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Per Zwei- und Allrad durch Australien

Seit über einem Jahr sind sie bereits unterwegs: Benjamin Krämer und seine Freundin Ellada Azoidou reisen per Motorrad durch die Welt. Im Moment sind sie in Australien und haben dort kurzfristig von zwei auf vier Räder umgesattelt.

veröffentlicht am 04.08.2017 um 15:45 Uhr

Das Dachzelt auf dem gemieteten Allrad-Geländewagen war für zwei Wochen das Zuhause im Outback. Foto: Ellada Azoidou
BK

Autor

Benjamin Krämer Reporter
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Den roten Kontinent mit dem Fahrrad durchqueren – ein lange gehegter Traum. Am Ende unseres Ausflugs nach Down Under sitzen wir allerdings hinter dem Steuer eines Geländewagens.

Nach unserem Dschungel-Abstecher auf Sumatra landen wir müde, aber glücklich, in Melbourne. In unserem Kopf geistern schon die wildesten Abenteuerfantasien umher: Endlose Fahrradwege entlang der Great Ocean Road in Australiens Süden. Roter Sand bis zum Horizont im Outback und weiße Strände, soweit das Auge reicht an der Gold Coast, während wir auf zwei Rädern den Duft der Freiheit einatmen. Das einzige Problem ist, dass wir noch garkeine Fahrräder, geschweige denn vernünftige Fahrradkleidung, besitzen – oder Erfahrungen als Tourenfahrer, was das betrifft.

Diese Hindernisse beseitigen wir kurzerhand, indem wir über das Fahrradfahrer-Netzwerk „Warm Showers“ eine Gastfamilie finden. Bei „Warm Showers“ bieten Fahrradfahrer über eine Website kostenlose Unterkunft für andere Radreisende an. Meist handelt es sich um ein Zimmer in ihrer Wohnung oder ihrem Haus. Unsere Gastgeber heißen Sarah und Rhys und bewirten uns eine volle Woche lang, in der sie mit uns Fahrräder auswählen und mögliche Ausrüstungsgegenstände diskutieren. Am Ende der Woche haben wir zwei neue Freunde gewonnen und stehen mit vollgepackten Rädern und bunten Windjacken vor ihrer Farm – das große Abenteuer kann beginnen.

Welch fantastische Abendstimmung im Outback. Foto: Ellada Azoidou
  • Welch fantastische Abendstimmung im Outback. Foto: Ellada Azoidou
Das Wetter kann auch mal schnell umschlagen. Foto: Ellada Azoidou
  • Das Wetter kann auch mal schnell umschlagen. Foto: Ellada Azoidou
Um die Reisekasse aufzubessern, haben wir auf einer Farm gearbeitet. Foto: Ellada Azoidou
  • Um die Reisekasse aufzubessern, haben wir auf einer Farm gearbeitet. Foto: Ellada Azoidou

Wir starten also in Melbourne und folgen der Great Ocean Road in Richtung Adelaide, um irgendwann das ferne Perth zu erreichen. Schon in den ersten Tagen werden wir mit den Besonderheiten des Bundesstaates Victoria konfrontiert: Ein einzelner Tag kann hier alle vier Jahreszeiten beinhalten. Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfen wir uns die bergige Strecke entlang, treten gegen einen erbarmungslosen Gegenwind an und fluchen ein ums andere Mal über das miese Wetter.

Morgens schälen wir uns bei 20 Grad aus dem Zelt, nur um eine halbe Stunde später durch einen Hagelsturm zu fahren, der unbarmherzig auf uns einhämmert, als wolle er uns die Flausen aus dem Kopf treiben. Die Temperaturen liegen plötzlich bei unter fünf Grad und Wind aus der Arktis führt dazu, dass wir sogar bergab kräftig in die Pedale treten müssen. Schon nach nur einer Woche stehen wir im kalten Dauerregen in Apollo Bay: Unser Zelt wird nicht mehr trocken, uns schlottern die Knie und die Ausrüstung ist vollkommen durchnässt. Aus der romantischen Australienfantasie ist deutscher April geworden und uns wird klar: Eine weitere Woche machen wir diese Tortur nicht mehr mit.

Glücklicherweise erbarmt sich ein Busfahrer, der seinem Blick nach zu urteilen Mitleid mit uns hat, und nimmt uns mit zurück nach Melbourne. Es ist unvorstellbar frustrierend, aus dem Fenster zu sehen und in wenigen Stunden eine Strecke an sich vorbeirauschen zu sehen, durch die man sich zuvor eine Woche lang mit extremer Anstrengung gequält hat.

Ein bisschen Sklavenarbeit

Nun sind wir also wieder in Melbourne, wo das große Abenteuer in endloser Sonne starten sollte und nun regelrecht ins Wasser gefallen ist. Zurück auf Null. Eine Null, auf die wir gut hätten verzichten können, ganz im Gegenteil zu den wenigen Nullen auf unserem Reisekonto. Australien ist teuer. Ein einzelner Apfel kann schon mal einen ganzen Dollar kosten, eine Flasche Wasser zwei oder drei.

Also beschließen wir ein wenig auf einer Farm zu arbeiten und die Reisekasse aufzubessern – schließlich scheint das für andere junge Australienreisende ja auch fest auf dem Programm zu stehen. Wir landen am Ende auf einer kleinen Farm in der Nähe von Brisbane, wo wir Zäune bauen, kniehohes, schlangenverseuchtes Gras mähen und noch mehr schwitzen als auf den Fahrrädern zuvor. Der idyllische Traum von grasenden Pferden auf endlosen Weiden vor dem Panorama der untergehenden Sonne wird schnell von Sonnenbrand und schmerzenden Muskeln verdrängt.

Da sich die Farmbesitzer weigern, uns genug Essen zu geben, obwohl Vollverpflegung Teil des Deals war, verlassen wir die Farm bald wieder und sagen uns: Für solch eine Schinderei und schlechte Behandlung sind wir dann doch schon zu alt. Wann immer wir junge Backpacker treffen, die meist etwa zehn Jahre jünger sind als wir, wiederholen sich die Geschichten von miserablen Arbeitsbedingungen und harten Gastgebern. Vielleicht ist das Fell noch etwas dicker, direkt nach dem Abi.

Da wir auch nach Feierabend noch Extraarbeit auf Nachbarfarmen erledigt haben, hat sich unsere Reisekasse wenigstens ein wenig gefüllt und so beschließen wir, das Beste aus dem Rest unserer Zeit zu machen. In Australien bedeutet das, einen Allrad-Geländewagen mit Campingausrüstung zu mieten und durchs Outback zu fahren – besser wird es nicht auf dem roten Kontinent!

So stehen wir keine zwei Tage später vor einem nagelneuen Toyota Landcruiser mit Kühlschrank, Gaskocher und Dachzelt, der für die nächsten zwei Wochen unser Zuhause sein wird. Da wir einen Deal mit dem Verleiher schließen, dass wir das Auto innerhalb einer Zweiwochenfrist ins nördliche Darwin bringen, bekommen wir es glatt umsonst!

Zuerst folgen wir dem Highway One nach Adelaide und campen die erste Nacht an einem Truckstop bei prasselndem Dauerregen, beruhigt einzig von der Hoffnung, dass es im Inland ein wenig schöner wird – schließlich handelt es sich beim Herzen des Kontinents ja um eine Wüste. Oder?

Das Outback – ein magischer Ort

Als wir von Adelaide aus nördlich auf den Stuart Highway abbiegen, der sich Tausende von Kilometern bis ins tropische Darwin im hohen Norden zieht, sind wir fast erschlagen von der Einsamkeit: Man sieht kaum andere Autos oder Lastwagen, die legendären Road Trains mit ihren 60 Metern Länge. Wenn man sich begegnet, wird gegrüßt – wahrscheinlich, weil man zuvor stundenlang nichts zu tun hatte, als das Lenkrad gerade zu halten.

Doch die Landschaft hält alles, was die Reiseführer versprechen. Fast alles. Hügel ziehen an uns vorbei, manchmal kleinere Berge und Täler oder bizarre Gesteinsformationen, doch immer sind sie von kräftigem Grün bedeckt. Von Wüste ist keine Spur im angeblichen Glutofen des Outbacks. Sträucher, Gräser und Bäume dominieren eine Natur, in der es bis auf Schlangen und Kängurus kaum Tiere gibt. Nicht einmal Vögel hört man zwitschern, es ist einfach nur totenstill und einsam.

Wir genießen diese Freiheit sehr und starren jede Nacht wie gebannt aus unserem Dachzelt in einen fantastischen Sternenhimmel, den wir so klar und hell noch nie gesehen haben. Mulmig wird uns in dieser Einsamkeit nie, bis auf eine Nacht, in der Dingos um unseren Wagen herumschleichen – doch das haben wir in Kirgisistan schon schlimmer erlebt. Was bleibt sind fantastische Eindrücke einer einzigartigen Landschaft, die sich vielseitig und mystisch in unsere Erinnerung gebrannt hat. Das Gefühl, mitten im Outback zu stehen und der Stille zu lauschen, lässt sich nicht adäquat in Worte fassen – doch Bilder sagen ja ohnehin mehr als tausend Worte.


Benjamin Krämer und Ellada Azoidou berichten regelmäßig über ihr Abenteuer Weltreise auf www.horizonride.de und auf www.facebook.com/horizonride.

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