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Künftig wird es staatlich angebaut

Mit Cannabis gegen Krebs: Hype oder Hoffnung?

Das Internet ist voll von Geschichten über Cannabis als Krebsmittel. Doch wissenschaftliche Belege fehlen, Studien gibt es kaum. Das hält manche Mediziner vom Einsatz der Pflanze ab, viele Patienten nicht.

veröffentlicht am 13.03.2017 um 14:51 Uhr
aktualisiert am 28.03.2017 um 20:08 Uhr

Bisher kommt das Cannabis vor allem aus den Niederlanden und Kanada. Nun soll es in Deutschland angebaut werden. Foto: dpa

Autor:

Aleksandra Bakmaz
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Krebs ist eine tückische Krankheit: Sie lässt Menschen bangen, verzweifeln, aber auch hoffen. Hoffen auf die Wirkung von Chemotherapien, Bestrahlungen – und manchmal auch auf medizinisches Cannabis. Wer im Internet Informationen zu der Pflanze sucht, findet vor allem eines: Versprechen. Das größte davon: Cannabis könne Krebs heilen. Das behauptet der Kanadier Rick Simpson.

In unzähligen Videos, Büchern und in den sozialen Netzwerken predigt der Rentner von der heilenden Wirkung eines durch Cannabis gewonnenen Öls. Ihn selbst habe es von Hautkrebs befreit, lässt Simpson die Welt wissen. Seine Geschichte spricht sich herum. Todkranke Menschen rund um den Globus behandeln sich in Eigenregie mit dem Hanf-Öl. Deutsche Mediziner sehen das kritisch.

„Rick Simpson ist kein Arzt, was er macht, ist fahrlässig“, sagt Mediziner Franjo Grotenhermen im nordrhein-westfälischen Rüthen. Der Arzt ist Vorsitzender einer internationalen Arbeitsgemeinschaft für Cannabis als Medizin und setzt sich seit Jahren für die Anwendung der Pflanze in der medizinischen Therapie ein. Grotenhermen ist sich sicher: „Cannabis ist kein Wundermittel, es ist eine Möglichkeit.“

Die Blüten selbst lassen sich ohnehin nicht so genau abwiegen – sie werden daher vom Apotheker zermahlen. Foto: pixabay
  • Die Blüten selbst lassen sich ohnehin nicht so genau abwiegen – sie werden daher vom Apotheker zermahlen. Foto: pixabay

In Deutschland wird Cannabis künftig zur medizinischen Verwendung staatlich angebaut. Dazu steht eine Cannabisagentur beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vor dem Start, wie das Institut aktuell in Berlin mitteilte. Der Weg für Cannabis als Medizin auf Kosten der Krankenkassen ist durch ein neues Gesetz von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) frei geworden.

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Für Tee und Elektroverdampfer: Seit Freitag gibt es Cannabis auf Rezept

Ärzte in Deutschland bekommen jetzt die Möglichkeit, ihren Patienten Cannabis auf Rezept zu verordnen. Ein entsprechendes Gesetz wurde am Donnerstag (9. März) im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Aber wie kommen die Blüten zum Patienten? Und wie werden sie dosiert und eingenommen? Eines ist klar: Niemand soll Cannabisblüten in einem Joint verbrennen, erläutert Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer. „Dabei ist die Menge, die der Patient zu sich nimmt, nicht reproduzierbar.“ Die Blüten selbst lassen sich ohnehin nicht so genau abwiegen – sie werden daher vom Apotheker zermahlen. Der Patient erhält das Pulver vorportioniert oder mit einem Dosierlöffel. Er kann sich daraus entweder einen Tee kochen oder das Pulver auf einen elektrischen Verdampfer geben. „Der Dampf wird zum Beispiel in einer Kunststofftüte gesammelt, die der Patient anschließend leer atmet“, erklärt Kiefer. Wichtig sei, dass die Blüten erhitzt werden: „Erst bei rund 160 Grad werden alle Wirkstoffe freigesetzt.“ Deswegen sei eine Inhalation oft wirksamer als das Trinken von Tee. Siedendes Wasser hat nur 100 Grad Celsius. Der in Cannabis enthaltene Wirkstoff Dronabinol, kurz THC, werde auch weiterhin in Form von Kapseln oder Tropfen abgegeben, ergänzt Kiefer. Viele Patienten berichteten aber, dass die ganze Blüte ihnen deutlich besser helfe. „Sie enthält mehr als 100 Wirkstoffe, die möglicherweise zusammenwirken“, sagt Kiefer. Ob das Cannabis als Kapsel, Tee oder Inhalation eingenommen werden soll, legt der Arzt fest – genauso wie die Dosierung. „Die Bandbreite ist viel größer als etwa bei Schmerzmitteln“, erklärt Kiefer. Bei gängigen Schmerzmitteln liege die Höchstdosis zum Beispiel bei dem 6-fachen einer einzelnen Tablette. „Bei Cannabisblüten ist es mehr als das 50-fache.“ Große Unterschiede gibt es auch bei den Blütensorten, sagt Kiefer. Erst die Zukunft werde zeigen, welche Sorte bei welchem Patienten besonders gut wirkt. Deswegen sei es für Patienten wichtig, mit dem Arzt und dem Apotheker im Gespräch zu bleiben und zu berichten, wie sie mit dem Medikament zurechtkommen. Cannabis wird nur im Einzelfall verordnet, wenn der Patient nicht anders behandelt werden kann oder der Arzt überzeugt ist, dass es dem Patienten durch diese Therapie deutlich besser geht. In dem Fall übernehmen die Gesetzlichen Krankenkassen die Kosten. Der Patient trägt die übliche Zuzahlung von höchstens zehn Euro pro Arzneimittel.

Allerdings geht es dabei erst einmal nicht um die direkte Behandlung von Krebs. Eine exakte Definition der Krankheitsbilder gibt es im Gesetz aber auch nicht. Bisher haben rund 1000 Patienten etwa mit schweren Schmerzen eine Ausnahmegenehmigung für Cannabis.

Zuverlässige wissenschaftliche Belege für die von Rick Simpson angepriesene krebsheilende Wirkung der Pflanze gebe es nicht, sagt Mediziner Grotenhermen. „Es gibt Hinweise, dass einige Wirkstoffe von Cannabis wie Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) krebshemmend sind, sie können das Ergebnis von Standardtherapien verbessern – bei Mäusen und Ratten.“ Dass es beim Menschen auch so sei, könne man nur hoffen.

Denn das tatsächliche Wissen über die Wirkung der sogenannten Cannabinoide bei Tumorerkrankungen beschränkt sich bisher fast nur auf Zellstudien und Tierversuche.

Vor zwei Jahren bekam eine Untersuchung des deutschen Pharmakologen Burkhard Hinz viel Aufmerksamkeit. Der Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der Universitätsmedizin Rostock brachte mithilfe von Cannabinoiden Krebszellen im Laborversuch zum „Platzen“. Das feuerte die Diskussion um die Heilkraft der Pflanze weiter an. Der Pharmakologe selbst bleibt aber vorsichtig: „In der Vergangenheit haben viele neue Antikrebsstrategien, die in präklinischen Untersuchungen hoffnungsvoll erschienen, den Sprung in die Klinik nicht geschafft, weil sie beim Menschen nicht die vermutete Wirkstärke zeigten“, erklärt Hinz.

In der Pflanze sieht der Wissenschaftler perspektivisch einen interessanten Kandidaten für die Behandlung von Krebs – eventuell. Denn wie genau Cannabinoide im komplexen menschlichen Organismus wirken, bleibe weiter offen.

Angesichts der überschaubaren Datenlange könne man die weitere Entwicklung nur schwer prognostizieren. „Fakt ist, dass Cannabinoide im Labor nicht nur einen, sondern mehrere Angriffspunkte innerhalb der Entwicklung und Ausbreitung von Tumoren haben“, sagt Hinz. Für den Pharmakologen bleibt die Erforschung der Substanzen weiter wichtig.


Wie ist die Lage bei Cannabis als Medizin bisher? Etwa 1000 Patienten haben eine Sondergenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Bezahlen müssen sie das Cannabis in der Regel selbst. Zwei Patienten wurde eine Erlaubnis für den Eigenanbau erteilt. Die Sondergenehmigungen sollen noch drei Monate gültig bleiben, sodass die Betroffenen genug Zeit haben, sich mit einem Rezept auszustatten und es einzulösen.


Wo kommt das Cannabis her? Bisher vor allem aus den Niederlanden und Kanada. Nun soll es in Deutschland angebaut werden. Regeln wird das eine neue Cannabisagentur beim BfArM. Das kleine Team will den Anbau ausschreiben und dann sicherstellen, dass die Ernte bei den Anbaubetrieben gelagert und von dort weitergegeben wird. Die Agentur will die Ernte in Besitz nehmen und das Cannabis an Arzneihersteller, Großhändler und Apotheken verkaufen. 2019 soll es Cannabis aus deutschem Anbau geben.


Wie viel Cannabis wird angebaut? Voraussichtlich mindestens 365 Kilogramm. So viel ist nach BfArM-Schätzung nötig, um die 1000 Patienten bisher zu versorgen. Und die Zahlen sollen steigen. Beim BfArM schätzt man grob, dass mehr als 10 000 Cannabispflanzen nötig werden.

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