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Der „Wilde Peter von Hameln“ litt wahrscheinlich am Pitt-Hopkins-Syndrom – einem Gendefekt

Sprechen hat er nie gelernt

Der „Wilde Mann“ als Symbol des Harzes, aus dem das Silber für die Braunschweig-Lüneburgischen Gepräge stammte, war ein Berggeist, dargestellt als riesenhafte Gestalt mit einem ausgerissenen Baum in der Hand. Bekleidet war er lediglich mit einem Lendenschurz aus Blättern.

veröffentlicht am 18.04.2017 um 08:09 Uhr

„Peter, the Wild Youth“: Im Jahre 1725 schuf William Kent dieses Ölbild des „Wilden Peter“ von Hameln. Repro: Meissner

Autor:

Viktor Meissner
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Sein Abbild war neben dem Springenden Pferd lange Zeit Hauptmotiv auf Silbermünzen der welfischen Herzöge und Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg-Hannover und der Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel. Erstmals erschien ein „Wilde-Mann“-Taler 1539 unter der Regierung von Herzog Heinrich dem Jüngeren (1514-68) von Braunschweig-Wolfenbüttel. Der „Wilde Mann“ aus dem Harz war eine Symbolfigur, der „Wilde Peter“ von Hameln aber war eine reale Gestalt und damals wie heute nicht minder faszinierend.

Am 17. Juli 1724 nachmittags entdeckte der Hamelner Bürger Jürgen Meyer, der eben von der Weizenernte heimwärts wollte, auf dem Flurstück „Am Stiege“, einem Feld jenseits der Weser an der heutigen Helpenser Landstraße einen nackten Knaben von ungefähr 13 Jahren. Um den Hals trug er die Reste eines Hemdes. Meyer sprach ihn an, der Knabe antwortete jedoch nicht, sondern machte „unsinnige“ Gebärden, also nahm er ihn mit sich und führte ihn durch das Brückertor (Brückenkopf) in die Stadt.

Der Junge wurde sofort bestaunt. Je weiter er in die Stadt kam, desto mehr Volk versammelte sich um ihn. Zeitgenössische Berichte beschreiben ihn mit kurzen krausen schwarzen Haaren.

Durch den Tumult, den sein Erscheinen erregte, bekam die Obrigkeit Kenntnis davon und ließ ihn in ein Zimmer bringen, dessen Fenster mit Brettern vernagelt war. Dem Jungen gelang es aber geschickt, die Nägel aufzubiegen und ins Freie zu entkommen.

Der Junge sprach kein Wort, machte aber eigenartige Gebärden, wenn man ihn ansprach. Er „ ... legte die Finger auf den Mund, um vielleicht anzuzeigen, daß er nicht reden könte, wenn ihm was gegeben wurde, küßete er seine eigene Hand, auch zuweilen die Erde, und geberdete sich dabei freundlich, ... er schlief nicht wie andere Menschen liegend, sondern auf denen Ellenbogen und Knien sitzend“.

Zunächst ließ man ihn frei in der Stadt herumlaufen, wobei er öfter versuchte, wieder aus dem Brückertor hinauszugelangen; die Wachen hatten jedoch den strikten Befehl, dieses zu verhindern.

Es machte ihm großes Vergnügen, auf leere Schiebkarren zu springen und sich fahren zu lassen. Warf man ihn jedoch herunter, „... wurde er im Gesichte ganz erbost und zeigte die Zähne wie ein Hund, oder Affe, fing auch nachmahls an sich an Kindern seines Alters zu vergreifen“. Dieses Verhalten veranlasste den Magistrat nun doch, ihn wieder in das Armenhaus St. Spiritus in der Heiliggeiststraße zu bringen, um ihn „... etwas genauer in Obsicht nehmen zu lassen“.

Kleidung nahm er nicht an und zerriss diese, seine Reinlichkeit wird als „nicht die beste“ beschrieben, er schlief sowohl im Bett als auch auf der Erde und „...man fand ihn anderntags über und über mit Kot beschmiert, dass jederman ein Abscheu von ihm gehabt, worauf ihm ein leinenes Kleid angezogen wurde“.

Um seine „Wildheit“ etwas einzudämmen, gab man ihm schließlich einen Aufseher, der sehr bald feststellte, dass der Junge große Angst vor Schlägen hatte; sobald man ihm die Rute nur zeigte, war er sofort „gehorsam“. Nachdem man ihn nun gründlich gewaschen hatte, zeigte sich, dass seine Haut weiß war und er mehrere Narben an seinem Körper hatte, eine davon an der Seite des Mundes, die aussah, als wenn sie von einem Messerschnitt herrührte.

Ganz allmählich und mit jeder Menge Geduld, aber auch unter Androhung der Rute, gelang es dem Aufseher schließlich, dass er sich nicht mehr die Kleider vom Leibe riss und es auch zuließ, Schuhe anzuziehen. Eine Bürgerfrau mit guter Beobachtungsgabe stellte fest, dass „...der Junge vorhin eine Hose angehabt haben mus, aber keine Strümpfe, weil das übrige des Leibes viel schwärzer von der Sonne gebrant, als die Beine“.

Peter, wie er nun genannt wurde, freute sich sehr, wenn man ihm einige Nüsse gab, auch beobachtete man, dass er sorgfältig das im Rinnstein wachsende Gras pflückte und aß. Kaffee trank er sehr gern, führte sich aber ansonsten sehr wild und ungebändigt auf, blieb nie länger bei einer Sache und war ständig am Herumrennen.

In der Zwischenzeit kamen einige Schiffer die Weser herab und erzählten, dass sie bei ihren Fahrten an Polle vorbei im Sommer des Öfteren einen nackten Menschen am Ufer gesehen hätten. Man stellte darauf Nachforschungen an und erfuhr, dass einem Wirt in Fürstenberg, nachdem er das zweite Mal geheiratet habe und seine zweite Frau sehr böse sei, seine beiden Söhne „...weggekommen, davon der eine bereits im Holze gestorben, und das man vor des Wirths Hause ein klein Mägden von eben der Visage und dicken kurz krausen Haren angetroffen“. Den zweiten verschwundenen Jungen fand man dann später ebenfalls im Wald tot auf.

Nachdem nun der „Pflegevater“ des Armenhauses ihn nach einem Dreivierteljahr endlich los sein wollte, war in Hameln keiner mehr bereit, die Aufsicht über den Knaben weiterzuführen und so überlegte die königliche Regierung in Hannover, ihn in das „Dollhaus“ nach Celle zu bringen.

Es machte ihm großes Vergnügen, auf leere Schiebkarren zu springen und sich fahren zu lassen.

Berühmt wurde der „Wilde Peter“ aber erst, als er 1725 vor dem gerade in Herrenhausen zu Besuch weilenden englischen König George I. erschien. Die „Vossische Zeitung“ berichtete: „Hannover, den 15. December. Man hat vor wenigen Tagen an Se. Groß-Britannische Majestät zu Herrenhausen einen Jüngling von 14. biß 15. Jahren präsentiret, welchen die Jäger in dem Hamelischen Busche auf Hände und Füßen als ein vierfüßig Thier gehend, und die Bäume mit grosser Geschwindigkeit hinauf kletternd, gefunden haben.“

Einige Monate später berichten deutsche und französische Zeitungen, dass Peter von Hameln sich bereits in England befinde, wo der „wilde Knabe“ in die Obhut des schottischen Arztes und Mathematikers John Arbuthnot kam. Doch dessen Erziehungs- und Sprachversuche scheiterten kläglich.

Peter lernte nie das Sprechen, er lachte nie, zeigte völliges sexuelles Desinteresse. Er hatte aber Freude an Musik, tanzte dann wild herum und konnte kleinere einfache Aufgaben erledigen.

Bereits in Hameln hatte ein Regiments-Feldscherer festgestellt, dass Peters Zunge unnormal dick gewesen sei und an beiden Seiten festgewachsen. Er bot sich an, das durch eine Operation zu beheben, was jedoch unterblieb, da man seinen Fähigkeiten als Chirurg nicht besonders traute.

Die lange Zeit in England auf dem Lande ließ den „Wilden Peter“ in Vergessenheit geraten. Im Alter von 60 Jahren musste er jedoch noch einmal nach London reisen, da die königliche Familie unter Georg III. ihn sehen wollte; sprechen konnte er immer noch kein einziges Wort.

Der „Wilde Knabe von Hameln“ starb 1785 in Hertford-shire, sein Grabstein auf dem Friedhof der St. Mary’s-Kirche in Northchurch ist noch heute zu sehen. Er trägt die Inschrift: „Peter the Wild Boy 1785.“

Bald nach dem Auffinden des „Wilden Knaben“ machte man sich Gedanken über seine Herkunft. Die Meinungen gingen auseinander. Einige meinten, er sei ein „Wolfskind“ also ein Kind, das ohne jeglichen Kontakt zu Menschen von Tieren großgezogen worden sei. Literarische Beispiele finden sich in den fiktiven Gestalten von Mogli in Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ und Edgar Rice Burroughs „Tarzan“. Sie entstammen aber dem 19. Jahrhundert. Ansonsten bezweifeln Wissenschaftler ganz allgemein diese Theorie.

Andere hatten weit abstrusere Ideen:

„1) Ob dieser Junge auch etwa in einem im Orient entstandenen Gewitter gleich einem Frosch mit aufgezogen und alhie wieder niedergelaßen sey.

2) Ob er nicht etwa aus Siebenbürgen als ein Spion der ehemals ausgegangenen Kinder Nachlaß hieselbst zu erkundigen, abgesant sey, oder

3) Ob es nicht eine protuberatio terrae eines unter der Erden nach dem genio des Paracelsi gezeugeten Menschen sey.“ (also ein Homunkulus)

Es gab aber auch Personen, die mit ihrer Meinung von der Realität wohl nicht so weit entfernt lagen, obwohl das bis heute nicht bewiesen werden konnte. Sie vertraten die Ansicht, es habe sich um den geistig behinderten Sohn eines Lüchtringer Kneipenwirts gehandelt. Lüchtringen ist ein Stadtteil von Höxter an der Oberweser. Der Junge sei, bevor er auf der Hamelner Wiese gefunden wurde, von seiner Stiefmutter aus dem Haus geprügelt worden. Damit lagen sie nicht weit entfernt von der durch die Stadt eingeholten Nachforschung.

Was nun seine angebliche „Wildheit“ angeht, ist man nach neueren Erkenntnissen zu dem Schluss gekommen, dass „Peter von Hameln“ aller Wahrscheinlichkeit nach am Pitt-Hopkins-Syndrom gelitten hat, einer sehr seltenen, durch einen Gendefekt ausgelösten Störung. Dieses würde vieles erklären, was vom Verhalten des Jungen und seinem Aussehen bekannt wurde: geistige Behinderung, fehlende Lautsprachenentwicklung, breiter Mund mit gebogener Oberlippe, Kleinwüchsigkeit. Diese Defekte könnten auch erklären, warum er von seiner Familie ausgesetzt wurde.

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