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Sie schaffen einfach alles mit links

Wer Rechtshänder ist und zum ersten Mal probiert, mit einer Linkshänderschere einen Papierkreis auszuschneiden, der kann über das Ergebnis nur staunen: Es ist schlichtweg unmöglich, einen sauberen Kreis hinzukriegen. Man sieht einfach nicht, wo man entlangschneiden soll, weil das Schneideblatt die vorgezeichnete Linie verdeckt. So also geht es Linkshändern, wenn sie mit Gerätschaften aus der Rechtshänderwelt hantieren?

veröffentlicht am 13.08.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Cornelia Kurth

„Die Schere ist ein krasses Beispiel“, meint Cerstin Bayer, die in Lindhorst einen kleinen Laden für Linkshänderbedarf führt. „Die meisten Linkshänder können alle möglichen Alltagsdinge mit ihrer linken Hand benutzen. Bei der Schere aber geht das aufgrund der Anordnung der Schneideblätter nicht.“ Sie ist selbst Linkshänderin, und, als Anfang der 1960er Jahre Geborene, selbstverständlich „umerzogen“. Niemals hätte man es ihr in der Schule erlaubt, die linke Hand zum Schreiben und Basteln einzusetzen. „Man kriegte damals ja noch richtig was auf die Finger!“

Drei Söhne hat Cerstin Bayer und alle sind ebenfalls Linkshänder. Der älteste, Joey, heute 24 Jahre alt, kam um die „Umschulung“ zum Rechtshänder ebenso wenig herum wie seine Mutter. In dieser Zeit, als der Junge mit all den Tücken, die das Arbeiten mit der rechten Hand für ihn mit sich brachte, klarkommen musste, beschloss Cerstin Bayer, dass die beiden anderen Kinder ihre Linkshändigkeit sollten ausleben dürfen. Sie machte sich auf die Suche nach Schulbedarf, der die Linkshändigkeit erleichtern könnte. So entstand ihr Geschäft „Lafüliki“, Laden für Linkshänderkinder, in dem sie über 1000 Artikel verkauft, darunter viele, die auch die Feinmotorik von Rechtshändern verbessern helfen.

„Man kann ja nicht einfach sagen: ’Sei ruhig linkshändig‘ – und das Kind dann ohne Unterstützung in einer Rechtshänderwelt aussetzen“, betont sie. Einfach so mit links das Füllerschreiben einzuüben führt zu einer verkrampften Schreibhaltung und trotzdem verschmierten Seiten. Mit links einen Bleistift anzuspitzen funktioniert auch kaum, weil die scharfe Schneide dann genau falschrum im Anspitzer sitzt. Die Spirale eines Collegeblocks drückt den Linkshänder in den Handballen, und das Schneiden mit einer normalen Schere lässt ein Kind so ungeschickt wirken, dass ihm der Spaß am Basteln ziemlich sicher vergeht.

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  • Für Linkshänder gibt es eine speziell entwickelte Schreibunterlage. Foto: pr.

Zu Beginn der 1990er Jahre war unter Ärzten und in den Schulen immerhin klar geworden, dass die Linkshändigkeit oft nicht einfach unterdrückt werden kann, ohne bei den Schülern Folgeschäden wie Unkonzentriertheit, motorische Fehlentwicklungen, Rechtschreibschwächen und insgesamt ein etwas angeschlagenes Selbstbewusstsein zu riskieren. So gab es bereits einige Firmen, die Linkshänderbedarf produzierten. Die schrieb Cerstin Bayer an, und stellte so nach und nach ein Sortiment zusammen, das sich ständig erweiterte, bis ihr Ladengeschäft, wie auch heute noch, richtig geheimniskrämerisch aussah. Eine Linkshänder-Schreibtischunterlage gestaltete sie selber. Diese hilft dabei, das Heft auf richtige Weise schräg und links von der Körpermitte zu platzieren, um ohne Schreibkrampf arbeiten zu können. Aus dem ganzen Landkreis Schaumburg, auch aus dem Landkreis Hameln-Pyrmont trafen und treffen Bestellungen in Lindhorst ein.

Wenige Jahre zuvor hatte in München Deutschlands erste Beratungsstelle für Linkshänder eröffnet, geleitet von der Psychologin Dr. Johanna Barbara Sattler. Diese bot bundesweit Schulungen für weitere Beratungskräfte an, unter anderem auch in Bad Nenndorf. Cerstin Bayer absolvierte diese Ausbildung zur „Schreibberaterin“, ebenso wie auch die Feinmotoriktherapeutin Claudia Heinig aus Bad Pyrmont.

Claudia Heinig behandelt in ihrer Praxis Kinder ab fünf Jahren, die Probleme damit haben, ihre Feinmotorik angemessen zu kontrollieren. Häufig sind junge Patienten dabei, deren Linkshändigkeit bisher unerkannt blieb. „Noch bevor die Schulzeit beginnt, sollte die dominierende Hand trainiert werden“, sagt sie. „Beidhändigkeit führt nur dazu, dass man keine Hand wirklich gut beherrscht.“ So früh wie möglich müssten in Zweifelsfällen Tests durchgeführt werden, damit linkshändige Kinder dieselben Entwicklungschancen erhielten wie die rechtshändigen.

„Ja, Kinder haben ein Recht darauf, mit ihrer Linkshändigkeit berücksichtigt zu werden“, so Dr. Johanna Barbara Sattler. „Man sollte als Eltern offensiv damit umgehen, sonst gibt man all die Probleme nur wieder an die nächste Generation weiter.“ Ihrer eigenen offensiven Öffentlichkeitsarbeit ist es mit zu verdanken, dass es inzwischen etwa 300 Linkshänder-Beratungsstellen in Deutschland gibt, oder auch Selbsthilfegruppen wie diejenige im Hamelner Paritätischen, und dass nicht nur kleine Geschäfte wie „Lafüliki“ in Lindhorst Linkshänderbedarf anbieten, sondern auch in größeren Kaufhäusern Scheren, Dosenöffner, Anspitzer oder Linkshändersuppenkellen angeboten werden. Füller mit Schreibmulden für Linkshänder sind in jedem Schreibwarengeschäft eine Selbstverständlichkeit geworden.

Trotzdem bleibt auch eine ausgelebte Linkshändigkeit nicht unproblematisch. Sitzt in der Schule ein Linkshänder neben einem Rechtshänder, kommt es zwangsläufig zu Kollisionen der Ellenbögen. Linkshänderkinder trinken beim Essen gern mal aus Versehen aus dem Glas ihres Nachbarn, sie müssen den Nummernblock auf dem PC dann doch höchst umständlich mit der rechten Hand bedienen oder im Restaurant mit einem Messer hantieren, dessen Schneide nur zuschneidet, wenn man es rechtshändig hält. Immer wieder passiert es Linkshändern, dass sie am Waschbecken das heiße Wasser aufdrehen, wenn sie eigentlich kaltes Wasser haben wollen.

Solche Konfrontationen mit der Tatsache, dass die Umwelt nicht auch für Linkshändigkeit organisiert ist, bleiben auch im Erwachsenenalter nicht aus. Das ganze Feld der Elektronik steckt voller Fallen für die Linkshänder. Als im Jahr 2010 das iPhone 4 in den Handel kam, stellte sich heraus, dass keiner der Designer, Techniker, ja auch nicht die Gerätetester an linkshändige Kunden gedacht hatte. Wer als eingefleischter Linkshänder das iPhone in der linken Hand halten will, kann damit weder telefonieren noch surfen, weil er so automatisch die Antenne im Gehäuse abdeckt und damit den Empfang verhindert.

Bei den Smartphones, die über ein Touchscreen bedient werden, scheint es zunächst keine Probleme zu geben, bis der Linkshänder feststellt, dass die Einschalttaste und die Taste für die Lautstärkeregelung auf der rechten Seite liegen. Gerät ein Linkshänder an einen PC mit ergonomisch geformter Maus, muss er sich eine Alternativmaus besorgen, weil er sonst Verzweiflungsanfälle bekommt. „Camcorder sind komplett auf eine rechtshändige Bedienung hin ausgelegt“, erklärt Sattler. „Und auch bei Fotokameras befinden sich Bedienelemente und Auslöser meistens rechts - es sind die kleinen Tücken, die oft erst auffallen, wenn man das Gerät schon gekauft hat.“ Die Nachfrage für Linkshändergeräte sei einfach zu gering, den Betroffenen bliebe da nichts anderes übrig, als sich in solchen Fällen umzugewöhnen.

Könnte man dann nicht doch erwägen, auch Linkshänderkinder grundsätzlich in die Rechtshändigkeit einzuüben? Cerstin Bayer schüttelt bei so einer Frage nur entschieden den Kopf. „Auf keinen Fall!“, sagt sie. „Linkshändigkeit zu leben, das ist eine Sache der Selbstbestimmung, des Mutes, so zu sein, wie man eben ist.“ Es sei nicht gut für die Entwicklung eines Kindes, wenn es eine angeborene, harmlose Eigenschaft überwinden soll und dabei das Gefühl bekäme, etwas stimme mit ihm nicht.

Dr. Johanna Barbara Sattler sieht das genau so. „Sollen wir die Linkshänder ausrotten?“ fragt sie provokativ zurück. „Mit links sind sie nun mal schneller und geschickter, und es dürfte kein so großes Problem sein, sich mit den entsprechenden Linkshänder-Accessoires wie Schere, Dosenöffner und einer umprogrammierten PC-Maus auszustatten.“ Man brauche sich nur vorzustellen, als Rechtshänder auf eine Linkshändigkeit getrimmt zu werden. „Wer würde das schon freiwillig mitmachen? Da doch lieber das eine oder andere Mal hier und da anstoßen.“

Seit 1976 gilt der 13. August als „Internationaler Linkshändertag“, damals ausgerufen von dem Amerikaner Jean Campbell, der eine „Interessenvereinigung der Linkshänder“ gründete, um auf die besonderen Bedürfnisse von Linkshändern aufmerksam zu machen. Er wollte dafür sorgen, dass die Zeit, als die linke Hand als das „böse Händchen“ galt, endlich Vergangenheit wird. Es scheint, als sei das insgesamt ganz gut gelungen.

In ihrem „Laden für Linkshänderkinder“ verkauft Cerstin Bayer mehr als 1000 Artikel, darunter viele, die auch die Feinmotorik von Rechtshändern verbessern helfen sollen.

Foto: cok

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