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Eine Stadtführung mit Hamelns Streetworker

„Sie wollen niemanden nerven“

Es ist ein sommerlicher Donnerstag, 15 Uhr. Achim Degen, in Fußballtrikot, kurzer Hose und Sandalen, setzt sich seinen Rucksack auf, verschließt das Café Inkognito am Thiewall und begibt sich auf seine Tour durch die Stadt. Es gibt ein paar einschlägige Plätze, an denen sich „von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen“, wie die offizielle Bezeichnung für seine Klienten als Streetworker laute, regelmäßig treffen. „Dabei sind eigentlich alle sesshaft“, merkt der 40-jährige Streetworker und Diplom-Sozialpädagoge an. „Sie sind arbeitslos oder bekommen Hartz 4 und haben keine Lust, zu Hause zu bleiben. Also trinken sie ihr Pils in der Stadt. Dass sie damit negativ auffallen, kriegen sie oft gar nicht mit.“

veröffentlicht am 24.06.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:23 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Die Treffpunkte verlagern sich von Jahr zu Jahr, erzählt er. Als die Stadt zum Beispiel vor zwei Jahren ein Alkoholverbot an bestimmten öffentlichen Plätzen erließ – Stichwort „Gefahrenabwehr“ – , die Polizei Druck machte und Bußgelder verhängte, hat das zu einer gewissen Aufregung in der Szene geführt.

Degen versucht dann zu vermitteln, redet mit seinen Klienten, aber auch mit Anwohnern und Gewerbetreibenden, die sich über Lärm beschweren oder sich von dem mitunter aggressiven oder gewaltvollen Gebaren innerhalb der Gruppe bedroht fühlen. „Dabei wollen sie ja eigentlich niemandem auf die Nerven gehen“, meint Degen. Deshalb seien sie in der Regel auch gesprächsbereit und kooperativ; niemand sei scharf auf Platzverweise oder Bußgelder. Dennoch habe es an der Marktkirche gerade erst wieder Platzverweise gegeben.

Als Straßensozialarbeiter bestehen Degens Klienten aus 60 bis 70 Personen im Alter von 20 bis 65 Jahren. Darunter befinden sich etwa 20 bis 30 Heroinsüchtige, wenn auch „mit ganz unterschiedlichen Suchtstadien“. Wieder andere „sind auf Methadon oder trinken Bier“. Die meisten treffe er normalerweise schon morgens ab neun Uhr an. „Das denkt man gar nicht“, aber nachmittags seien viele entweder schon wieder zu Hause oder die Stimmung sei aufgrund von Alkohol oder anderer Drogen gereizt, was seine Arbeit dann erschwere.

An der Promenade am Amtsgericht kommen Degen ein Mann und eine Frau entgegen, sie hat offenbar eine Gehstörung, er wirkt aufgedunsen. „Hallo“, sagen sie leise im Vorbeigehen, Degen grüßt freundlich zurück. Ob die Frau krank sei? Das dürfe er nicht sagen. „Wir in der Suchthilfe sind die einzigen Pädagogen, die wie Ärzte eine gesetzliche Schweigepflicht haben.“

Es geht in die Innenstadt. „Achim!“, ruft eine Frau auf einer Bank neben der Marktkirche, als sie Degen sieht. Der Mann neben ihr, ein Bier in der Hand, nickt ihm zu. „Na?!“, schiebt sie noch lächelnd hinterher. „Na!“, erwidert Degen, bevor er weitergeht. „Entweder es kommt jemand auf mich zu und sagt: ,Ach, Achim...‘ Aber wenn nicht, dann ziehe ich mich schnell wieder zurück. Ich will ihnen ja nicht auf die Nerven gehen“, erklärt er. Generell müsse erst mal das Vertrauen potenzieller Klienten gewonnen werden. Sozialarbeit sei ein langwieriger Prozess, Probleme würden nicht von heute auf morgen gelöst.

Im Bürgergarten sitzen ein Mann, vielleicht Anfang 60, eine Frau um die 40 und ein jüngerer, stark abgemagerter Mann Mitte 30 auf einer Bank in einem Pavillon. Nach der Begrüßung reicht Degen dem jüngeren Mann, dessen Augen immer wieder zufallen, sein Handy. „Deine Drogenberaterin sucht Dich, ruf sie mal an.“ Degen wählt, der Mann hält sich das Handy ans Ohr, wartet. Niemand geht ran. „Dann ruf morgen um 11 Uhr noch mal an“, rät ihm Degen.

Vor einigen Jahren, erzählt der Mittdreißiger, der jetzt wieder wach zu sein scheint, habe er in Osnabrück gelebt, dort sogar einen Entzug und eine Therapie gemacht. Aber als er wieder nach Hameln kam, sei es mit den Drogen wieder losgegangen. Er nimmt einen Schluck Bier, zeigt auf seinen offensichtlich kaputten Fuß und erzählt von Problemen mit der Lunge. „Ich habe Blut gehustet.“ Er habe sich sein Leben auch anders vorgestellt. Aber was die Drogen angeht: „Das geht jetzt wieder. Ich habe sogar einen Job. Am Samstag war mein erster Tag.“ Ehrenamtlich arbeite er einmal die Woche für ein paar Stunden bei einem gemeinnützigen Verein. „Aber es kommt trotzdem ein bisschen was bei rum“, sagt er.

Die Frau erzählt Degen von ihrer Zusammenarbeit mit seiner Kollegin. Seit Monaten bemühten sie sich gemeinsam um einen Therapieplatz, um einen Heroinentzug machen zu können, aber das sei schwer, seit sich die Richtlinien der Deutschen Rentenversicherung geändert hätten.

Ein weiteres Problem sei, dass viele Süchtige nicht genau wüssten, wovon genau sie abhängig seien, erzählt Degen. Was daran liege, dass der tatsächliche Heroingehalt des konsumierten Stoffes heute nur noch bei fünf bis sieben Prozent liege. „Der Rest besteht aus Streckmitteln und Medikamenten, die fünf bis sechs Wochen im Körper bleiben können“, sagt er. Das erkläre auch, weshalb das „Heroin“ heute ungleich billiger ist als in den 80er Jahren, in denen ein Gramm noch 200 Mark gekostet habe. Heute seien fünf Gramm schon für 150 Euro zu haben, schätzt Degen. Fatal für die Süchtigen sei zudem: Wenn sie mal an nicht gestrecktes Heroin gelangen, ist die Gefahr einer tödlichen Überdosis groß.

Der Heroinentzug wird laut Degen überschätzt. „Heroin ist nach 24 bis 36 Stunden aus dem Körper verschwunden“, sagt er. Wichtig sei es, im Anschluss an den Entzug eine Therapie zu machen, die die Menschen in die Lage versetzt, ohne Droge leben zu können.

„Regine (von der „Drobs“, Drogenberatungsstelle; Anm. d. Red.) glaubt, dass ich es schaffen kann“, erzählt die Frau weiter. „Und ich habe ja auch Clean-Kontakte, die sind wichtig. Harald (Name von der Redaktion geändert) ist ja auch clean“, sagt sie und deutet auf den älteren Mann neben sich. Der sagt: „Wenn Du den Therapieplatz bekommst, will ich Dich hier aber nicht mehr sehen! Da ist dann auch nichts mit: ,Du bist doch mein Freund‘ oder so.“

Degen hört zu, das macht seine Arbeit aus. Sein Interesse an der Suchthilfe entdeckte er während seines Studiums in Hildesheim. Bis dahin habe er mit Drogensucht keine Berührungspunkte gehabt. Er mache seinen Job gern. „Man erfährt relativ viel Bestätigung, die Klienten schätzen einen meist und die Gesellschaft erkennt unsere Arbeit an“, sagt er, fügt aber lachend hinzu: „Das hat nur die Gehaltsgruppe noch nicht erreicht!“ Seit zwölf Jahren ist er bei der Step GmbH in Hannover angestellt, dem Träger der Drogenberatungsstelle, „Drobs“, in Hameln . Seit 2003 arbeitet er in Hameln, seit sechs Jahren macht er neben der Beratung auch Straßensozialarbeit: 130 Stunden im Jahr, eine Kooperation mit dem Hamelner Ordnungsamt, die Stadt trägt die Kosten.

„Gestern hat mich Regine mit einem Bier gesehen. Ich habe mich so geschämt! Nicht ihretwegen. Meinetwegen!“, setzt die Frau mit den stark vernarbten Armen ihre Erzählung fort. Woher die Narben stammen, die auf Brandverletzungen schließen lassen, wisse Degen auch nicht, aber wohl kaum vom Heroin, solche Narben sähen anders aus. Schließlich zieht er weiter und sagt: „Der Redebedarf ist groß.“

Einer wissenschaftlichen Studie zufolge werde harte Drogensucht in 80 Prozent der Fälle durch posttraumatische Belastungsstörungen ausgelöst. Oft seien die Süchtigen als Kinder missbraucht und misshandelt worden, erzählt Degen, der das zumindest aus seinen Beratungsgesprächen bestätigen kann.

Abgesehen von dem Handy kommt heute nichts aus dem Rucksack von Degen zum Einsatz. Der ist gefüllt mit Kondomen, Spritzenbesteck, Briefumschlägen, Briefmarken und Schreibzeug für Ämtergänge, die die Klienten kaufen können, Gummihandschuhe für Erste Hilfe, ein Notfallbeatmungstuch, das vor ansteckenden Krankheiten schützen soll, Müllbeutel, mit denen die Klienten im Fall der Fälle aufräumen sollen, Infomaterial von Hilfseinrichtungen für Wohnungssuche, Ärzte, Drogen- und Suchtberatung und eben das Handy, nicht zuletzt um Notrufe aufgeben zu können. Taschentücher sind auch im Gepäck, „als Gimmick, um mal jemandem einen Gefallen zu tun“.

Im Café Inkognito kann gebrauchtes Spritzenbesteck auch eingetauscht werden, „damit es nicht auf den Spielplätzen liegen bleibt“. Auf seinen Touren nimmt Degen kein Spritzenbesteck an. „Das ist zu gefährlich, zu unhygienisch“, sagt er.

Im Café Inkognito können die Klienten duschen, Wäsche waschen, Kleidung kaufen, frühstücken oder einfach mal einen Kaffee oder Tee trinken. Drogen sind hier nicht erlaubt, auch kein Alkohol und Tabak.

„Hier sind die Regeln strenger als in jeder Kneipe“, sagt Degen. „Es dürfen keine rassistischen Sprüche geklopft werden. Auch dürfen keine Gelder übergeben werden, weil dahinter Drogendealerei stecken könnte.“ Schließlich soll den Abhängigen geholfen werden, von der Drogensucht loszukommen. Gemeinsam mit seiner Kollegin, der Diplom-Sozialpädagogin Kirsten Minke, leitet er das Café. Sie bieten Kriseninterventionsgespräche an, außerdem Therapievermittlung und Hilfe bei Ämtergängen und Bankangelegenheiten.

Zurzeit ist in dem Café ein großes schwarzes Tuch über einen Tisch gespannt. „Am 21. Juli ist ,Gedenktag für verstorbene Drogengebraucher‘“, erklärt Degen. „Die Klienten können die Namen der Drogentoten, an die sie gern erinnern möchten, auf dieses Tuch schreiben.“ 55 Namen sind in weißer Farbe auf dem Tuch zu zählen. „Die vom letzten Jahr stehen da aber noch nicht drauf“, merkt Degen an. „Drei kommen mindestens noch dazu.“

Sie trinken öffentlich Bier, nehmen Drogen, manchmal sind sie laut – und stören damit das auf Idylle bedachte Bild der Stadt Hameln. Gibt es Konflikte, versucht Achim Degen zu vermitteln. Er spricht mit der Polizei, mit Anwohnern und Geschäftsleuten und mit seinen Klienten. Degen ist Streetworker. Unsere Zeitung hat ihn auf seiner Tour durch die Innenstadt begleitet.

Streetworker Achim Degen (40): „Der Redebedarf der Klienten ist groß.“pk

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