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Zeit des Widerstands

„Schlacht um Grohnde“: Zeitzeugen erinnern sich

HAMELN-PYRMONT.Vier Menschen, vier Perspektiven auf eine bewegte Zeit. Wir haben mit Zeitzeugen gesprochen, die die „Schlacht um Grohnde“ hautnah miterlebt haben - jeder auf seine eigene Art.

Autor

Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

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Während Birgitt Ave den Bau des Atomkraftwerks Grohnde als Kind vor der Haustür miterlebt hat, kämpfte Apothekerin Grete Risel auf politischer Ebene und war in der friedlichen Protestbewegung aktiv. Hans-Jürgen Bock bekennt sich zu seiner damaligen Gewaltbereitschaft, er habe „genügend Wut im Bauch gehabt“. Für Susanna Brechelt war es schwierig: Ihr war es ein Anliegen sich zu engagieren, familiär war das allerdings eine schwierige Angelegenheit: Ihrem Vater wurde damals die Bauaufsicht über die Sektion Grohnde beim Landkreis übertragen.

Die Ausstellung 40 Jahre „Schlacht um Grohnde“ wird am Freitag, 17. März, um 16 Uhr im Hamelner Münster eröffnet. Am Samstag folgt um 15 Uhr der Geschichtsmarkt in der Sumpfblume, am Sonntag ein Gottesdienst im Münster um 10 Uhr mit Eckard Bretzke, Rolf Adler und Thomas Risel.




  • Die Rücksichtsvolle - Susanna Brechelt wäre gern zur Demo gegangen
  • Die Neugierige - Birgitt Ade hat den Bau als Kind erlebt
  • Der Wütende - Hans-Jürgen Bock stürzte sich in den Kampf
  • Die Idealistin - Grete Risel kämpfte auf politischer Ebene
  • Foto: Rudi Günther
  • Foto: Rudi Günther
  • Foto: Rudi Günther
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  • Foto: Rudi Günther

Die Neugierige - Birgitt Ade hat den Bau als Kind erlebt:

„Ich war damals 13 Jahre alt und wir sind oft mit dem Rad zum Anti-Atomdorf gefahren, obwohl wir das nicht sollten“, sagt Birgitt Ade. „Atomdorf“ – so hieß das Lager der Protestler nahe des Geländes, auf dem das AKW geplant war. Wir haben viele Fragen gestellt, sagt Ade. „Die Leute waren sehr nett und haben versucht, uns aufzuklären.“Sie habe dann auch zu Hause viele weitere Fragen gestellt, sagt die 52-Jährige, die in Grohnde auf einem Bauernhof aufgewachsen ist. Auch die Eltern seien strikt gegen den Bau des AKWs gewesen, die Protestler waren ihnen dennoch nicht geheuer. „Ich bin froh, dass sie den Aufbau nicht mehr miterlebt haben.“

Das Dorf errichteten die Gegner des Atomkraftwerks nach der großen Demo dem 19. März. Wir sollten damals im Haus bleiben, erinnert sich Birgitt Ade. „Aber wir waren neugierig und sind los. Ich habe alles von Weitem miterlebt.“ Die Polizei zu Fuß und auf dem Pferd, auf der anderen Seite die Demonstranten, die „radikal rausgeholt wurden“. Direkt vor ihrem Elternhaus hatte das DRK ein Lazarett eingerichtet. „Dort wurden Verletzte versorgt, hauptsächlich Schnittwunden, die hatten ganz schön was abbekommen.“ Große Angst habe sie gehabt, erinnert sich Birgitt Ade. „Und großen Ärger habe ich bekommen.“ Und die Stimmung im Dorf damals? Die Leute waren dagegen, sagt sie, man habe viel darüber nachgedacht, was alles passieren kann. „Am Schlimmsten war es für mich, als auf einmal Jod-Tabletten im Postkasten lagen. Ich wusste gar nicht, warum ich die nehmen sollte, es hieß ja immer, wenn das Werk in die Luft geht, bleibe im Umkreis von 50 Kilometern nichts übrig.“

Der Wütende - Hans-Jürgen Bock stürzte sich in den Kampf:

Ja, er habe zu den gewaltbereiten Leuten in Hameln gehört, sagt Hans-Jürgen Bock, genannt „Ede“. Wie es dazu kam? „Wenn man immer wieder auf Schnauze bekommt, schlägt man irgendwann zurück.“ Die Gewaltbereitschaft sei gewachsen, sagt der frühere Erzieher. „Ich habe mich damals dazu bekannt, weil ich entsprechend Wut im Bauch hatte.“ Bock war bereits bei den Demos in Brokdorf gewesen. „Bei der zweiten hatten wir dann auch einen Knüppel in der Hand“. So professionell wie der Schwarze Block aus Hamburg und anderen Städten sei man in Hameln nicht gewesen. Den 19. März hat Bock „happig“ in Erinnerung „da wurde richtig zugelangt. Am wütendsten hat mich gemacht, wie die Polizei von den Pferden herab geknüppelt hat.“ Er selbst habe damals die Demonstranten an den Ort des Geschehens geleitet und sich dann integriert. Richtig aufgeheizt habe sich die Stimmung, als es geheißen habe, ein Polizist sei mit einer Mistgabel in den Hals gestochen worden. Von von einem Schießbefehl war unter den Demonstranten die Rede. „Wir hatten mächtig Muffe,“, erinnert sich Bock. „Und dann dieses seltsame Gefühl am Ende des Tages: Auf der anderen Seite der Straße standen die Polizisten, genauso verschwitzt und blutig wie wir.“ Im Nachhinein kann er auch die andere Seite verstehen: „Den Polizisten wurde damals die Wochenenden gestrichen. Das hat sich einfach hochgeschaukelt.“ Auch im Antiatomdorf hat Bock gewohnt. „Eines Morgens fuhr kein einziges Auto auf der Straße. Die Polizei räumte das Dorf, Bock wurde erkennungsdienstlich behandelt und sollte, wie andere, die Kosten für die Räumung tragen: 200 000 DM. Er ist drumherumgekommen. „Das war eine sehr aggressive Stimmung damals“, sagt Bock und schiebt hinterher: „Aber wir haben recht behalten“.

Die Idealistin - Grete Risel kämpfte auf politischer Ebene:

Frieden, Gerechtigkeit und Wahrung der Schöpfung, das war das Motto unserer Familie“, sagt Grete Risel. Die logische Konsequenz sei für sie der Widerstand gegen das Kernkraftwerk gewesen. Dass das längst nicht alle so sahen, bekam sie schnell zu spüren: Manche Kunden mieden plötzlich die Apotheke des Ehepaars Risel in Kirchohsen. „Aber wir wollten Linie zeigen, wir sahen die Gefahr, die von Strahlung oder möglichen Unfällen ausging.“ Die Stimmung sei schwierig gewesen damals, sagt Grete Risel, aber ihr Mann und drei Söhne unterstützten sie tatkräftig, als sie versuchte, mit der Wählergemeinschaft auf politischer Ebene etwas im Gemeinderat zu bewegen. „Es war nicht leicht, schließlich verdienten viele etwas daran.“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer habe sich gezeigt, als sich der damalige Landtagsabgeordnete und Bürgermeister Fritz Saacke (CDU) gegen ein Zwischenlager aussprach. Im Dezember 1977 sagte er: „Ich bin keinesfalls mit dieser Lösung einverstanden.“ Dann wurde im Januar 1983 ein Gutachten aus dem Hut gezaubert und der Antrag innerhalb einer Woche zurückgezogen“, erinnert sich die heute 88-Jährige. „Das konnte ich nicht aushalten, konnte es einfach nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.“ Grete Risel zog sich aus der Politik zurück. „Es war die die Frustration, dass wir weder in der Politik noch in den Medien durchdrangen mit unserem Anliegen.“ Dass die Wut sich am 19. März derart entlud liege daran, dass sich die Stimmung zwischen Polizei und gewaltbereiten Demonstranten sehr aufgeheizt habe. Der Protest der vielen Hamelner Gruppen war in ihrer Erinnerung friedlich. Verfolgt hat sie das Geschehen weiterhin. Ein bisschen wundert es sie heute noch, dass da plötzlich ein Kernkraftwerk im Landschaftsschutzgebiet gebaut werden konnte. Ein Grund sei wohl gewesen, dass man schnell über die landeseigene Domäne Grohnde verfügen konnte. „Das war ein leichter Anfang“. Zur Ausstellung will sie zusammen mit ihrer Familie kommen.“ „Ich war erfreut und überrascht, dass sie im Münster stattfinden kann.“

Die Rücksichtsvolle - Susanna Brechelt wäre gern zur Demo gegangen:

In Gedanken war Susanna Brechelt immer bei ihren Freunden, die gegen das Kernkraftwerk Grohnde demonstrierten. „In unserer WG in Posteholz lagerten unter der Treppe die vielen Helme der aktiven Leute.“ Sie selbst habe sich zurückgehalten, „ich war nicht die Radikale“. Entscheidender war aber etwas anderes: „Ich bin aus Rücksicht auf meinen Vater nicht mitgegangen. „Er arbeitete damals bei der Bauaufsicht des Landkreises und war für die Sektion Grohnde zuständig, also auch für das AKW. Es ging ihm richtig schlecht damit, denn er war auch nicht für Kernkraft.“ Mit den Ingenieuren habe er sich zwar gut verstanden, doch bei der Behörde habe er niemanden an seiner Seite gehabt. „Das war eine Herausforderung für ihn“, erinnert sich die 59-Jährige. „Mich und meine Schwester hat er damals gebeten, unsere Adresse nicht bekannt zu geben, er hatte immer Angst, dass da vielleicht mal jemand der Familie etwas Böses will.“ Ganz zuletzt, als er auf einen der Kühltürme krabbeln sollte, habe er sich geweigert. „Ich wäre gern mitgegangen damals, unsere Gruppe fühlte sich zusammengehörig damals. Aus diesem Wir-Gefühl ist später die Sumpfblume entstanden.“

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