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Mit etwas Glück gibt es Millionen Klicks

Kaum jemand, der das Internet nutzt, war noch niemals Gast auf der Video-Plattform YouTube. Das unüberschaubar große und breit gefächerte Angebot verführt so manchen dazu, sich ganze Stunden von einem Filmchen zum nächsten zu klicken, sei es, um fast jedes Musikstück seiner Wahl zu hören, sei es, um sich mit witzigen Clips, Dokumentationen oder Serien zu unterhalten oder sich davon überraschen zu lassen, was Unbekannte so aus ihrem Alltagsleben per Video zu erzählen haben. Wer aber sind die Menschen, die die Filme hochladen, also fleißig dafür sorgen, dass es überhaupt was anzugucken gibt?

veröffentlicht am 27.08.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Cornelia Kurth

„Ich bin so einer!“, sagt Marc Reß (41) aus Hameln. Unter dem Namen „Marci36“ betreibt er einen eigenen „Channel“, einen „Sendekanal“ auf YouTube und stellt dort regelmäßig Filme ein, eine bunte Themenmischung, die er unter der Überschrift „Mein Hameln“ zusammenfasst. „Angemeldet war ich bei YouTube schon länger – nur so kann man ja die Filme von anderen Leuten bewerten oder einen Kommentar hinterlassen“, sagt er. „Aber dann packte es mich und ich wollte es selbst mal ausprobieren.“ Sein erstes Video, aufgenommen mit dem iPhone, dokumentierte für seine Clique, wie ein lustiger Freund beim Knobeln zum „Nachtwächter von Afferde“ gekürt wurde, weil er auf dem allerletzten Platz gelandet war. Über 200 Mal bereits wurde das Video angeklickt.

Das brachte Reß auf die Idee, nicht nur kleine Clips über seinen Hund Bella hochzuladen oder zum Beispiel eine wunderschön gefilmte und mit Musik untermalte Ballonfahrt über das Weserbergland, sondern sich für seinen Spielmannszug „Rattenfänger Hameln“ zu engagieren, indem er Auftritte filmte und ins Netz stellte. „Wir machen so tolle Musik, auch moderne Sachen“, sagt er. „Aber wie in fast allen Spielmannzügen fehlt auch uns der Nachwuchs. Wer weiß, vielleicht trägt mein Channel dazu bei, dass wir neue Mitglieder finden.“

Auch Kersten Nix (22) aus Obernkirchen und der Bückeburger Julius Becker (33) verbinden Hoffnungen auf mehr Publizität mit ihrem YouTube-Channel. Mit dem etwas sperrigen Namen „BbxBbg“. Die beiden, der eine mit langen dunklen, der andere mit langen blonden Haaren, sind Musiker, bauten sich ein Tonstudio auf und treten als Gitarrenduo „Eleven“ in Kneipen und auf Festen in der Umgebung auf. Eines ihrer Videos zeigt sie, wie sie am Meer vorm Sonnenuntergang „Ain’t no sunshine“ singen und spielen, richtig gut und wohl wert, noch viel mehr wahrgenommen zu werden.

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  • „Broadcast Yourself“ – „Bringe Dich selbst auf den Sender“: Manche Videos werden bei YouTube millionenfach angeklickt. Foto: dpa

„Na ja“, sagt Kersten Nix, „in erster Linie nutzen wir die Clips als Referenz, um Veranstaltern zeigen zu können, was wir zu bieten haben.“ Da sie Coverversionen berühmter Songs spielen, besteht natürlich auch die Chance, dass man allgemein auf sie aufmerksam wird, zumindest in der Musikerszene, wo man eh die Videos der Kollegen ansieht und hier und da auch Bewertungen hinterlässt, mit dem Zeichen Daumen hoch oder Daumen runter. Blöde Kommentare oder Pöbeleien, wie man sie unter vielen YouTube-Videos findet, gibt es bei ihnen nicht. „Das ist ja eher bei Leuten so, die was Politisches einstellen, die mit Absicht provozieren oder deren Videos richtig schlecht sind.“

Gibt man in der Suchfunktion von YouTube zum Beispiel das Stichwort „Rinteln“ ein, dann tauchen jede Menge privater Filme auf: eine lange Autofahrt durch die Stadt etwa, Filme von Schülern des Gymnasiums Ernestinum und den Abi-Partys, Musikclips von Bands, die in den 50er und 60er Jahren im Weserbergland auftraten oder auch die Dokumentation einer der Kabarettabende des verstorbenen Journalisten und Kabarettisten Ulrich Reineking im Rathauskeller, die von Robert Pflug auf dem Channel seines „Profund“-Studios hochgeladen wurden. Mittendrin kann man auch einen Clip mit dem Titel „Blitzeinschlag hinter Rinteln“ entdecken.

Dieses Filmchen stammt vom 15-jährigen Sven Schulz, der seit einem Jahr als „blackcat2447“ dabei ist. „Ich war mitten in der Nacht durch ein Gewitter wach und versuchte einfach mal, einen Blitz mit der Kamera einzufangen“, sagt er. Das gelang auch, selbst wenn das Bild die meiste Zeit einfach nur schwarz ist, und prompt gehörte die Aufnahme zu den ersten, die er einstellte und die immerhin bereits 170-mal aufgerufen wurde. Sein eigentliches Anliegen aber sind sogenannte „Let’s Play“, Mitschnitte von Videospielen, die man mit einem speziellen Programm während des Spielens aufnimmt und kommentiert. Seit ein paar Jahren sind „Let’s Play“-Videos ein Renner auf YouTube, und wer es schafft, seine eigene Art zu spielen auch für andere interessant zu machen, erobert sich bald einen Ruf unter den Spielern.

Soweit ist es bei Sven Schulz noch nicht, auch wenn es wirklich Spaß macht, ihm beim Spiel „Minecraft“ zuzusehen und zuzuhören. Minecraft ist eine Art digitales Legospiel, bei dem man erst Stein, Erz, Gold und andere Materialen abbauen muss, um dann mit viel Fleiß ein eigenes Haus oder phantastische Gebäude zu entwerfen, dabei immer von „Monstern“ gefährdet oder von lavagefüllten Abgründen, in die man beim Bergbau abstürzen kann. „Leider ist die Tonqualität der Kommentare nicht so gut, und ich müsste viel regelmäßiger hochladen, damit ich bemerkt werde“, sagt er. „Bis jetzt macht es einfach großen Spaß, und vielleicht wird ja noch mehr draus.“

Zehntausende, Hunderttausende, eine Million Klicks zu erreichen, das wünscht sich wohl fast jeder für seinen Channel. Das gelingt allerdings nur, wenn man begehrte Musikvideos anbietet oder mehr oder weniger illegal mitgeschnittene Konzertaufnahmen, Fernsehserien, wirklich witzige Selbstinszenierungen oder – das ist dann aber eher Pech als Glück – man wird zu einer Art Antiheld, indem persönliche Aufnahmen, harmlos eingestellt, sich plötzlich wie der Wind im Internet verbreiten, weil man sich so gut darüber lustig machen kann. Eine gute Möglichkeit aber, im kleineren Rahmen von möglichst vielen Menschen wahrgenommen zu werden besteht darin, Videos einzustellen, die bestimmte Interessen bedienen.

Burkhard Rohrsen etwa betreibt gleich mehrere Kanäle, davon einen, der nur für Freunde, Verwandte oder die Kameraden von der Feuerwehr gedacht ist, und einen anderen, auf dem er als „Schienenschrat“ lauter reizvolle Aufnahmen von Fahrten mit dem Schienenbus-Oldtimer „Der Schaumburger“ zeigt, quer durch die Landschaft zwischen Rinteln und Stadthagen. Diese Clips werden ziemlich oft angeklickt, gibt es doch sowohl bundesweit Fans von historischen Eisenbahnen als auch viele Schaumburger Bürger, die den „Förderverein Eisenbahn Rinteln-Stadthagen“ darin unterstützen wollen, den regionalen Schienenverkehr zu stärken. Burkhard Rohrsen nutzt YouTube für eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit. „Das Gute ist – der ,Schienenschrat‘-Kanal ist auch auf den Internetseiten vom Weserbergland-Tourismus verlinkt“, sagt er. „Man bekommt natürlich mehr Besucher, wenn auf anderen Websites auf den eigenen Internetauftritt hingewiesen wird.“ Von Vorteil war das auch, als er für die „Bückebergbahn GmbH“ auf einem Video vorführte, dass man über Ladestellen für schwere Transporte verfügt. „Noch bevor wir im Branchenverzeichnis auftauchten, konnten wir so trotzdem schon unsere Dienstleistung online präsentieren.“

Jemandem, der bisher nur passiv Videos anschaute, mag es kompliziert erscheinen, eigene Filme bei YouTube hochzuladen. Das ist aber genau so unkompliziert, wie etwa ein Foto in ein Internetforum zu stellen. Wer die Anleitung nicht gleich versteht, findet unzählige „Tutorials“ auf YouTube, die Schritt für Schritt zeigen, was zu tun ist, viele davon haben Teenagern produziert.

Überhaupt besteht die Motivation der Channelbetreiber häufig darin, anderen helfen zu wollen und eigene Erfahrungen auf bestimmten Gebieten weiterzugeben, nicht viel anders als in all den Internet-Hilfeforen zu jedem nur denkbaren Themenbereich. Sven Schulz würde sich riesig freuen, wenn seine „Let’s Play“ anderen Spielern ihr eigenes Spiel erleichtern würden, zum Beispiel beim Auffinden wertvoller Ressourcen. Und Marc Reß mit seinem „Mein Hameln“-Kanal zeigt neben Spielmannzug und Hund Bella auch, wie man bestimmte Kameras bedient. „Ich hatte überall gesucht, ob diese Modelle auch von anderen vorgestellt werden – nichts“, sagt er. „Da dachte ich: Tu was Gutes und setz es rein – vielleicht ist mal jemand glücklich darüber.“

Filme, Musikstücke, Dokumentationen – die Plattform YouTube ist eines der meistgenutzten Videoportale im Internet. Die Inhalte können sich mitunter im Handumdrehen im weltweiten Netz verbreiten. Wir haben heimische YouTube-Nutzer gefragt, was sie sich vom Hochladen ihrer privaten Videos erhoffen.

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