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Verschossen, verschoben und versprochen

Aus, Aus. Das Spiel ist aus. Das ist jedenfalls die Botschaft, die Schalkes Manager Rudi Assauer in diesem Sommer des Jahres 2001 am letzten Spieltag erhält. S 04 hatte Unterhaching 5:3 geschlagen, der HSV durch ein Tor in der 90. Minute gegen die punktgleichen FC Bayern gewonnen – und damit ist Schalke 04 endlich wieder einmal deutscher Meister.

veröffentlicht am 24.08.2012 um 14:55 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:28 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Was Assauer nicht mitbekommt: Schiedsrichter Markus Merk lässt in Hamburg nachspielen. In der vierten Minute der Nachspielzeit gibt es einen indirekten Freistoß für Bayern, weil Torwart Mathias Schober eine Rückgabe regelwidrig mit der Hand aufgenommen hat. Und Patrik Andersson schießt den Ball ins Tor und damit die Bayern doch noch zur Meisterschale. Für Andersson wird es sein einziges Tor in der Bundesliga bleiben, und am unglücklichsten war an diesem Tag wohl HSV-Torwart Schober: Er war von Schalke 04 ausgeliehen. Immerhin schenkte der Boulevard S 04 den schönen Titel: Meister der Herzen.

Ein Nachspiel gibt es auch in einem anderen Spiel. Am 14. August 1981 erleidet Ewald Lienen die schwerste Verletzung, die je ein Bundesliga-Spieler erlitt. Norbert Siegmann von Werder Bremen schlitzt ihm mit den Stollen den Oberschenkel auf; er hinterlässt eine 25 Zentimeter lange, tiefe Risswunde. Lienen rennt wie ein Berserker mit der klaffenden Wunde an den Spielfeldrand zum damaligen Trainer von Werder Bremen, Otto Rehhagel, den er für das Foul verantwortlich macht, indem er behauptet, Rehhagel habe Siegmann zu dem Foulspiel angestiftet. Die Bilder der offenen Wunde beherrschen tagelang die Medien, sie wird mit 23 Stichen genäht, nach 17 Tagen beginnt Lienen wieder mit dem Training. Und Norbert Siegmann? Hat sein Image weg, „der Schlitzer“ wird er nun genannt. Später wird er bekennender Buddhist.

Bleiben wir bei Werder Bremen und gehen ins Jahr 1971, als die Hanseaten auf dem Bökelberg gegen Borussia Mönchengladbach antreten. Zwei Minuten sind am 3. April noch zu spielen, als Stürmer Herbert Laumen in das Bremer Tor läuft und sich im Tornetz verheddert. Beim Versuch, sich am Netz hochzuziehen, bricht daraufhin der linke Torpfosten in Bodennähe ab, das Tor fällt in sich zusammen. Das Spiel wird abgebrochen, später wird Bremen zum Sieger erklärt, weil Mönchengladbach als Gastgeber kein Ersatz-Tor bereitgestellt habe. Anschließend schaffen alle Bundesligavereine die Holztore ab und ersetzten sie durch Tore aus Aluminium. Und der gebrochene Pfosten liegt heute im Museum der Borussia, die übrigens in der Saison den Titel holte.

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  • Tränen und Entsetzen bei den Schalker Fans: In letzter Minute wurde S 04 im Jahr 2001 doch nur „Meister der Herzen“.

In der Meisterschaft 1978 liefern sich Titelverteidiger Borussia Mönchengladbach und der 1. FC Köln am letzten Spieltag ein Fernduell, bei dem Dortmund und St. Pauli zu Opfern werden. Die Kölner reisen zum Absteiger St. Pauli und haben ein um zehn Tore besseres Torverhältnis – was soll groß passieren?

Eine Menge, denn die Gladbacher spielen sich gegen Dortmund in einen Rausch und gewinnen 12:0, es ist der höchste Sieg in der gesamten Bundesligageschichte. Weil die Kölner 5:0 gegen St. Pauli siegten, blieb das große Wunder aus, der FC sicherte sich den Titel. Für den damaligen Dortmunder Trainer Otto Rehhagel war es die schwärzeste Stunde seiner Laufbahn: Er wurde sofort gefeuert – und hatte einen Spitznamen weg, der ihn lange verfolgte: Otto Torhagel.

Zwei Elfmeter wird ein deutscher Fußball-Fan nie vergessen: Den ersten jagt Uli Hoeneß in einem EM-Endspiel in den nachtblauen Himmel von Belgrad (Spötter sagen, der Ball wäre heute noch unterwegs), der andere wird in der Bundesliga geschossen. Es ist der 22. April 1986, im Weserstadion Bremen steht es 0:0 gegen den FC Bayern. Zwei Minuten vor Schluss gibt es einen (unberechtigten) Elfmeter für Werder, Michael Kutzop tritt an. Trifft er, ist Werder Meister. Und daran hat niemand einen Zweifel, denn noch nie, nie, nie hat Michael Kutzop einen Elfmeter verschossen, weder in der ersten noch in der zweiten Liga. Doch Kutzop setzt den Ball an den rechten Pfosten, am letzten Spieltag verliert Bremen und Bayern wird doch noch Meister. Mitspieler Rudi Völler hat später alle Titel gewonnen, war Welt- und Europameister, aber eben niemals Deutscher Meister. Weil Kutzop den Pfosten traf. Heute leitet Kutzop eine Fußballschule in Cala Millor auf Mallorca. Sie ist nach Rudi Völler benannt.

Auf der Bremer Ersatzbank saß an diesem 22. April 1986 auch einer, der in Stadthagen das Fußballspielen lernte: Mittelfeldspieler Günter Hermann. Mit Werder holte er später die Deutsche Meisterschaft, den DFB-Pokal und gewann den Europapokal der Pokalsieger. Mit der deutschen Nationalmannschaft wurde er 1990 Weltmeister – ohne jedoch eingesetzt zu werden.

Und eine andere Werder-Legende mit einem sehr kantigen Kinn kam in der Rattenfängerstadt zur Welt: Ex-Nationalspieler Jens Todt wurde in Hameln geboren. Heute sitzt Todt im Vorstand des VfL Bochum.

Viele weitere Persönlichkeiten aus der Region haben Bezug zur höchsten deutschen Spielklasse: Nürnberg-Trainer Dieter Hecking wohnt immer noch in Bad Nenndorf, Massimilian Porcello ist in Obernkirchen aufgewachsen und lief für Bielefeld und Karlsruhe in der ersten Bundesliga auf. Detlef Dammeier wurde in Stadthagen geboren und absolvierte im defensiven Mittelfeld über 500 Erst- und Zweitligaspiele – unter anderem für Hannover 96, den Hamburger SV und Arminia Bielefeld.

Auf zwei Bundesliga-Einsätze für Hannover 96 brachte es der Eimbeckhäuser Norbert Irtel in der Saison 1967/68. Bei seinem Debut im Müngersdorfer Stadion gegen den 1.FC Köln erzielte Irtel gleich das Tor zum 1:1-Unentschieden. Hannover 96 verlor das Spiel dennoch mit 1:2. Fünf Minuten Spieleinsatz in der Bundesliga hatte der Bad Pyrmonter Florian Büchler in der Saison 2008/09, als der damalige Trainer Andreas Bergmann den damaligen Spieler aus dem Regionalliga-Kader in der ersten Mannschaft einsetzte. Der Aerzener Christoph Buchtmann brachte es beim 1.FC Köln in der vergangenen Spielzeit immerhin auf zwei Kurzeinsätze. Buchtmann steht auch in der kommenden Saison im Kader der Rheinländer – die spielen aber vorerst in der zweiten Liga weiter.

Seine dunkelsten Stunden erlebt die Bundesliga im Abstiegskampf in der Fußball-Bundesligasaison 1970/71, als es Rot-Weiß Oberhausen und Arminia Bielefeld gelingt, in der 1. Bundesliga zu bleiben: Sie haben Spiele manipuliert. Aufgedeckt wird das „Verschieben“ von Spielen durch den Vereinspräsidenten von Kickers Offenbach, Horst-Gregorio Canellas, der bei der Feier seines 50. Geburtstages am 6. Juni 1971 die Gäste mit dem Abspielen eines Tonbandgerätes überrascht: Die zu hörenden Mitschnitte verschiedener Telefonate haben Spielmanipulationen und Schmiergeldzahlungen zum Thema. Entsetzt verlässt Bundestrainer Helmut Schön die bis dahin schöne Party. Mitttendrin statt nur dabei bei dieser miesen Mauschelei: Die Nationalspieler Bernd Patzke und Manfred Manglitz, Reinhard „Stan“ Libuda, Klaus Fichtel, Horst Wolter und Klaus Fischer. Insgesamt 1,1 Millionen D-Mark waren an Schmiergeldzahlungen aufgedeckt worden. Arminia Bielefeld und Kickers Offenbach werden die Bundesligalizenzen entzogen. Der deutsche Fußball verliert seine Glaubwürdigkeit, die Fans reagieren mit Entsetzen und Liebesentzug. Kamen in der Saison noch rund durchschnittlich 20 600 Zuschauer zu den Bundesliga-Spielen, so waren es ein Jahr später nur noch 17 900 pro Spiel und 1972/73 sogar nur noch 16 300 – es ist der Tiefpunkt in der Geschichte der Eliteliga. Erst mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1974 im eigenen Lande können die Profis das verloren gegangene Vertrauen ihrer Fans wieder zurück erkämpfen.

Walter Eschweiler, Volker Roth, Markus Merk: Zur Bundesliga gehören natürlich auch die Schiedsrichter, doch nur einer von ihnen bringt es zur Legende. Wer in München in einer Kneipe einen Eschweiler bestellen würde, der würde ungläubige Blicke und Kopfschütteln als Resonanz erhalten. Auch bei einem Merck in einer Berliner Kneipe. Wer dagegen heute in der Bremer Vereinskneipe einen „Ahlenfelder“ bestellt, erhält ein Bier und einen Malteser-Schnaps. Und das kam so: Wolf-Dieter Ahlenfelder ist Schiedsrichter, am 8. November 1975 pfeift er das Spiel Werder Bremen gegen Hannover 96. Ahlenfelder ist sichtlich angetrunken und will die erste Halbzeit zunächst nach 32 Minuten abpfeifen, lässt sich überreden und die Mannschaften noch ein bisschen weiterspielen, ehe er schließlich 90 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit endgültig zur Halbzeit pfeift. Dass er vorher getrunken hat, streitet er nicht ab, vor dem Spiel gab es zum Mittagessen nach eigener Aussage ein Bier und einen Malteser-Schnaps. Legendär ist auch sein Wortwechsel mit Spielerlegende Paul Breitner während eines Spiels. Breitner: „Ahlenfelder, Du pfeifst wie ein Arsch.“ Ahlenfelder: „Paul, Du spielst wie ein Arsch.“

Mit Schalke 04 hat dieser Text begonnen, und mit Schalke 05 soll er enden. Am 3. Februar 1973 moderiert Carmen Thomas als erste Frau überhaupt eine Sportsendung im deutschen Fernsehen: Das aktuelle Sportstudio im ZDF. Vor ihrer zweiten Sendung hat die Bild-Zeitung bereits einen Verriss dieser Sendung geschrieben. Um das publik zu machen, liest Thomas diese „kalt geschriebene“ Kritik der Live-Sendung in dieser kurzerhand vor: „Sie brauchen heute nicht zu gucken, weil eine große deutsche Zeitung schon weiß, wie ich heute sein werde“. Die Ausgabe der Bild am Sonntag mit einem Kommentar über ihre Sendung war bereits vor Sendebeginn am Kiosk zu kaufen, die Zeitung mit den großen Buchstaben war landesweit bis auf die Knochen blamiert. Die Revanche kam ein halbes Jahr später: durch ihren Versprecher „FC Schalke 05“. Die Bild-Zeitung brachte die Geschichte mehr als zwei Wochen später auf den Titel und forderte ihre Entlassung. Obwohl sich jeder sicher ist und sich genau erinnert, dass der „Schalke-05“-Versprecher ihre Karriere beim Sportstudio beendet hat, so moderiert sie das Sportstudio doch noch anderthalb Jahre weiter. Und wird dabei eine ganze Menge Bundesliga-Spiele ohne Versprecher angekündigt haben.

Am 28. Juli 1962 beschloss der Deutsche Fußballbund die Gründung der Bundesliga. Am 24. August 1963 fand der erste Spieltag statt. Heute startet die höchste deutsche Spielklasse in ihre 50. Saison. Ein Rückblick.

Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder ist als durstigster Schiri in die Geschichte eingegangen. Angetrunken pfiff er eine Halbzeit schon nach 30 Minuten ab.

Fotos: dpa

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