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Messungen im Weserbergland

Lärm macht krank

Es brummt, quietscht, hämmert, kracht, kreischt und knallt um uns herum – mal mehr, mal weniger laut. Dauerlärm setzt uns zu, macht uns krank, kann sogar tödliche Herzinfarkte verursachen. Doch: Lärm wird subjektiv empfunden. Wir haben uns umgehört und auch selbst gemessen.

veröffentlicht am 26.04.2017 um 12:11 Uhr
aktualisiert am 26.04.2017 um 13:09 Uhr

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Ulrich Behmann

Autor

Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Ein Mann zermalmt mit einem Presslufthammer Beton. Der Nachbar nervt, weil er auf seiner Trompete übt. Güterzüge, die im Minutentakt vorbeidonnern, können uns gefühlt in den Wahnsinn treiben. Das Flugzeug über uns dröhnt, raubt uns den Mittagsschlaf – und Reinhard Mey wusste: „Irgendein Depp mäht irgendwo immer.“ Unsere Hörorgane fangen all diese Geräusche auf. 24 Stunden am Tag. „Unser Ohr ist immer auf Empfang, es schläft nie“, sagt Dr. René Weinandy, der das Fachgebiet Lärmminderung im Verkehr beim Umweltbundesamt (UBA) leitet. „Geräusche – gleich welcher Art – setzen die Flüssigkeit im Innenohr in Bewegung und provozieren die Haarzellen, die sie zu Signalen verarbeiten und diese ans Gehirn senden“, erklärt der Hamelner Ohrenarzt Markus Kurbach.

Doch: Was ist Lärm – und was Hörgenuss? „Lärm ist ein subjektives Phänomen. Bekanntlich lässt sich Lärm nicht so ohne Weiteres messen, da das Lärmerleben Ausdruck einer individuellen kognitiven Verarbeitung von Geräuschbelastungen ist. Ob ein Geräusch zu Lärm wird, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, zu denen, neben den akustischen, wie unter anderem der Schalldruck des Geräusches, auch psychologische zählen. Eine, lediglich auf der Kenntnis des Schalldrucks basierende Prognose, ob das Geräusch vom Individuum als Lärm erlebt wird, ist deshalb nur sehr eingeschränkt leistbar. Eine Bewertung unserer Umwelt hinsichtlich ihrer Lärmigkeit ließe sich auf der Basis der akustischen Einflussgrößen allein also nicht leisten“ – zu diesem Schluss kommt das Umweltbundesamt bei der Auswertung einer Online-Lärmumfrage, an der seit 2002 mehr als 70000 Menschen teilgenommen haben. Die Behörde wollte erfahren, welche Art vom Lärm die Deutschen am meisten plagt. „Auf Platz eins steht der Straßenverkehr“, berichtet Experte Dr. Weinandy. Gleich danach komme schon der Nachbarschaftslärm, worunter allerdings auch Großereignisse wie Konzerte oder Fußball-Fanmeilen zu verstehen seien. An dritter Stelle stehe Flug- und Schienenlärm.

Lärm sei aber nicht gleich Lärm – selbst dann nicht, wenn der Dezibel-Messer den gleichen Schalldruck anzeige. „Neben dem Schalldruckpegel ist die Frequenz entscheidend.“ Sehr hohe Frequenzanteile wie Pfeifen und Quietschen, die beim Bremsen und bei Kurvenfahrten entstehen, werden als ganz besonders unangenehm empfunden. Der Schienengüterverkehr verursache solche Geräusche. Einig seien sich alle, dass Laubbläser nervig sind. Diese Geräte, die „eigentlich kein Mensch braucht, stören die Leute noch in großer Entfernung“. Gleichlaute Musik könne jedoch als sehr angenehm empfunden werden.

Dennoch kann sehr laute Musik temporäre oder sogar bleibende Schäden verursachen. „Nach Disco-Besuchen kann sich ein Taubheitsgefühl oder ein Klingeln ausbilden“, sagt Ohrenarzt Markus Kurbach. Nach Angaben der Berufsgenossenschaft Verkehr verursachen gleichmäßige, aber sehr laute Geräusche, die über einen längeren Zeitraum einwirken (Maschinen, aber auch regelmäßiges Musikhören in Disco-Lautstärke) eine zeitweilige Hörschwellenverschiebung (Hörverschlechterung, Vertäuben oder Watte-im-Ohr-Gefühl), die jedoch wieder zurückgeht, wenn das Ohr ausreichend lange von Lärm verschont bleibt. Häufiges Vertäuben führe allerdings zur permanenten Hörschwellenverschiebung, also zu einem Gehörschaden.

Wird ein lautes Geräusch als angenehm empfunden, schalte das Gehirn Zentren dazu, die die Lautstärke nicht als Missempfindung ausdrücken, erklärt Ohrenarzt Kurbach, der meint: „Ohnehin leben wir in einer Headset-Gesellschaft. Viel zu oft dringt Sprache direkt und laut an unser Ohr.“ Erschöpfungssyndrom, Hörstürze und vieles mehr könnten die Folge sein.

Lärm löst im Körper Stress aus. Der Organismus schüttet Stresshormone aus, der Blutdruck steigt, das Herz schlägt schneller. „Dauerlärm ist ein Risikofaktor. Im Durchschnitt reichen nachts schon 40 Dezibel Fluglärm aus“, erklärt Dr. Weinandy. Reden Experten über Lärm und Dezibel, sprechen sie in der Regel über Mittelwerte. Der Grenzwert für den Tagesmittelungspegel (6 bis 22 Uhr) bei neuen oder wesentlich geänderten Straßen ist beispielsweise 59 Dezibel. An bestehenden Straßen kann der Tagesmittelungspegel bis zu 80 Dezibel betragen. Steht man an einer innerstädtischen Ampel in Hameln, werden allerdings Maximalpegel von 111 Dezibel erreicht – vor allem dann, wenn 40-Tonner vorbeifahren. Maximalpegel spielen allerdings bei der Bewertung von Straßen- und Schienenverkehrslärm keine Rolle. Doch auch diese Lärmereignisse wirken tagtäglich auf uns ein: Ein Knall, ein Lkw-Motor, ein Hammerschlag, eine Fanfare – all das kann ganz schön aufs Ohr gehen. „Lärm ist immer etwas, was uns belästigt oder schädigt“, sagt Michael Jäcker-Cüppers, der den Arbeitsring „Lärm“ der Deutschen Gesellschaft für Akustik leitet. Geräusche seien aber auch wichtig für den Menschen. „Durch Sprache können wir miteinander kommunizieren oder Warnsignale aufnehmen.“

Geräusche werden subjektiv bewertet – Jäcker-Cüppers nennt ein Beispiel: „Hat man ein schlechtes Verhältnis zum Nachbarn und hält dieser sich des Öfteren nicht an die Regeln, kommt die Lärmquelle zur falschen Zeit von der falschen Person. Das Rasenmähen wird dann als ganz besonders störend empfunden. Leben wir mit dem Nachbarn dagegen in Harmonie und hält er sich an die Zeiten, wird das Geräusch des Rasenmähers zwar auch als störend empfunden, aber nicht so, dass uns der Kamm schwillt.“ Das Gefühl, nichts gegen einen Störenfried ausrichten zu können, wirke als Verstärker. „Das Verhältnis zur Quelle spielt bei der Bewertung eines Geräusches eine erhebliche Rolle“, sagt der Akustik-Experte. Menschen seien allerdings unterschiedlich lärmempfindlich. „Wir gewöhnen uns sogar an Krach“, sagt Ohrenarzt Kurbach. „Wir schlucken pro Minute sieben Mal. Das Schluckgeräusch kann bis 40 Dezibel laut sein. Wir hören es aber nicht. Unser Gehirn hat gelernt, das Geräusch auszublenden.

“Lärm, heißt es, schädigt das Ohr, macht krank und kann töten. Der Faktor Zeit ist entscheidend. Soll heißen: Es spielt eine große Rolle, über welchen Zeitraum wir beschallt werden. Ein Mittelungspegel von 65 Dezibel bei Straßenlärm, dem wir dauerhaft ausgesetzt sind, erhöhe das Herzinfarktrisiko, weiß Jäcker-Cüppers. Lärm stört und belästigt. Er kann uns sogar töten: „Epidemiologische Studien zeigen ein erhöhtes Herz-Kreislaufrisiko bei chronisch durch Straßenverkehrslärm belasteten Personengruppen. Es ist davon auszugehen, dass jährlich zirka 4000 Herzinfarkt-Fälle durch Straßenverkehrslärm verursacht werden. Daher sind dringend weitere Maßnahmen zur Lärmminderung notwendig“, sagt der Präsident des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth.

Unsere Zeitung hat im Jahr 2012 mit einem nicht geeichten Dezibel-Messer eigene Messungen durchgeführt. Die Ergebnisse bilden nicht Durchschnittswerte, sondern Maximalpegelereignisse ab. Einige Messergebnisse haben uns überrascht. Ein bellender Hund erreicht 111 Dezibel und ist damit genau so laut wie eine Rüttelplatte, die jedoch meist länger lärmt. Ein Pflasterer, der mit einem Fäustel auf einen Granitstein schlägt, ist 97 Dezibel (Entfernung: zirka zwei Meter) ausgesetzt. Genauso laut war ein Lkw-Motor bei langsamer Fahrt in der Fußgängerzone. Eine stehende S-Bahn wurde als nicht sehr laut empfunden. Das Messgerät zeigt aber immerhin einen Schalldruckpegel von 69 Dezibel.

Das haben wir gemessen:
Stehende S-Bahn: 69 Dezibel, bei der Ausfahrt: 97 Dezibel
Betonschneider: 107 Dezibel
Elektrorasenmäher: 98 Dezibel
Bagger: 89 bis 104 Dezibel
Lüftung: 55 bis 70 Dezibel
Spielzeugpistole mit Knallblättchen-Band: 105 Dezibel
Güterzug: 105 bis 112 Dezibel
Verkehr: 70 bis 111 Dezibel
Steine abkippen: 108 Dezibel
Hammer auf Granit: 97 Dezibel
Live-Konzert (Saal): 109 Dezibel
Elektronisches Horn: 115 Dezibel
Verkehr: 70 bis 111 Dezibel
(alle Werte Maximalpegel, Messgerät nicht geeicht)

Lärm, so fasst die Berufsgenossenschaft Verkehr zusammen, „kann je nach Intensität, Einwirkdauer, Tätigkeit und persönlicher Einstellung unterschiedliche Schädigungswirkungen auf den Menschen haben. Lärm hängt aber auch von den jeweiligen Hintergrundgeräuschen ab: Bei einer nächtlichen Messung trug der Wind den Schall eines durch Emmerthal fahrenden Güterzuges kilometerweit bis nach Klein Berkel. Dort wurden immerhin noch 22 Dezibel gemessen. „Das ist zwar nicht besonders laut“, meint Lärm-Experte Dr. Weinandy vom Umweltbundesamt. „Wenn Sie aber in einem sehr ruhigen Wohngebiet leben, können auch 22 Dezibel sehr lästig sein.“

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