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Architekt Rainer Hascher stellt dem städtebaulichen Geschehen in Deutschland ein ziemliches Armutszeugnis aus

So werden Städte geplant

Architektur findet in Deutschland nicht statt, sagt Architekt Rainer Hascher in einem Vortrag über „Moderne Architektur versus historische Bausubstanz“. Sind Fachwerkstädte wie Rinteln und Hameln nur noch Spielball der Wirtschaftsinteressen von Investoren?

veröffentlicht am 06.12.2017 um 17:38 Uhr

Das Architekturbüro von Rainer Hascher war zuständig für den Entwurf des Hamelner Kreishauses. foto: Dana
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Als der Berliner Architekt Professor Rainer Hascher kürzlich im „Marta“-Museum von Herford einen Vortrag über „Moderne Architektur versus historische Bausubstanz“ hielt, stellte er dem städtebaulichen Geschehen in Deutschland ein ziemliches Armutszeugnis aus. „Architektur findet praktisch nicht statt“, sagte er. „Es gibt keinen Mut, Dinge voranzutreiben. Wir erstarren in der Rekonstruktion.“

Die Herforder selbst dürfen sich als „löbliche Ausnahme“ betrachten, hatte die Stadt doch gewagt, 30 Millionen Euro in den Bau des Museums „Marta“ zu stecken, und dafür den Architekten Frank Gehry engagiert, der ein schwungvolles Gebäude entwarf, das entfernt an sein Guggenheimmuseum in Bilbao erinnert. Damals hatte es zwar auch Proteste wegen der hohen Kosten gegeben, doch die Stadt profitiert nach über zehn Jahren von der Anziehungskraft des ungewöhnlichen Gebäudes, das auch im Inneren sofort Ausrufe des Erstaunens hervorlockt bei Besuchern, die es zum ersten Mal betreten.

Rainer Hascher, dessen Berliner Architekturbüro „Hascher Jehle“ aktuell für Hannover die neue Bahnzentrale entwarf, und in Hameln für den Entwurf des Kreishauses zuständig war, hat neben ökologisch und nachhaltig ausgerichtetem Bauen ein zweites großes Thema: Die glückliche Vereinbarkeit von historischer Stadt und zeitgemäßer, kreativer Architektur.

Architekt Rainer Hascher
  • Architekt Rainer Hascher

Gewiss hätte er das Hamelner Einkaufszentrum „Stadtgalerie“ mit seinem oberflächlichen Versuch, die alte Fassade zu erhalten, in Bauch und Bogen verworfen. Rintelns Museum „Eulenburg“ aber würde wohl Gnade vor seinen Augen finden. Dort hatte man 1999 entschieden, einen benötigten Anbau weder im Stil des uralten Stadtgebäudes zu errichten, noch dort etwa einen schlichten Betonbau anzuschließen, sondern man schloss die Lücke zum Nachbargebäude mit einer Stahl-Glaskonstruktion, die wirkt, als würde ein Schiffsbug zwischen beiden Häusern hervorragen – ein schöner Bezug zur nahen Weser, und zugleich ein Schritt hin und zu Stadtplanung, die insgesamt eben nicht bloße Rekonstruktion wäre, sondern eigene Zeichen setzt.

So etwas geschehe nur sehr selten, sagte Rainer Hascher. Neue Gebäude seien in ihrem Stil so voraussehbar wie die Jacketts, die Angela Merkel trage. „Aber ich glaube nicht an einen einheitlichen Stil“, so Hascher. Man zerstöre Städte und ihre Geschichte, wenn man, wie in vielen alten Fachwerkstädten, nur zwei Wege kenne: Entweder Neubauten mit historisch anmutende Fassaden zu versehen, oder eine Einheitsarchitektur zu verfolgen, die nur eines bedenke: Wie man mit so wenig Einsatz wie möglich Profit machen könne.

Eines der positiven Beispiele, auf die er sich in seinem Vortrag bezog, drehte sich um das „Montforthaus“ in der österreichischen Stadt Feldkirch, ein von seinem Büro entworfenes Kultur- und Kongresszentrum am Rande der Altstadt des Ortes. Eindrucksvoll bewiesen die Fotos, wie es gelingen kann, innovative Architektur harmonisch mit einer Altstadtumgebung zu vereinen. Das 2013/2014 erbaute Kulturzentrum hat Feldkirch geradezu berühmt gemacht, weil es durch die Art seiner Planung kleine Plätze und neue Gassen entstehen lässt und den Ausblick der nahen „Schattenburg“ aus dem 13. Jahrhundert geschickt in die Innenarchitektur des Montforthauses einbezieht. „Ja, Österreichs Baukultur ist der unsrigen haushoch überlegen“, sagte Hascher.

Investoren müssen durch die Stadtplaner in ihre Grenzen verwiesen werden.

Rainer Hascher, Architekt

Die Gründe, die er benannte für das, was in Deutschland rund um die Stadtplanung schief läuft, lassen sich umstandslos auf Fachwerkstädte wie Hameln oder Rinteln beziehen. Auf der einen Seite verkaufen sich Städte an Investoren, die mit Stadtplanung wenig im Sinn haben, sondern ihre Investitionsbereitschaft nutzen, um eigene Bedingungen durchzusetzen, meistens unbeschadet der eigentlich vor Ort geltenden Gestaltungssatzungen. „Solche Investoren haben kein individuelles Bauherren-Interesse“, meinte er. „Sie interessiert nur, wie sie aus jedem Stein so viel wie möglich herausschlagen können.“

Doch auch da, wo engagierte Städteplaner gefragt seien und die Städte selbst investieren, würde zu beschränkt gedacht. Auch da arbeite man lieber mit dem billigsten Anbieter zusammen oder mit demjenigen, der die besten Beziehungen zum Stadtrat habe. Dabei komme es aber darauf an, sich als Stadt sowohl mit Architekten als auch mit Ingenieuren zusammenzutun. „Sehr gute Architektur ist sicher zehn bis fünfzehn Prozent teurer als die günstigsten Anbieter“, so Hascher. Dafür aber seien es Investitionen in die Zukunft der Stadt.

Man müsse dabei auf die Besonderheiten des vorgefundenen Ortes eingehen, wenn etwas Lebendiges entstehen soll. Architektur sei in erster Linie eine intellektuelle Auseinandersetzung mit den Örtlichkeiten, und nicht nur die Umsetzung einer am Schreibtisch entworfenen und dann oft immer und überall wiederholten Form.

Die Gründe was in Deutschland rund um die Stadtplanung schief läuft, läßt sich umstandslos auf Fachwerkstädte wie Hameln oder Rinteln beziehen.

Das Problem: Die öffentliche Hand schreibe ihre Bauwerke mit „politischen Kosten“ aus, die aus Prinzip immer zwanzig bis dreißig Prozent zu niedrig lägen. Kommt es dann zu Mehrkosten und daraus entstehenden Bauverzögerungen, schiebe man die finanzielle Verantwortung den Architekten zu. Unter diesen Umständen sei er wenig zuversichtlich, was die Entwicklung in Deutschland beträfe. Sehr gute Stadtplaner könnten dem fatalen Weg vielleicht entgegenwirken, dann, wenn es ihnen gelänge, Bürger und Politik von einem Vorhaben zu überzeugen. „Doch oftmals werden stattdessen zum Beispiel auf ein halbwegs stimmig geplantes Gebäude noch zwei Stockwerke draufgesetzt, ob es passt oder nicht, wenn es nur mehr Geld einbringt.“

Rintelner Gäste des Vortrages baten den Architekten um einen Rat für ihre Stadt. Weil die Integrierte Gesamtschule, untergebracht im denkmalgeschützten Gebäude des ehemaligen Gymnasiums, umziehen wird, eröffnen sich mitten in der Stadt am „Kollegienplatz“ spannende neue Möglichkeiten. Mehrere Bürgerbefragungen ergaben, dass die Rintelner sich verstärkt öffentliche Räume wünschen, mit Kultur- und Kommunikationsangeboten, mit Gastronomie und Platz für Vereine. Doch drohend wie überall erheben sich auch hier die Geister möglicher Investoren, die sich mit der bürgernahen Gestaltung von Platz und Gebäude kaum identifizieren werden. Schon jetzt deuteten Vertreter der Stadt an, dass die Bürgerwünsche größtenteils Wunschträume seien. Rainer Hascher schaut beinahe mitleidig bei dieser Situationsbeschreibung. „Es gibt nur eine Chance“, sagt er: „Investoren müssen durch die Stadtplaner in ihre Grenzen verwiesen werden.“

Dazu könne gehören, Ausschreibungen so zu gestalten, dass nicht der Dumpingpreis gewinnt, sondern grundsätzlich der Zweitplazierte. Dadurch ergäbe sich automatisch eine größere Bandbreite der Entwürfe. „Man muss den Mut haben, Wettbewerbe auszuschreiben, um die Qualität zu fördern. Und dann natürlich eine Fachjury so besetzen, dass sie nicht von Ratsmitgliedern durchsetzt ist, die nur eigene Interessen verfolgen.“ Eine Entscheidungsfindung dürfe auch nicht gleich nur von Sachzwängen dominiert sein, wenn man nicht jeden visionären Gedanken aufgeben wolle.

In Rinteln dürfte das nicht ganz einfach sein. Anders als in NRW – vor einigen Monaten berichtete unsere Zeitung aus Lemgo – gibt es in der Rintelner Stadtverwaltung keine ausgewiesenen Denkmalschutz-Experten.

Die Zeit, dass man sich auf einen Museumsbau in Schiffsbug-Form einließ, scheint so lange zurückzuliegen, dass bis jetzt wenig Hoffnung besteht, es könne am Kollegienplatz etwas anderes als eine Art Hamelner „Stadtgalerie“ verwirklicht werden. Rainer Haschers letzter Tip: „Schicken Sie doch einen PR-Menschen nach Herford, der die Erfolgsgeschichte des ‚Marta-Museums‘ nach Rinteln und andere niedersächsische Städte trägt.“ Gute Architektur habe nur dann eine Chance, wenn Bürger, Verwaltung und Politik vom Prinzip eines echten Wettbewerbs überzeugt seien.

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