weather-image
21°

Suizid – „ein Minenfeld voller Vorurteile“

Was für ein starkes Tabuthema der Suizid ist, wissen wohl am besten die Angehörigen und Freunde von Menschen, die sich das Leben nahmen. Obwohl die Selbsttötung eine der häufigsten „Todesursachen mit äußerer Ursache“ ist, stehen Angehörige danach häufig im Abseits. „Die meisten Menschen wissen einfach nicht, ob sie das Thema überhaupt ansprechen dürfen“, so Christina Marx, die in Bad Pyrmont vor zwei Jahren eine Selbsthilfegruppe für Betroffene gründete. „Darf man den Trauernden zu erkennen geben, dass man um die Todesumstände Bescheid weiß? Der Suizid ist – anders, als wenn es sich um Tod durch Krankheit oder Unfall handelt – ein Minenfeld voller Vorurteile und Gefühlschaos.“

veröffentlicht am 20.08.2012 um 00:00 Uhr

270_008_5759437_hi_Suizid_Marx_Christina.jpg

Autor:

Cornelia Kurth

Um den Unterschied deutlich zu machen, erzählt Marx von einem Gespräch mit ihrer alten Mutter, die wegen einer Krebserkrankung bald sterben wird. „Es war ,das Gespräch der Gespräche‘“, sagt sie. „Es ging um die Angst vor dem Tod und um die Menschen, die sie zurücklässt. Wir sprachen darüber, ob sie ihre letzten Tage in einem Hospiz verbringen möchte, wie die Beerdigung aussehen soll, wer was erben soll. Wir weinten, aber schließlich lachten wir auch, weil es gut und richtig gewesen war, so zu reden.“ Mit einem Lächeln schließlich sei sie vom Krankenhaus nach Hause gefahren.

Ganz anders aber war es, als sich ihr Bruder vor neun Jahren erschoss. Er hatte erst seine Frau und dann sich selber getötet, eine völlig überraschende Wahnsinnstat, durch nichts wirklich zu erklären, schon gar nicht zu rechtfertigen, wie es schien. „Extremer können Schuld und Verzweiflung kaum vermischt sein, als in diesem Fall“, so Christine Marx. Dementsprechend fast unmöglich war es, mit Freunden und Bekannten darüber zu sprechen, von irgendeiner Seite her Unterstützung und Zuspruch zu erhalten. „Ich war sehr offensiv vorgegangen, habe immer wieder davon angefangen, doch meine Leute konnten damit überhaupt nicht umgehen. Ich glaube, viele von ihnen hielten meinen Bruder einfach für einen Doppelmörder.“

Selten wird ein anderer Mensch so sehr in das suizidale Geschehen, in einen „erweiterten Selbstmord“ hineingezogen wie die erschossene Frau. Doch was sollte die Ehefrau eines Arbeitskollegen von Christine Marx sagen, deren Mann, für sie unvorhersehbar, ihre kurze Abwesenheit nutze, um sich mitten in der Wohnung zu erhängen. Was Eltern, die ihr totes Kind identifizieren müssen, das seinen Körper und sein Leben vor einen Zug warf? Die Freundin, die ihren depressiven Freund am Morgen besucht, und da hat er sich im Wohnzimmer eine Kugel durch den Kopf gejagt? Wurde nicht auch ihnen Schreckliches angetan?

270_008_5763559_hi_Hospiz_2008.jpg
  • Marjanne Griffioen- Besselsen

Marjanne Griffioen-Besselsen, ausgebildete Trauerbegleiterin, die ehrenamtlich für den Rintelner Hospizverein arbeitet, sie sagt: „Das Thema Schuld lässt sich für die meisten Menschen nicht vom Thema Suizid trennen. Die Angehörigen sind nach der ersten Schockstarre zu ihrem eigenen Kummer oft unerträglich wütend auf denjenigen, der ihnen seinen gewaltsamen Tod zumutete. Und die Umwelt meint nicht selten, die Angehörigen trügen eine Teilschuld daran, dass ein Familienmitglied nicht mehr weiterleben wollte.“ Griffioen-Besselsen hat in ihrer achtjährigen Trauergesprächsarbeit schon mit unzähligen Betroffenen zu tun gehabt, und fast immer war es ein großes Problem, so allein dazustehen mit den Gefühlen von Schmerz, Zorn, Schuld und Einsamkeit.

Wie zerstörerisch es sein kann, diese Gefühle nicht angemessen zu verarbeiten, erläutert sie an einem besonders tragischen Fall, mit dem sie es zu tun hatte. Da ging es um eine erwachsene Frau, die nach dem Krebstod ihres Mannes für mehrere Jahre in schwere Depressionen verfiel, bei deren Behandlung sich dann herausstellte: Als kleines Mädchen war sie es gewesen, die ihre Mutter erhängt in der Wohnung gefunden hatte. Ihre große Schwester zerrte sie von diesem Anblick weg und sprach ihr zu: „Das ist nichts, alles wird gut, mach Dir keine Gedanken!“ In der ganzen Familie wurde nie wieder wirklich über die Umstände des Todes gesprochen. Zu vieles, zu Schweres wäre da wohl zur Sprache gekommen.

Vor Kurzem konnte man in einem Internetforum, dessen Teilnehmer überwiegend eher junge PC-Spieler sind, davon lesen, dass einer der „User“, der sich sonst täglich auf unterhaltsame Weise in die Gespräche gemischt hatte, nicht mehr lebt. Eine Freundin hatte ein entsprechendes Thema eröffnet, verbat sich dabei aber Fragen nach der Todesursache. Wann immer ein anderer doch wissen wollte, was denn geschehen sei, wimmelten diejenigen, die ihn kannten, das mit aufrichtiger Empörung ab, auch dann noch, als sich hinter vorgehaltener Hand längst rumgesprochen hatte, dass der junge Mann sich das Leben genommen hatte. Es schien, als hätte ein Gespräch über diese Tatsache in den Augen der Jugendlichen den Charakter eine Art üblen Nachrede in Bezug auf ihn und seine Familie.

Nun gibt es Fälle, in denen ein Mensch sich das Leben nimmt, weil er von anderen Menschen schlecht behandelt wird. Griffioen-Besselsen weiß von einer Frau, die sich tötete, und dann fand man an ihrem Körper einen Abschiedsbrief, den sie auf diese Weise vor ihrem Mann versteckte. Darin erklärte, sie, dass sie das Leben an seiner Seite nicht mehr habe ertragen können. „Und doch fragen sich die Angehörigen dann: Hätten wir ihr nicht helfen müssen? Hätte sie nicht die Beziehung auf andere Weise beenden können?“ In den Augen vieler Menschen, das habe sie erfahren, sei der Suizid eine Schande, etwas Verwerfliches, Böses, moralisch kaum Entschuldbares für alle Beteiligten.

Zusammen mit vielen anderen Trauerbegleitern besuchte Griffioen-Besselsen kürzlich ein Seminar des Sterbeforschers Bernhard Jakoby. Zwar argumentiert er einseitig vor dem Hintergrund der Vorstellung, dass der Tod nur der Übergang zu einer anderen Daseinsform ist, in die hinein man seine vorherige Persönlichkeit mitnimmt. Trotzdem zeigten sich die Trauerbegleiter sehr beeindruckt von Jakobys Grundhaltung zum Thema Schuld und Suizid. Man täte Menschen, die sich das Leben nehmen, sehr leicht Unrecht, indem man versucht, irgendwie die „Warum“-Frage zu klären. „Viele Familienangehörige beißen sich an dieser Frage fest – manchmal 50 Jahre lang, und vergeuden dadurch ihr eigenes Leben. Suizid – man muss das ohne Bewertung akzeptieren, wie es ist“, sagt er in einem Interview.

Tatsache ist: Die überwiegende Zahl der Suizidenten litt zuvor unter Depressionen. Der Mediziner Erwin Ringel, Mitte des 20. Jahrhunderts Begründer der modernen Suizidforschung, betont, dass die meisten Suizidgefährdeten, mit denen es Psychologen zu tun haben, sich weder frei fühlen noch frei sind, sondern sich von einer Ausweglosigkeit, ob real, ob nur als solche empfunden, in den Tod getrieben fühlen. In seinem Sinne ist der Suizid nicht letzte Freiheit, sondern die letzte Unfreiheit des Menschen. In diesem Kontext von einer persönlichen Schuld oder Schande zu sprechen, liegt der Suizidforschung insgesamt fern.

„Sehr oft, wenn Angehörige bei uns im Hospiz anrufen, weil sie Hilfe bei der Trauerarbeit brauchen, dreht sich das erste Gespräch hauptsächlich um Schuldgefühle“, so Griffioen-Besselsen. „Das muss erst mal raus, bevor man sich überhaupt der eigentlichen Trauer nähern kann.“ Dabei habe es gar keinen Sinn zu sagen, es gebe da keine Schuld, wer sterben wolle, der finde seinen Weg und ähnliche relativierende Dinge. „Hat jemand Schuld wie zum Beispiel die Mutter, deren drogenabhängiger Sohn sich umbrachte? Sie hat für ihn gekämpft, versucht, ihn zu retten, und trotzdem kann man das Gefühl des Versagens nicht durch ein Wort wegwischen. Besser wäre anzubieten, einen Wein zusammen zu trinken.“

Marx hat es schon oft erlebt, dass Angehörige eine Krankheit vorschoben, wenn es sich in Wirklichkeit um Suizid handelte. Ebenso wie Griffioen-Besselsen kann sie von solchen Fluchten nur abraten. „Mit dieser Umschreibung schreibt man das Tabu nur fest, zum Nachteil für das eigene Leben“, meint sie. Und Griffioen-Besselsen: „Man muss sprechen, muss sich dem Geschehen stellen. Schuldgefühle und Verzweiflung, das kann man zunächst kaum abwehren. Doch man kann es nach und nach mit Freundeshilfe oder professioneller Unterstützung überwinden.“

Kontakt: Marjanne Griffioen-Besselsen, November – Selbsthilfegruppe für Menschen, die einen Angehörigen oder Freund durch Suizid verloren haben: (0 52 81) 1 84 18; Hospizverein Rinteln: (0 178) 1 65 75 01.

Wenn ein Mensch sich das Leben nimmt, ziehen es Angehörige und Freunde häufig vor, nicht über den Suizid zu sprechen. Selbsttötung ist ein Tabuthema. In Bad Pyrmont gibt es eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die einen Angehörigen oder Freund durch Suizid verloren haben. Auch ausgebildete Trauerbegleiter helfen, mit dem Verlust eines Menschen, der sich das Leben nahm, und der oft quälenden Frage nach dem „Warum?“ klarzukommen.

Außenstehende geben Angehörigen häufig Mitschuld

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare