre halten wird. In der Winterpause wechselt er in die USA, zu den Oakland Stompers in Kalifornien. Nach einer Saison wechselt Peter Enders zu Arminia Hannover und beendet 1979 seine Spielerkarriere. Er hat gegen Uwe Seeler, Gerd Müller, Wolfgang Overath, Willi („Ente“) Lippens, Uli Hoeneß, Jürgen Grabowski, Heinz Flohe und Wolfgang Overath gespielt – und im Europapokal mit Hertha gegen Helmut Haller, der damals inTurin kickte.

Die Wege des Sportjournalisten und des Fußball-Spielers kreuzten sich vor drei Jahren, im Jahr 2013. Hans-Ulrich Krause geht in Rente und überlegt, welche Menschen es in seinem Leben gegeben hat, die er besonders geschätzt hat. Enders gehört dazu, und als der ehemalige Profi Geburtstag hat, schreibt Krause eine Karte, Enders ruft zurück. „Da kam der Ball ins Rollen, was das Buch anbelangt“, sagt Krause rückblickend. Er erfährt, dass Enders im Krankenhaus liegt. Krause besucht ihn in Herford, auch später in der Reha in Bad Oeynhausen, und weil Enders ein richtig guter Erzähler ist und Krause auch die eine oder andere gute Geschichte beisteuern kann, verstehen sie sich prächtig. „Und irgendwann“, so sagt Krause, „kam mir der Gedanke, darüber könnte ich doch mal ein Buch schreiben, über das bunte und abwechslungsreiche Leben des Peter Enders.“

Ein gutes Jahr hat das Vorhaben gedauert, dann ist Krauses Biografie fertig. „Es ist auch eine Zeitreise“, sagt Krause beim Redaktionsbesuch in Varenholz, und sie führt zurück in eine Welt der schwarz-weißen Bilder, der langen Koteletten und mächtigen Schnauzer; in ein Land, das durch die Mauer geteilt war, oder in ein Südafrika, das unter der Apartheid leidet. Es ist eine Zeit, in der die Laufbahn eines Fußball-Spielers gekrönt wurde, wenn am Ende ein Tabakwarenladen oder eine Lotto-Annahmestelle eröffnet oder übernommen werden konnte.

Enders geht einen ganz andern Weg, er hat in Berlin studiert und wird Lehrer. Es geht nicht nur um Fußball. Anekdoten und besondere Begegnungen und Ereignisse werden immer wieder eingestreut, sodass das „Jahreswerk“ (Krause) auch vergnüglich zu lesen ist. Krause ließ 30 Buchexemplare als „Privatdruck“ (Krause) erstellen. Für eine größere Auflage hat er nach einem Verlag gesucht, vergeblich, aber es wird einen weiteren Druck von 60 Büchern geben, die an Interessierte weitergeben werden.


Krause liest am Donnerstag, 2. März, im Auetal, ab 19 Uhr im Rehrener Spiegelsaal. Mitbringen wird er Peter Enders, der natürlich auch die eine oder andere gut erzählte Geschichte beisteuern wird, zudem können Besucher Fragen stellen. „Foto-Show“ mit 21 Aufnahmen von Enders aus allen Stationen als Spieler und einige private. Der Ex-Profi wird auch zu aktuellen Fußballfragen Stellung nehmen: aufgeblähte WM, Einführung Videobeweis in der Bundesliga oder die Rückkehr von Uli Hoeneß als Bayern-Präsident. Der Eintritt ist frei.

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