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Glasfabriken in der Deister-Süntel-Region

Niedersachsens vergessene Glasmetropole

Die Deister-Süntel-Region ist eine der Bekanntesten für Glasherstellung in Deutschland. Sieben Glashütten produzierten die unterschiedlichsten Dinge aus Glas. Heute weiß kaum noch jemand von der 400 Jahre alten Tradition.

veröffentlicht am 26.04.2017 um 17:13 Uhr
aktualisiert am 27.04.2017 um 08:54 Uhr

Diese Schale ist aus Pressglas. Die prunkvollen Gläser kamen auch bei Kurfürsten und Königen sehr gut an. Foto: Hansjörg Ulf schneider

Autor:

Sophie Sommer
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Das dunkelgrüne Glas der Flasche schimmert braun. Unterhalb des Flaschenhalses ist ein rundes Siegel angebracht: GR steht dort in kunstvollen Buchstaben geschrieben. Kreisförmig um die beiden Buchstaben herum verläuft eine Umschrift: H.D.M.ERB.GL:FAB.A. Süntel. Nun gut, mit Süntel kann man etwas anfangen. Die restlichen Buchstaben werden denjenigen unter uns, die keine Glasexperten sind, nicht wirklich viel sagen. Anders geht es denen, die sich damit auskennen. Einer von ihnen ist Klaus Vohn-Fortagne aus Ronnenberg. Der Historiker hat sich intensiv mit den Glashütten beschäftigt und in seinem Buch „Glashütten in der Deister-Süntel-Region“ die Entstehung und Geschichte der Glasherstellung beschrieben. Das Buch ist der erste Teil einer geplanten Trilogie.

Die Abkürzung steht für Hermann Dietrich Meyer Erben, Glasfabrik am Süntel. Erben ist der Besitzer der Glasfabrik, die sich offensichtlich in Klein Süntel befindet. Oder besser gesagt befand. Denn dieses Siegel wurde im vergangenen Jahr bei Ausgrabungen gefunden. Experten konnten anschließend die Flasche, oder Bouteille, wie es im Fachjargon heißt, dem Siegel zuordnen. Sie wurde vermutlich zwischen 1777 und 1793 in der Glasfabrik hergestellt.

Klein Süntel ist nicht der einzige Ort, in dem früher Glas produziert wurde. In Bad Münder, Klein Süntel, Osterwald, Hemmendorf, Oldendorf und Steinkrug stellten Glashütten Flaschen, Gefäße, Pokale oder Gläser in Weiß, Blau, Grün oder Rot her. Die verschiedenen Hütten waren starke Konkurrenten, die aber auch in einem Netzwerk zusammen arbeiteten. Es gab zum Beispiel zeitweise Absprachen, wer welches Glas produzierte. Die Region ist beliebt bei Glasfabriken, da hier alle wichtigen Rohstoffe – wie Sand, Ton, Kohle und Holz – ausreichend vorhanden sind.

Foto: Hansjörg Ulf Schneider
  • Foto: Hansjörg Ulf Schneider
Diese filigrane Etagere ist ein Zeugnis besonderer Glasmacherkunst. Foto: Hansjörg Ulf Schneider
  • Diese filigrane Etagere ist ein Zeugnis besonderer Glasmacherkunst. Foto: Hansjörg Ulf Schneider

Besonders Holz war lange für die Glasherstellung unverzichtbar. Die Gebäude wurden aus Holz gebaut, Pottasche, die den Schmelzprozess beschleunigte, wurde aus Holz gewonnen und die Öfen wurden mit Holz geheizt. Die Folge: Der Rohstoff wurde immer knapper – und damit auch teurer. Bereits in den 1630er Jahren haben die Betreiber der Glashütte am Kleinen Süntel, dem ältesten Unternehmen in der Region, nach einer Alternative gesucht. Die Idee: Die Öfen sollten mit Kohle geheizt werden. „Das Problem wurde damit aber nicht gelöst, man hat so nur drei bis vier Prozent weniger Holz benötigt“, sagt Vohn-Fortagne. Problematisch war auch, dass die Kohle qualitativ hochwertig sein musste. Neben dem hohen Konkurrenzdruck war das einer der Hauptgründe, warum die Hütte 1886 schloss. Rund 30 Angestellte – unter denen auch Kinder zwischen 12 und 16 Jahren waren – verloren ihren Job.

In der gesamten Region waren die vielen Glashütten ein wichtiger Arbeitgeber. Aber: „Die Arbeitsbedingungen in den Glashütten waren sehr katastrophal“, sagt Vohn-Fortagne. Besonders durch die Hitze war die Arbeit sehr belastend. Denn das Glasgemenge, das hauptsächlich aus Sand besteht, schmilzt erst bei 1500 Grad. Mit Pottasche oder Soda konnte man die Schmelztemperatur zwar reduzieren, mindestens 1000 Grad heiß musste es aber schon sein. In speziellen Schmelzgefäßen, auch Hafen genannt, wurde das Glasgemenge verflüssigt. Die Mitarbeiter entnahmen dann mit einer Glasmacherpfeife die benötigte Menge an zähflüssigem Glas. Glasmacherpfeifen sind bis zu zwei Meter lange Stäbe aus Metall mit einem Holzgriff, damit sich die Mitarbeiter nicht verbrennen. Am oberen Ende der Pfeife werde ein Mundstück angebracht, durch das die Glasmacher das flüssige Glas in bestimmte Formen blasen. Deshalb spreche man auch von der mundgeblasenen Produktion. Geübte Glasmacher konnten zum Beispiel einfache Flaschen aber auch ohne Form herstellen, sozusagen „freimund.“ Daher ist auch „Glas machen nicht gleich Glas machen“, sagt Vohn-Fortagne.

Neben qualifizierten Mitarbeitern war die richtige Glasrezeptur für den Erfolg einer Fabrik ausschlaggebend. Denn um bestimmte Farben herzustellen, brauchte es eine bestimmte Menge an Metallen. Zum Beispiel wurde dem Glasgemenge für Rot Kupfer zugesetzt, für Olivgrün und Braun Nickel und für Blau Kobalt. Die genaue Zusammensetzung war ein streng gehütetes Geheimnis.

Ganz besonders war die Herstellung von weißem Hohlglas. Die Lauensteiner Glashütte in Osterwald, die 1701 gegründet wurde, war die Erste im Kurfürstentum Hannover, in der Kreide- und Kristallglas gefertigt wurden. Die 12 bis 19 Mitarbeiter stellten aufwendig verzierte Pokale, Sekt- und Weingläser her. Die Lauensteiner Gläser waren zu Beginn sehr gefragt, auch bei den Kurfürsten von Hannover und bei Königen aus Großbritannien. Anfang des 19. Jahrhunderts hat sich allerdings der Geschmack verändert, die prunkvollen Gläser kamen nicht mehr gut an. Erst ein Produktionswechsel und technische Modernisierungen halfen der Glashütte aus der Krise. Das Unternehmen hat nun hauptsächlich Flaschen ins Ausland exportiert, insbesondere nach Südamerika. Der Erfolg war aber nicht von Dauer, 1886 wurde die Glashütte endgültig geschlossen – im gleichen Jahr wie die Glashütte im Kleinen Süntel.

Das war aber nicht das Ende der Glasproduktion in der Region. 1919 wurde in Bad Münder sogar eine zweite Glashütte, gemeinsam von einem Kaufmann und einem Glasspezialisten, gegründet. Die Beiden waren allerdings nicht wirklich erfolgreich. Schon zwei Jahre später musste die Glashütte wegen Kohlemangels jedoch wieder schließen.

Erst rund zehn Jahre später hat sich wieder ein neuer Betreiber gefunden. Anfangs wurde das Glas in der Fabrik Süntelgrund nur mundgeblasen hergestellt. Erst Ende der 1930er Jahre wurde die Produktion halbautomatisiert, rund 20 Jahre später dann vollautomatisiert.

Bis 1970 haben die Besitzer ständig gewechselt. Dann hat der schwedische Verpackungskonzern PLM die Glasfabrik gekauft, sagt Hermann Wessling, der Vorsitzende des „Forum.Glas Bad Münder.“ Er hat selbst bis 2003 in der Glashütte in der Personal- und Öffentlichkeitsabteilung gearbeitet. PLM wurde 1999 von dem britischen Rexam-Konzern übernommen. Rexam erweiterte den Betrieb, sodass zeitweise über 500 Mitarbeiter angestellt waren. 2007 hat Rexam seine gesamte Glasproduktion an die irische Ardagh Glass Group verkauft. Diese schränkte die Produktion stark auf Gläser für die Pharma- und Chemieindustrie ein, weshalb auch wieder Personal abgebaut wurde. Heute ist die Glashütte die einzige in der Region, die noch in Betrieb ist. Rund 160 Mitarbeiter arbeiten in der Fabrik.

„Für eine Kleinstadt wie Bad Münder sind das aber immer noch eine Menge Arbeitsplätze“, sagt Wessling. Trotzdem wisse heute kaum noch jemand von dem gläsernen Zeitalter der Deister-Süntel-Region. Das wollen Wessling und Vohn-Fortagne und andere Glasliebhaber ändern. Neben den Sachbüchern, Informationstafeln und einer Ausstellung im Museum Bad Münder stehen seit rund drei Jahren auf einem Kreisel in Bad Münder vier Säulen. Sie sind 3,60 Meter hoch und bestehen aus 360 Schichten festverklebten Glases. Wenn es dunkel ist, werden die Säulen in verschiedenen Farben angestrahlt. Eine in Grün als Symbol für die Landwirtschaft, eine in Braun, die für die hohe Bedeutung des Holzes steht, eine in Blau, die die Heilquellen des Kurortes darstellt, und eine in weiß – natürlich – als Symbol für das Glas.

Das Buch: „Glashütten in der Deister-Süntel-Region“ ist für 24,90 Euro im Buchhandel erhältlich.

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