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Es ist die größte Patienten-Verlegung in der Region

Operation „Agaplesion“ - Ein Krankenhaus zieht um

7.30 Uhr. Gleich geht es los. Die Besatzungen der zehn Rettungs- und Krankenwagen, die auf der von Bauhof-Mitarbeitern halbseitig gesperrten Herminenstraße stehen, warten nur noch auf das Startsignal der Einsatzleitung. Doch bevor es so weit ist, gibt es erst einmal eine letzte Einweisung von den beiden „Chefs“. Die Lagebesprechung findet im Eingangsbereich des Krankenhauses statt, das Briefing dauert nur wenige Minuten. Alle wissen, was zu tun ist.

veröffentlicht am 29.11.2017 um 18:31 Uhr
aktualisiert am 29.11.2017 um 19:20 Uhr

Foto: Leonhard Behmann
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Bernd Gerberding und Thomas Beckmann vom DRK Rettungsdienst und Krankentransport im Landkreis Schaumburg e.V. haben die Operation „Agaplesion“ gemeinsam mit vielen anderen geplant. Monatelang wurde an Stellschrauben gedreht, damit alles reibungslos klappt. 59 Kranke und Verletzte – darunter Intensivpatienten – sollen heute von Bückeburg in das neue Krankenhaus in Vehlen verlegt werden – so schonend wie möglich und so schnell wie nötig. Eine Hochschwangere wird mit einem Rettungswagen nach Minden gebracht. Der Grund: Der Kreißsaal im Klinikum in Vehlen ist noch nicht Einsatzbereit. Eine vergleichbare Aktion hat es noch niemals zuvor im Landkreis Schaumburg gegeben. Dennoch sind Gerberding und Beckmann die Ruhe selbst.

30 haupt- und nebenamtliche Rettungskräfte sind an diesem kalten Novembertag im Sondereinsatz – alle haben sich freiwillig zum Dienst gemeldet, sie hätten eigentlich frei gehabt. „Die Kollegen aus der Freischicht übernehmen die Verlegungstransporte – und das ist auch gut so, denn der Rettungsdienst darf ja nicht ausgedünnt werden“, sagt Gerberding.

Auch wenn das neue Klinikum Verbesserungen bringt – ein bisschen Wehmut ist schon dabei.

Siegfried David, Notfallsanitäter

Patienten, die auf der Intensivstation behandelt wurden, werden mit einem Intensivtransport-Wagen abgeholt und zum Klinikum gefahren. Andere benötigen Rettungs- oder Krankenwagen. Ein Mannschaftstransportwagen steht für diejenigen bereit, die körperlich fit sind und sitzen können. 37 Patienten müssen liegend, 20 im Tragestuhl transportiert werden, der Rest kann mit dem Mannschaftstransportwagen nach Obernkirchen gefahren werden. Die Patienten können erst einmal in aller Ruhe frühstücken. Danach werden diejenigen, die liegend transportiert werden müssen, vom Pflegepersonal auf den jeweiligen Stationen auf die Fahrt nach Vehlen vorbereitet. Schwestern und Pfleger bringen die Patienten zur Notaufnahme. Dort warten bereits die Besatzungen der Rettungs- und Krankenwagen. Die Kranken werden vom Bett auf die deutlich schmalere Trage umgelagert und festgeschnallt, damit sie nicht herunterfallen können. Ein Wagen nach dem anderen setzt sich in Bewegung. Einsatzleiter Gerberding überwacht die Aktion. „Läuft“, sagt er, lächelt zufrieden und hält den Daumen seiner rechten Hand hoch. „Eine Verlegung in dieser Größenordnung hat es im Kreis Schaumburg noch nie zuvor gegeben“, sagt der Geschäftsführer des DRK-Rettungsdienstes. „Das ist schon etwas Besonderes.“ Der 58-Jährige hat keine Sorge, dass etwas schiefgeht. „Das sollte alles klappen. Es gab im Vorfeld viele Lagebesprechungen und Planungen. Wir sind gut vorbereitet“, sagt Gerberding.

Einsatzkräfte tragen Schutzkleidung, als sie eine Frau mit einer ansteckenden Krankheit ins neue Klinikum verlegen. Foto:Leonhard Behmann
  • Einsatzkräfte tragen Schutzkleidung, als sie eine Frau mit einer ansteckenden Krankheit ins neue Klinikum verlegen. Foto:Leonhard Behmann
Zur Lagebesprechung im Krankenhaus haben sich alle Rettungskräfte versammelt. Foto: Leonhard Behmann
  • Zur Lagebesprechung im Krankenhaus haben sich alle Rettungskräfte versammelt. Foto: Leonhard Behmann
Tim Hundenborn und Max Janssen bereiten einen Senior mit einer schweren Lungenerkrankung für den Transport vor. Foto:Leonhard Behmann
  • Tim Hundenborn und Max Janssen bereiten einen Senior mit einer schweren Lungenerkrankung für den Transport vor. Foto:Leonhard Behmann
Einsatzleiter Bernd Gerberding (rechts) und Bernd Harmening koordinieren in Vehlen die Ankunft der Patienten. Foto: Leonhard Behmann
  • Einsatzleiter Bernd Gerberding (rechts) und Bernd Harmening koordinieren in Vehlen die Ankunft der Patienten. Foto: Leonhard Behmann
Rettungsassistent Thomas Wittgrebe betreut die erste Patientin, Elvira Loose, im Krankenwagen. Foto: Leonhard Behmann
  • Rettungsassistent Thomas Wittgrebe betreut die erste Patientin, Elvira Loose, im Krankenwagen. Foto: Leonhard Behmann
Einsatzkräfte tragen Schutzkleidung, als sie eine Frau mit einer ansteckenden Krankheit ins neue Klinikum verlegen. Foto:Leonhard Behmann
Zur Lagebesprechung im Krankenhaus haben sich alle Rettungskräfte versammelt. Foto: Leonhard Behmann
Tim Hundenborn und Max Janssen bereiten einen Senior mit einer schweren Lungenerkrankung für den Transport vor. Foto:Leonhard Behmann
Einsatzleiter Bernd Gerberding (rechts) und Bernd Harmening koordinieren in Vehlen die Ankunft der Patienten. Foto: Leonhard Behmann
Rettungsassistent Thomas Wittgrebe betreut die erste Patientin, Elvira Loose, im Krankenwagen. Foto: Leonhard Behmann

Elvira Loose ist die erste Patientin, die an diesem Tag nach Vehlen gebracht wird – sitzend. Rettungsassistent Thomas Wittgrebe gibt der Rintelnerin die Hand, begrüßt sie. Sein Kollege Siegfried David bringt derweil den Tragestuhl vom Krankenwagen zu der 71-Jährigen. „Wir werden Sie jetzt ins neue Krankenhaus bringen“, sagt Wittgrebe freundlich, während Elvira Loose sich auf dem Spezialstuhl mit Rollen setzt. Die beiden DRK-Retter bringen die Seniorin zum Krankenwagen. Notfallsanitäter Siegfried David meldet die Patientin mit Gipsarm über Funk in Vehlen an. „Auch wenn das neue Klinikum Verbesserungen bringt – ein bisschen Wehmut ist schon dabei. Schließlich geht hier gerade eine Ära und 157 Jahre Krankenhausgeschichte zu Ende“, sagt David, während er vom Krankenhausgelände rollt. Elivira Loose ist aufgeregt, aber sie „fühlt sich bei den Männern vom DRK in guten Händen“, wie sie sagt. Thomas Wittgrebe betreut die 71-Jährige auf der Fahrt nach Vehlen. Am neuen Klinikum in Obernkirchen warten bereits zahlreiche Pressevertreter und Kamerateams. Im Blitzlichtgewitter der Kameras öffnet Siegfried David die Türen des Krankenwagens und rollt Elvira Loose zur Notaufnahme, wo die erste Patientin feierlich von der Krankenhausleitung begrüßt wird.

Es ist den Mitarbeitern zu verdanken, dass alles so reibungslos funktioniert hat.

Bernd Gerberding, Einsatzleiter

Der nächste Transport ist eilig. Einem Senior geht es nicht gut. Er hat eine schwere Lungenerkrankung. Notfallsanitäter Max Janssen und Rettungssanitäter Tim Hundeborn holen den Mann von der Station ab. Er braucht Sauerstoff. Mit vereinten Kräften wird der schwer kranke Mann auf die Trage des Rettungswagens umgebettet. Eine Stationsärztin verabreicht dem Mann noch eine Infusion für den Transport ins Krankenhaus. Sie und Sani Hundenborn werden den Senior während der Fahrt nicht aus den Augen lassen. Hundenborn hat heute Geburtstag. Dennoch hat sich der 22-Jährige für den Sondereinsatz gemeldet. „Das lasse ich mir doch nicht entgehen. Dieser Einsatz ist etwas ganz Besonderes – da kann man seinen Kindern noch von erzählen“, sagt er und zwinkert mit dem rechten Auge. Max Janssen fährt den Senior mit Blaulicht und Martinshorn zum Krankenhaus in Vehlen. Es ist an diesem Tag der einzige Transport, den das DRK-Verlege-Team mit Blaulicht fährt. Sonst kommen die Retter ohne Blaulicht aus. In Vehlen wartet bereits ein Team aus Ärzten und Schwestern auf den Kranken. Bei insgesamt fünf Verlegungsfahrten fahren Ärzte mit, um die Intensivpatienten optimal versorgen zu können.

Sechs Stunden später können die Einsatzleiter aufatmen. Um 13.38 Uhr fährt der letzte Krankenwagen rückwärts vor die Türen der Notaufnahme. Die Verlegung der Patienten hat reibungslos geklappt. Am darauffolgenden Tag ist das Krankenhaus in Stadthagen dran. Hier muss das Team um Bernd Gerberding und Thomas Beckmann 52 Patienten von Klinik zu Klinik bringen. Wieder klappt alles. Gerberding ist am Ende des Tages glücklich und erleichtert. Das sieht man ihm an. „Es ist den Mitarbeitern zu verdanken, dass alles so reibungslos funktioniert hat“, sagt er und lacht. „Diese Operation ist gelungen – zum Wohle der Patienten.“

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