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Auf der „Tour de Flur“ erlaubt die Landwirtschaft einen Blick hinter die Kulissen

Spitzenpreise für Fleisch

Einen durchaus spannenden Blick hinter die Kulissen einiger landwirtschaftlicher Betriebe wischen Süntel und Ith gab es jetzt auf Einladung des Bauernverbands Weserbergland im Landvolk Niedersachsen, Landwirtschaft auf einer „Tour de Flur“ mit dem Fahrrad zu erleben. Und mehrere Hundert Menschen machten sich auf den Weg, um Schweinemastbetriebe, einen Hof mit Milchvieh, eine Geflügelmästerei, Land- und Gartentechnik, Biogasanlagen, ja sogar das Innere einer Windkraftanlage zu erkunden.

veröffentlicht am 19.06.2017 um 15:59 Uhr

Schlachtreif ist dieses Geflügel im Maststall der Brüder Heiko und Stefan Feuerhake bei Bäntorf. Foto: wft
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Wolfhard F. Truchseß Reporter
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Schweinemästern und Milchbauern scheint es inzwischen wieder deutlich besser zu gehen. Tim Böcker in Bäntorf hat in beiden Ställen, die er in einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts mit seinen Eltern betreibt, 220 Tiere stehen. „Die werden konventionell gehalten, aber durchaus tiergerecht“, erklärt der 25-Jährige. Dass die Milchkühe nicht auf der Weide stehen, erklärt der Landwirt mit der Agrarstruktur des Weserberglandes. „Wir haben hier vor allem Ackerbau und praktisch keine zusammenhängen Weideflächen. Da ist es einfach nicht möglich, die Tiere auf der Weide zu halten und dort Melkmaschinen zu platzieren.

Zu dem Hof von Böcker gehörten 240 Hektar, die teilweise auch gepachtet seien. „Es handelt sich dabei überwiegend um kleine Abschnitte“, erklärt Tim Böcker, „um Schräglagen, um Gebiete an Waldrändern und teilweise auch sumpfiges Gelände, wo wir das Futter für unsere Kühe, die Grassilage, produzieren.“ Mit der wirtschaftlichen Situation des Hofes ist der Milchbauer momentan sehr zufrieden, „denn für den Liter Milch bekommen wir derzeit 34 Cent“. Im Jahresdurchschnitt seien es 32 bis 33 Cent. „Damit kommen wir gut klar.“

Weniger als 27 Cent pro Liter dürften es nicht sein, dann gehe die Rechnung nicht mehr auf. Und das war eine ganze Zeit lang so, denn der Milchpreis war aufgrund des Preiskampfes bei den Discountern zeitweise auf bis zu 20 Cent gefallen und damit ruinös für die bäuerliche Milchwirtschaft.

Im Stall der Milchbauernfamilie Böcker in Bäntorf nutzte so mancher Besucher die Gelegenheit, sich einer der Kühe vorsichtig zu nähern. Foto: wft
  • Im Stall der Milchbauernfamilie Böcker in Bäntorf nutzte so mancher Besucher die Gelegenheit, sich einer der Kühe vorsichtig zu nähern. Foto: wft
Seltener Blick in das Innere einer Windkraftanlage Foto: wft
  • Seltener Blick in das Innere einer Windkraftanlage Foto: wft

Auch Wilhelm Heine zeigt sich mit der Preisentwicklung für seine Schweine hochzufrieden. 120 Zuchtsauen hält er in seinen Ställen in Hachmühlen. Die Ferkel werden dagegen in einem Stall auf der Gemarkung von Coppenbrügge großgezogen. Das unterscheidet Heines Hof von Schapers Schweinemastbetrieb in Hohnsen. Dort werden angekaufte Ferkel gemästet und dann schlachtreif auf den Markt gebracht. „1,81 Euro bekommen wir momentan pro Kilo Schlachtvieh bei 57 Prozent Magerfleisch“, berichtet Heine.

„Solche Preise habe ich erst dreimal erlebt“, erklärt er, „und ich mache das schon seit 1980“. Dabei waren die Preise nach den Sanktionen gegen Russland jahrelang ordentlich in den Keller gegangen, weil die Russen den Import von Lebensmitteln aus der EU komplett gestoppt hatten.

Für den Liter Milch bekommen wir derzeit 34 Cent.

Tim Böcker, Milchbauer

Aber die deutsche Fleischwirtschaft hat einen neuen großen Abnehmer gefunden. „China importiert jetzt sehr viel Schweinefleisch aus Deutschland“, erklärt Heine. „Das hat den Preisen seit Mitte 2016 wieder richtig Auftrieb gegeben. Seit etwa drei Wochen haben wir solche Spitzenpreise.“ Wie lange das anhalte, lasse sich nicht sagen. „Lieber wäre es mir, die Preise steigen nicht weiter, sondern bleiben auf diesem Niveau. Das ist für den Markt gesünder.“ Und unter welche Marke darf der Preis nicht sinken? „Bei 1,40 Euro pro Kilo liegt für mich die Grenze“, sagt Heine, „darunter machen wir Verluste.“

Um ganz andere Größenordnung an Tierhaltung geht es auf dem Hof von Heiko und Stefan Feuerhake bei Bäntorf. 80 000 Hähnchen und Hennen sind dort in zwei jeweils etwa 2000 Quadratmeter großen Hallen „aufgestallt“. Wenn sie nach 28 Tagen Mast ein Gewicht von 1500 Gramm erreicht haben, werden jeweils 10 000 von ihnen „im Vorgriff“, wie es im Fachjargon heißt, aus den Ställen genommen und als „Griller“ verarbeitet, weil ihre Lebensgefährten für die letzte Woche ihres Lebens mehr Platz brauchen, um weiter an Gewicht und Größe zuzulegen. Dass auch diese Art der Fleischindustrie sich noch Landwirtschaft nennt, findet Wilhelm Heine völlig in Ordnung. „Der Markt verlangt diese Produkte und wir liefern sie.“

1,81 Euro ekommen die Händler momentan pro Kilo Schlachtvieh

Abnehmer des Geflügels aus Bäntorf ist der Wiesenhof-Konzern. Rund tausend Betriebe in Deutschland hat er unter Vertrag. „Feuerhakes Mastbetrieb ist dabei nicht einmal einer der Großen“, erklärt der Wiesenhof-Mitarbeiter Stefan Gerberding während einer Führung durch den Stall. „Das ist hier nur ein Mastbetrieb mittlerer Größe.“

Was die Besucher dort sehen, ist Geflügel nur einen Tag vor dem Schlachtermin. Für den gestrigen Tag kündigte Gerberding an, dass zehn bis elf sogenannte Fänger kämen, von denen die 30 000 Tiere in fünf bis sechs Stunden gefangen und in Container verpackt würden. „Das ist ein Knochenjob“, erklärt Gerberding, „das kann man nicht länger als eine halbe Stunde am Stück machen. Den Zustand des Geflügels findet er in Ordnung, so wie offenbar auch die von einem Team der Universität Vechta befragten Besucher, sich nach der Besichtigung angeblich überwiegend positiv über diese Art der Tierhaltung äußern.

Dass Mastbetriebe, wie der bei Bäntorf, zur Besichtigung freigegeben werden, ist Teil einer „Transparenzoffensive“ die von der Geflügelwirtschaft finanziert wird. Und: Seit dem Jahr 2012 gibt es an der Universität das Projekt „wing“ – „Wissenschafts- und Informationszentrum Nachhaltige Geflügelwirtschaft“, komplett finanziert durch Drittmittel aus eben dieser Branche.

Dr. Aline Veauthier, die Leiterin des Projekts, räumt nach der Besichtigung im Gespräch durchaus ein, dass der Ruf der Branche seit Beginn der Messungen 2012 noch schlechter geworden sei. „Aber diese Form der Aufklärung, wie sie hier zu erleben ist, führt zu einer nachhaltigen Verbesserung der Meinung über die Geflügelwirtschaft“, soll mit „wing“ festgestellt worden sein. Nur darüber reden will vor Ort keiner der Besucher mit dem Chronisten.

Dass die Landwirtschaft sich öffnet und sich den Fragen der Bevölkerung stellt, wurde von vielen Teilnehmern ausdrücklich begrüßt. Für manche, wie das Ehepaar Göbel, wird es gar zum Familientreffen mit Kindern und Enkelkindern. Auch das Urteil von Ute und Hartmut Baumgart aus Hameln fällt rundum positiv aus: „Gut organisiert und sehr interessant.“

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