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Weit über 5000 Schutzbeschwerde-Fälle in 25 Jahren registriert

„Quälen Sie Ihr Tier?“

Haben Sie eine Katze? Quälen Sie sie? Wer Tierleid oder gar Tierquälerei beobachtet, sollte das melden. Dabei sind aber wichtige Vorgaben zu beachten, damit ein Amtstierarzt sinnvoll einschreiten kann.

veröffentlicht am 03.11.2017 um 12:54 Uhr

Typischer Fall eines überforderten Tierhalters: der Alkoholiker, der mit seinem Hund nicht mehr fertig wird und ihn deshalb in den dunklen Keller schließt. Foto: pixabay
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Ertrunken, mit einer Kette aus Steinen um den Hals, so fand man im letzten Jahr einen Hund im Flüsschen Exter bei Rinteln. Ganz offensichtlich war das Tier umgebracht worden. Die Meldung ging durch die Presse, die Empörung in der Bevölkerung schlug hohe Wellen, Polizei und Staatsanwaltschaft wurden eingeschaltet. Als die Täterin ausfindig gemacht worden war, stand man vor einem Rätsel. Wie war es zu der grausamen Tat gekommen? Das wurde nie geklärt. Die Frau hatte bis zum Schluss geleugnet, ihren Hund getötet zu haben. Da sie einen Strafbefehl und die entsprechende Bestrafung aber annahm, gab es keine Gerichtsverhandlung, die die Hintergründe hätte klären können.

Tierquälerei aus Rohheit oder sonstigen niedrigen Beweggründen erregt zwar immer große öffentliche Aufmerksamkeit, sie kommt aber relativ selten vor. „Mit echten Gewalttaten gegenüber Tieren werden wir nicht oft konfrontiert“, sagt Claudia Gebhardt, Leiterin des Tierheims Hameln, das zugleich als Tierschutzverein fungiert. „In den meisten Fällen leiden Tiere, weil ihre Halter überfordert sind. An jedem leidenden Tier hängt auch ein Mensch.“

Die Hunde, Katzen oder Nagetiere, die im Tierheim anlanden, weil sie ihren Haltern weggenommen wurden, sie gehörten oft Menschen, die ihre Tiere eigentlich liebten. „Ein klassisches Beispiel wäre die verwirrte alte und einsame Frau, deren Katzen unkontrolliert Junge bekommen und allesamt verwurmt und verfloht sind“, so Claudia Gebhardt. Oder der Alkoholiker, der mit seinem Hund nicht mehr fertig wird und ihn deshalb in den dunklen Keller schließt. Immer wieder auch sind psychische Erkrankungen oder verzweifelte Arbeitslosigkeit Gründe dafür, warum Haustiere verwahrlosen, zu wenig Futter bekommen oder geschlagen werden.

Viele Katzen, die im Tierheim landen, weil sie ihren Haltern weggenommen wurden, gehörten oft Menschen, die ihre Tiere eigentlich lieben. Foto: pixabay
  • Viele Katzen, die im Tierheim landen, weil sie ihren Haltern weggenommen wurden, gehörten oft Menschen, die ihre Tiere eigentlich lieben. Foto: pixabay

Dr. Ulf Güber, Amtstierarzt und Fachbereichsleiter Tierschutz im Amt für Verbraucherschutz und Veterinärwesen im Landkreis Schaumburg, kann das bestätigen. „Dazu kommt, dass manche Menschen ihre Tiere völlig falsch behandeln“, sagt er. Seit 25 Jahren kümmert er sich um die Tierschutzfälle des Landkreises. Weit über 5000 Schutzbeschwerde-Fälle haben sich in dieser Zeit angesammelt.

Er hat kranke Pferde gesehen, die nicht zum Arzt gebracht wurden, Schafe, die als „Rasenmäher“ gekauft worden waren und dann abgemagert auf längst abgegrasten Wiesen standen, oder halb verhungerte Katzen und eine Riesenschlange, über die der Besitzer die Kontrolle verlor. „Allzu oft kümmern sich Menschen einfach nicht um ihre Tiere und behandeln sie schließlich wie ein ausrangiertes Spielzeug.“ In all diesen Fällen spricht er von „Gedankenlosigkeits-Tierquälerei“, im Gegensatz zur „Rohheits-Tierquälerei“.

Die Frage ist: Was kann man tun, wenn man selbst Zeuge einer Tierquälerei oder von anderem Tierleid wird? Auf der einen Seite gilt Tierquälerei in Deutschland zwar als Straftat, die mit Gefängnis- oder Geldstrafen sanktioniert werden kann. Wer Tierquälerei beobachtet und sie nicht beim Veterinäramt meldet, macht sich strafbar. Auf der anderen Seite aber kann man auch nicht einfach umstandslos den Amtstierarzt herbeirufen und glauben, damit habe sich die Sache erledigt. „So eine Anzeige muss Hand und Fuß haben“, so Güber. „Wir können kaum an einer Tür klingeln und fragen: ‚Haben Sie eine Katze und quälen Sie sie?‘“

Ein klassisches Beispiel wäre die verwirrte alte und einsame Frau, deren Katzen unkontrolliert Junge bekommen und allesamt verwurmt und verfloht sind.

Claudia Gebhardt, Leiterin des Tierheims Hameln

Um schon im Vorfeld zu klären, ob der Einsatz des Veterinäramtes gerechtfertigt ist, hat sich ein Fragebogen bewährt, den Ulf Güber entwickelt hat und der jedem Anrufer zugesendet wird. Darin geht es um die sogenannten „W-Fragen“: Wer hat wann und wo was gesehen und welche Zeugen und Beweise gibt es dafür? „Wir nehmen jeden Anruf auf und machen uns Notizen“, erklärt der Amtstierarzt. „Aber wenn jemand nur über drei Ecken gehört hat, dass einem Tier Leid geschieht, können wir wenig damit anfangen.“

Selbstverständlich muss jeder Anrufer seinen eigenen Namen und seine Adresse nennen. Eben so selbstverständlich bleibt dem Angezeigten verborgen, wer ihn gemeldet hat. „Umgekehrt gilt die Diskretion genau so“, betont Güber. „Wir geben keine Auskunft darüber, was wir beim angezeigten Tierhalter erfahren haben oder welche Maßnahmen wir ergreifen mussten.“ Es sei außerdem sinnvoll, sich vorab mit den vermeintlichen Tierleid-Verursachern zu verständigen. Nicht selten stellten sich dann Irrtümer heraus wie zum Beispiel im Fall eines alten Herrn, der damit auffiel, dass er seinen Hund immer laut anbrüllte. „Der Mann war schwerhörig und ansonsten rundherum lieb zu seinem Tier.“

Dass man vorab genauer nachfragen muss, hat mit einem grundsätzlichen Problem bei Meldungen von Tierquälerei zu tun: „Allzu oft handelt es sich dabei um Falschmeldungen von miteinander verfeindeten Parteien“, so Ulf Güber. Nachbarschafts- und Beziehungsstreitigkeiten, Konflikte zwischen Mietern und Vermietern und persönliche Feindschaften seien immer wieder der eigentliche Auslöser für die Anrufe. „Wenn wir jedes Mal anrücken würden, würden wir unsere Energie ins Nichts verschleudern“, sagt er. Der Fragebogen, aus dem man fast immer die Ernsthaftigkeit einer Meldung ablesen könne, habe dazu geführt, dass insgesamt deutlich mehr echte Fälle von Tierleid bearbeitet werden konnten.

Ebenso wie Claudia Gebhardt vom Tierschutzverein ist ihm dieser Satz wichtig: „Hinter jedem Tier steht auch ein Mensch.“ Es schmerze ihn, wenn die Not von Tieren zwar auffalle, die Not der beteiligten Menschen aber übersehen werde. „Wenn ich wegen verwahrloster Katzen komme, und dann sind da Kinder, die in derselben verkommenen und verflohten Wohnung leben, dann ist es sehr bedrückend, dass andere Menschen den Katzen helfen wollen, die Kinder aber nicht mal erwähnen.“

Nicht viel anders sei es mit verelendeten Senioren, die keine Kraft mehr haben, ihrem Tier Futter zu besorgen. „Tierschutz ist indirekt oft auch Menschenschutz“, sagt er. Natürlich meldet er solche schwierigen Verhältnisse weiter, nicht um Strafen zu erreichen, sondern um auch den Menschen Hilfe zukommen zu lassen.

Das kennt auch Claudia Gebhardt. „Es zerreißt einem manchmal das Herz, wenn bestimmten Haltern ihr einziger Freund, das Haustier, weggenommen werden muss“, sagt sie. Manchmal müsse ein Mensch auch nur eine Krise überstehen und dann könne sein Tier, das im Tierheim untergekommen war, zu ihm zurückkehren. Allzu oft käme das aber nicht vor, schon gar nicht, wenn Menschen in ein Seniorenheim umziehen müssen. Haustiere sind dort meistens nicht erlaubt und so komme zur Trennung von der eigenen Wohnung und einem selbstbestimmten Leben auch noch die Trennung vom geliebten Tier dazu.

Wer Tierleid melden will, wendet sich dabei am besten nicht an Tierheim oder Tierschutzverein, sondern gleich an das jeweilige Veterinäramt. Dort gibt es einen Bereitschaftsdienst, der rund um die Uhr einschreiten und geschult beurteilen kann, was hier und jetzt getan werden muss. Ab und zu ist dann eine Polizei-Begleitung dabei. Viel öfter aber geht es um eine Ermahnung und um Aufklärung über den richtigen Umgang mit einem Tier.

Insgesamt sollten Menschen, die ein Haustier anschaffen wollen, sich vorher gut über die Lebensansprüche des jeweiligen Tieres informieren. „Es ist ja nicht so, dass man zum Beispiel alten Leuten keinen Hund mehr anvertrauen kann, im Gegenteil, das tut ihnen sehr gut – wenn es der richtige Hund ist“, sagt Claudia Gebhardt. Also kein wildes, junges, sondern ein ebenfalls altes, gelassenes Tier. Die Tierheime, die sich immer freuen, wenn einer ihrer Schützlinge ein neues Zuhause bekommt, beraten da gern und ausführlich.

„Ja, bei unserer Arbeit geht es manchmal tragisch zu“, so Ulf Güber. Emotionen zeigt er dabei trotzdem nicht. Seine Aufgabe ist es, ruhig und deeskalierend aufzutreten. „Emotionen gibt es erst nach Dienstschluss“, sagt er. Wenn er abends das Handy ausschalten kann und an der Wiese bei seinen Schafen sitzt, dann steigen die Bilder des Tages auf. Zum Glück nicht nur traurige.

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