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Für Gabriele Lösekrug-Möller ist Weitermachen tabu

Lömö: Nach 16 Jahren ist nun Schluss

16 Jahre lang war die Sozialdemokratin Gabriele Lösekrug-Möller Abgeordnete im Bundestag, zuletzt arbeitete sie als Parlamentarische Staatssekretärin für Arbeitsministerin Andrea Nahles in Berlin. Länger als Helmut Kohl also. Aus dem Landkreis Hameln-Pyrmont wird sie nur von Brigitte Schulte um eine Legislaturperiode übertroffen. Nun soll, wie vor vier Jahren angekündigt, endgültig Schluss sein mit der Politik, sagt Lömö, die ihren Spitznamen sogar auf Wahlplakaten verwendete. Sie konnte es sich leisten: Mit Lömö verbinden die Menschen damals wie heute ein Gesicht. Wir haben sie zum Abschied zuhause besucht.

veröffentlicht am 29.09.2017 um 14:02 Uhr

An diesem Ort in ihrem Garten in Waldrandnähe kann Gabriele Lösekrug-Möller super entspannen. Foto: Doro
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Gabriele Lösekrug-Möller beugt sich in ihr Auto und trägt Topfblumen ins Haus. An der Haustür stehen bereits ausgeladene Stauden. Mehr Garten, mehr Reisen, mehr Zeit zum Quilten und Patchworken, mehr Zeit zum Lesen, mehr Zeit für dies und das. Das werde sein wie bei allen Ruheständlern, prophezeit sie. „Da fühle ich mich total durchschnittlich.“

Lömö und Durchschnitt? Schwer vorstellbar bei einer Frau, die neben der Politik zeitlebens in unzähligen Vereinen und Verbänden aktiv war und es nebenbei auch noch schafft, pro Monat mehr als ein Buch zu lesen. Vornehmlich im Zug zwischen Hameln und Berlin, räumt sie ein, aber dennoch: In ihrer Nähe ist ein stetiges Gefühl von Neugier, von Bewegung zu spüren. Doch sie will nicht zuviel verraten. Will nicht gleich wieder in die Terminmühle, sagt sie. „Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich zeitlichen und finanziellen Spielraum habe.“ Lediglich eine Sache gilt als gesetzt: Ihr Engagement für das Hamelner Frauenhaus, das ist ihr besonders wichtig.

Es ist schwer vorstellbar, dass der Abschied aus der Politik ein endgültiger sein soll. Immerhin war die letzte Phase ihres Schaffens die interessanteste, wie sie selbst sagt. Sie ist eine, die keine Verantwortung scheut, im Gegenteil: Das Amt als Staatssekretärin habe auch ein Mehr an Gestaltungsmöglichkeiten bedeutet. Dass Arbeitsministerin Andrea Nahles ausgerechnet sie wählte, obwohl sie so anders sei, habe sie überrascht. Nahles sei sehr tatkräftig, sehr profiliert und auch eine sehr streitbare Person. „Und sie ist eine supergute Ministerin.“

Sich selbst beschreibt die Sozialdemokratin als kommunikativer im Finden von Mehrheiten, im Suchen von Kompromissen, im Aufeinanderzugehen. „Das braucht man in einer Demokratie auch. Insofern war es eine gute Zeit, und ich stehe auch sehr zu unseren Ergebnissen.“

Und wie wäre es gewesen, selbst in der ersten Reihe mitzumischen? „Ich muss nicht Nummer eins sein“, sagt die 66-Jährige, obwohl viele Posten ihre Karriere zieren. Wichtig war ihr, ihre Sichtweisen erfolgreich einzubringen, „und das geht aus der zweiten Reihe genauso gut“. Wir haben so viele Leute in der Politik, die Nummer eins sein wollen, sodass ich mir manchmal gedacht habe: „Das kann aber nur eine Person …“

Ich war nie Teil der Bewegung, hatte einen ganz anderen Tagesablauf in der Lehre.

Gabriele Lösekrug-Möller, Parlamentarische Staatsekretärin

Lösekrug-Möllers großes Thema waren immer soziale Gerechtigkeit und Frieden. Die Wurzeln finden sich im Elternhaus. Als der schwer verletzte Vater mit sichtbaren Narben im Gesicht aus dem Zweiten Weltkrieg heimkehrt, gehört er nicht zu denen, die schweigen. Er spricht über das Erlebte, auch darüber, warum er sich zunächst habe einlullen lassen von der Hitlerjugend. „Weil er das Glück hatte, zu überleben, ließ er keinen Zweifel bei Fragen zu Krieg und Frieden. „Ich glaube, das hat mich sehr politisiert.“

Neben dem Elternhaus sind es die Ideen der 68er Generation, die Lösekrug-Möller stark prägen. Wild sei sie nicht gewesen. „Ich war kein Teil der Bewegung, hatte einen ganz anderen Tagesablauf in der Buchhändlerlehre.“ Doch sie ist froh, dass andere den Forderungen, die ihr durchaus gefallen, auf der Straße Nachdruck verleihen. Glasklar ist schon damals ihre Haltung zu Gewalt: „Das lehne ich grundsätzlich ab, Gewalt hat nie zu guten Ergebnissen geführt.“ Für Lösekrug-Möller ist es eine schlüssige Entwicklung, 1972 in die SPD einzutreten. Es ist vor allem Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen“, was sie treibt. „Ich denke, das ist mir gut gelungen“, sagt sie und lächelt selbstbewusst.

Gut vorstellbar, dass ihr Selbstbewusstsein ihr schon als junge Frau geholfen hat. Das Modell, mit dem sich junge Paare heute noch mühen, hat Lösekrug-Möller damals schon verwirklicht: Als Mutter von zwei Söhnen ging sie bereits nach sechs Monaten wieder arbeiten – inzwischen als studierte Diplom-Sozialpädagogin. „30 Stunden, genau wie mein Mann. Und dann haben wir uns nach der Decke gestreckt, um die Kinder zu versorgen. Das hat gut funktioniert.“ Dass es bei der Kinderbetreuung im Landkreis Hameln-Pyrmont noch immer viel Luft nach oben gibt, konnte sie in ihrer Berliner Zeit gut beobachten: „Die Berliner konnten manchmal gar nicht fassen, was ihnen die Mitarbeiter aus dem Wahlkreis erzählt haben.“

Die Erfahrungen, die sie im sozialen Bereich über einen langen Zeitraum sammelte, hätten ihr gutgetan, „um gute Gesetze zu machen“. Und wie haben sich diese Erfahrungen mit der viel kritisierten Agenda 2010 vertragen, die die SPD auf den Weg gebracht hat? Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe findet sie heute noch richtig.

Information

Zur Person

Gabriele Lösekrug-Möller wurde am 20. April 1951 in Bovenden bei Göttingen geboren. Sie lernte Buchhändlerin, später studierte sie Sozialpädagogik und arbeitete bis 1990 in dem Bereich. 1972 Einritt in die SPD. Von 1997 bis 2015 Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Hameln-Pyrmont. Seit 2001 Mitglied des Deutschen Bundestages, als Direktkandidatin für den Wahlkreis 46, Hameln-Pyrmont, Holzminden in den Bundestag gewählt. Seit Dezember 2013 als Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales zuständig für die Bereiche Sozialversicherung, Alterssicherung, Sozialhilfe und Integration. Von 1999 bis 2012 Vorstandsmitglied des SPD-Bezirks Hannover sowie des AsF-Bezirksvorstandes, von Mai 2003 Mitglied im Landesvorstand der SPD Niedersachsen, von Juni 2008 bis April 2016 stellvertretende Landesvorsitzende der SPD Niedersachsen. Seit Dezember 2011 Mitglied des Parteivorstandes der SPD.

Doch sie ist auch selbstkritisch: „Wir haben einen großen Fehler gemacht: Wir haben in der Systematik Lebensleistung nicht anerkannt. Wir haben diejenigen, die über viele Jahre im System der Sozialhilfe waren, finanziell gleichgesetzt mit denen, die nach langjähriger Arbeitszeit arbeitslos waren. Das war falsch, weil es ungerecht war.“

Mehr Abgrenzung braucht die SPD aus ihrer Sicht nicht: „Ich finde, das tun wir ganz deutlich.“ Viele der 40 Gesetze der letzten Legislaturperiode seien ein Kompromiss“, sagt sie, doch: „Ohne uns hätte es nicht mal diese Kompromisse gegeben.“ Was mit der CDU nicht möglich war: Die Aufhebung von sachgrundloser Befristung von Arbeitsverträgen, von Zeitverträgen in der Wissenschaft. Die Sozialdemokratin befürwortet zudem deutliche Verschärfungen in der Leiharbeit.

Und dennoch war Lösekrug-Möllers bewegendster Moment nach eigener Aussage kein großes Gesetz in der Arbeits- und Sozialpolitik. Es war der Moment, als sie für Deutschland in Warschau den Vertrag für „Ghetto-Renten“ unterschrieb, im neuen Museum „Jüdisches Leben“. „Das war rechtlich kompliziert, wir sind da viele Jahre dran gewesen, nur bedingt erfolgreich“, sagt sie. Der Vertrag sei für viele Überlebende sehr wichtig, weil sie endlich eine Anerkennung der dort geleisteten Arbeit hätten. Ein älterer Jude habe sie dann durch das Museum geführt, „das vergesse ich nicht.“ Unvergessen bleibt ihr auch die Arbeit für den Wahlkreis. Soll es wirklich das Ende sein, jetzt, wo es so steil nach oben geht? Ja, sagt sie. Das Ende ankündigen und dann doch weitermachen, das geht nicht. Geholfen hätten ihr dabei einige Beispiele im Bundestag. Leute, die nicht aufhören konnten. Namen möchte sie aber nicht nennen.

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