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Der Philosoph Frieder Otto Wolf sieht Martin Luther nicht als Vorbildfigur

Reformator, Politiker – Hassprediger?

Lange Zeit hat die evangelische Kirche versucht, Luther als reinen Theologen zu verkaufen. Heute ist klar, dass er das nicht war. Das hat Konsequenzen für das Luther-Verständnis im Reformationsjahr.

veröffentlicht am 30.10.2017 um 08:00 Uhr

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Autor:

Ruppert Mayr
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Hier stehe ich. Ich kann nicht anderes. Gott helfe mir. Amen.“ Die Aussage wurde Dr. Martinus Luther als Gegenrede zu Kaiser und Papst auf dem Wormser Reichstag 1521 im Nachhinein in den Mund gelegt, um den Mythos Luther zu befördern. Gerade im evangelisch dominierten Preußen des 19. Jahrhunderts suchte man Heroen der deutschen Geschichte und fand sie auch in Luther.

Ein Deutscher wehrt sich gegen die geldsaugende, korrupte Kurie in Rom und gegen den Habsburger Kaiser, der alles andere lieber tat, als sich um den deutschen Teil seines Weltreiches zu kümmern. Das passte Bismarck und den Preußen so recht ins Bild. Auch wenn es nicht Luther allein war, der da gegen Kaiser und Papst opponierte: Einige deutsche Fürsten standen hinter ihm, voran der mächtige Sachse Friedrich der Weise.

Friedrich zog Luther auf der Rückreise von Worms nach Wittenberg aus dem Verkehr und versteckte ihn auf der Wartburg. Es ging um Luthers Leib und Leben. Man könnte das „aufmüpfige Mönchlein“ ja nochmals gebrauchen. Spätestens hier zeigt sich, dass Luther einerseits politisches Werkzeug im Machtspiel der Großen war. Andererseits selbst immer stärker politisierte. Vor 500 Jahren war der Katholizismus Staatsreligion und damit genau so politisch wie heute der Islam in den meisten muslimischen Ländern. Daher steckte in den 95 Thesen Luthers gegen den Ablasshandel der katholischen Kirche zwangsläufig eine politische Dimension. Er hat damit eben nicht nur eine religiös-theologische Erneuerung losgetreten. Er hat damit auch eine politische Situation geschaffen, die noch zu seinen Lebzeiten zu einem scharf abgrenzenden Lagerdenken führte, das weit ins 20. Jahrhundert hinein fortlebte und direkt oder indirekt Anlass für Kriege war.

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Diese Seite seines Tuns hat Luther wohl erst nach Worms für sich angenommen. Als in Wittenberg Unruhen ausgebrochen waren und die Aufständischen sich auf ihn beriefen, brach Luther seinen Wartburgaufenthalt ab. Das wollte er nicht dulden. Revolution passte nicht ins Weltbild des Revoluzzers.

Wie der Katholizismus versuchten Luther und seine Nachfolger ihre Kirche als Staatskirche zu etablieren. Dies gelang im sogenannten Augsburger Religionsfrieden von 1555 mit der später aufgebrachten Rechtsformel „cuius regio, eius religio“ („Wem das Land gehört, der bestimmt die Religion“).

Das ist ein identitäres Gebräu, das in vielen Bereichen auch damals schon reaktionär gewesen ist.

Frieder Otto Wolf, Präsident des Humanistischen Verbands Deutschlands

Damit ist auch Luthers Zickzackkurs im Bauernkrieg zu erklären. Zuerst redete er den Fürsten ins Gewissen, nicht so übel mit den Bauern umzugehen. Das war der moralische Luther, der Theologe und Priester. Dann sah er, dass der Aufstand aus dem Ruder lief und damit die Staats- und die Kirchenordnung bedroht war, und er schlug sich auf die Seite der Obrigkeit. Das war der staatstreue Luther im damaligen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.

Je mehr er in seinen späteren Jahren sein theologisches Werk in Gefahr sah, umso heftiger polemisierte er gegen vermeintliche Feinde im In- und Ausland. Das traf zu allererst die Juden. Als er merkte, dass er sie nicht bekehren konnte, drosch er – vor allem in seinen Predigten – noch vehementer auf sie ein, als es in seiner Zeit ohnehin schon gang und gäbe war.

Nicht minder heftig ging es gegen den Papst, für den die Beschimpfungen offenbar nicht schlimm genug sein konnten. „Hurenwirt aller Hurenwirte“, „Erzkirchendieb und Kirchenräuber“ – man sieht Luther auf der Kanzel förmlich toben. Und auch die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vor Wien stehenden muslimischen Türken traf Luthers Hass in der Predigt.

Nach Ansicht des Philosophen Frieder Otto Wolf ist Luther keine Vorbildfigur. Der Reformator habe sich von den Bauern abgegrenzt und einen starken Hass auf Juden und Muslime verspürt. „Das ist ein identitäres Gebräu, das in vielen Bereichen auch damals schon reaktionär gewesen ist“, sagt der Präsident des Humanistischen Verbands Deutschlands. Luther sei für ihn daher kein „Pionier der Moderne“.

Wolf kritisiert in diesem Zusammenhang die Fokussierung auf Luther rund um das Reformationsjubiläum. „Dass jetzt nur noch Luther da auftaucht, ist historisch sehr verwunderlich“, sagt Wolf. Er halte es für „völligen Unfug“, die moderne protestantische Kirche nur auf Luther zurückzubeziehen.

1 000 000 Playmobil-Figuren von Martin Luther wurden verkauft

Luther habe im Übergang zur Neuzeit durchaus viele Impulse gegeben, vor allem was die Entwicklung der deutschen Sprache und der deutschen Identität angehe, sagt Philosophie-Professor Wolf. Im Gesamtbild sei er mit seinen Ängsten und seinem Hass aber eine „widersprüchliche Übergangsfigur“ – und genau das hätte man mehr thematisieren müssen. „Das ist unverträglich mit diesem identifikatorischen Umgang mit Luther, der diese ganze Lutherdekade geprägt hat“, sagt Wolf.

Luther wurde in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder als Identifikationsfigur genutzt. Im 17. und 18. Jahrhundert galt der Reformator vor allem als rettender Kirchenlehrer, Anfang des 19. Jahrhunderts als Aufklärer. Mit der Entstehung des deutschen Kaiserreichs 1871 habe sich Luther dann als deutscher Nationalheld stärker durchgesetzt, schreibt etwa die Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg in einem Beitrag zum Reformationsjubiläum. Auch die Nationalsozialisten beanspruchten Luther für sich. Ihn dem Zeitgeist entsprechend auch als modernen Weltbürger und Europäer zu verstehen, ist nach Wolfs Ansicht aber nicht möglich: „Da hat er so viel dagegen gearbeitet, das ist aus meiner Sicht ja gerade das Reaktionäre an ihm. Auch damals schon.“

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts feierte Deutschland Bismarck und Luther als zwei „deutsche Eichen“ – auch wenn der 100. Geburtstag des eisernen Kanzlers 1915 und vor allem das 400. Reformationsjubiläum 1917 vom Ersten Weltkrieg überschattet waren.

Luther ist zweifellos eine herausragende Gestalt der deutschen Geschichte. Aber als deutschen Heroen kann und konnte ihn die evangelische Kirche 2017 nicht mehr feiern – angesichts von drei Millionen türkischstämmigen Mitbürgern und gut 70 Jahre nach dem Holocaust. Heute versucht auch die Kirche, Luther als Mensch seiner Zeit zu verstehen – und zu akzeptieren. Am 31. Oktober jährt sich Luthers Thesenanschlag an der Tür der Schlosskirche in Wittenberg zum 500. Mal. Im Vorlauf zu diesem Jubiläum hatte die evangelische Kirche die Lutherdekade ausgerufen, auch im laufenden Jubiläumsjahr stand Luther beim Gedenken an die Reformation meist im Mittelpunkt. So wurde etwa die an ihn angelehnte Playmobil-Figur mehr als eine Millionen Mal verkauft und diente oft als Symbolbild für das Reformationsjubiläum.

Das Reformationsjubiläum geht allerdings ohne eine Annäherung im Streit um ein gemeinsames Abendmahl zu Ende. Das machte der katholische Kurienkardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, deutlich: „Wir dürfen nicht so tun, als seien wir im Eucharistieverständnis bereits eins geworden.“ Das evangelische Amts- und Kirchenverständnis sei weiterhin anders als das katholische. Daher könnten Protestanten noch nicht zur katholischen Kommunion zugelassen werden.

Information

Die Reformation in Niedersachsen

Im Jahr 1517 durch Martin Luther mit dem Wittenberger Thesenanschlag angestoßen, gelangt die neue Theologie in die welsche Residenzstadt Münden. Von dort aus wird im Fürstentum Calenberg-Göttingen von der regierenden Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg die „Lutherische Lehre“ durchgesetzt. Der Beginn der evangelisch-lutherischen Kirche in Deutschland hält jedoch in Hameln und andernorts Unerwartetes bereit. Die Autorin Dr. Marion Müller hat unterschiedlichen Quellen der Reformationszeit entnommen, was es unter anderem mit den „Martinschen gesengen“ im Hamelner Münster auf sich hat und in ihrem Buch „Reformation in Niedersachsen“ auf 224 Seiten zu Papier gebracht. Thematisch setzt sich Marion Müller mit der Glaubenszusage der Reformatoren (allein durch Gottes Gnade) auseinander. Sie beschäftigt sich mit den Welfen, verrät, warum 1525 eine 15-jährige Prinzessin aus Brandenburg ins welsche Fürstentum Calenberg-Göttingen zieht und wie evangelische Reichsfürsten und Städte Formen des Zusammenhalts gegen Kaiser und Papst entwickeln. Ein Kapitel beschäftigt sich mit der Einführung der Reformation in die Stadt Hameln und mit den Kapitelherren des St.-Bonifatius-Stifts. Der Leser erfährt, warum es in der Hamelner Stiftskirche gelegentlich sehr laut zuging. Die evangelische Kirchenordnung ist ein weiteres Thema, Reiseberichte und Skizzen vermitteln den Alltag in Kirchen und Klöstern. Erörtert werden die neuen Aufgaben der „Stadtverwaltung“ Hameln, da Kirche, Schule und Soziales nun Sache des „Staates“ sind. Das religiöse „Nebeneinander“ in der Hamelner Stiftskirche ist ebenfalls ein Thema. Die Autorin schildert, wie sich Regentin und Ratsherren (evangelisch) mit den Altgläubigen arrangieren. Ein gesondertes Kapitel ist dem Hamelner Justus von Walthausen gewidmet. Erstmalig in dieser Form zusammengestellt, geben die Ausführungen der Autorin Einblick in Walthausens

„Leben und Werk“.

Das Buch „Reformation in Niedersachsen“ ist in der Reihe „Edition Weserbergland“ der CW Niemeyer Buchverlage GmbH erschienen und kostet 14,90 Euro (ISBN 978-3-8271-9312-4).

Das Festprogramm: Mit einem zentralen Festgottesdienst in der Wittenberger Schlosskirche und einem anschließenden Festakt wird am 31. Oktober an den Thesenanschlag Martin Luthers (1483-1546) auf den Tag genau vor 500 Jahren erinnert. Dazu werden Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet. Die Feiern bilden den Abschluss des Festjahres zu 500 Jahren Reformation. Das Jubiläum mit zahlreichen Veranstaltungen und Ausstellungen sei geprägt gewesen von ökumenischer und internationaler Weite, kultureller Neugier und innovativen Projekten, erklärte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Das Programm für die Besucher der Lutherstadt Wittenberg umfasst neben einem Mittelalterspektakel als Höhepunkt eine Performance des Lichtinstallationskünstlers Ingo Bracke. red/dpa

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