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Damit die Hilfe ankommt

Kompass für den Spenden-Dschungel

Alle Jahre wieder flattern in der Vorweihnachtszeit Spendenaufrufe ins Haus. Egal, ob Unterstützung für Hurrikanopfer oder die Rettung des Regenwaldes – wer Gutes tun will, ist im Spendendschungel schnell überfordert. Was ist seriös und was nicht?

veröffentlicht am 25.12.2017 um 09:00 Uhr

Spenden sollen dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Daher sollten Spender auf Warnzeichen achten, die unseriöse Organisationen entlarven. Foto: dpa

Autor:

Christina Bachmann

Das Geschäft mit Mitleid und Hilfsbereitschaft boomt. Allein in diesem Jahr haben die Bundesbürger nach einer Hochrechnung bislang rund 3,1 Milliarden Euro für den guten Zweck gegeben.

Von Januar bis September spendeten Privatleute damit knapp ein Prozent mehr Geld als im Vorjahreszeitraum, wie eine Untersuchung im Auftrag des Deutschen Spendenrates zeigt, die in Berlin vorgestellt wurde. Die Zahlen wurden auf der Grundlage von monatlichen Selbstauskünften von 10 000 Deutschen ab zehn Jahren berechnet. Doch wo viel Geld zu holen ist, sind auch schwarze Schafe zu finden. Spendenwillige sollten sich deshalb informieren, wen sie unterstützen und wovon sie besser die Finger lassen.


Siegel: Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), finanziert aus öffentlichen Mitteln, vergibt ein Spendensiegel an seriöse Organisationen. Aktuell sind es rund 230 aus dem humanitären sowie dem Tierschutz- oder Umweltschutzbereich. „Wir prüfen sieben Kriterien, die für die Schaffung von Vertrauen zwischen den Spendern und der Organisation ausschlaggebend sind“, sagt DZI-Geschäftsführer Burkhard Wilke. Dazu gehöre zum Beispiel eine gute Leitungs- und Aufsichtsstruktur, Transparenz bei den Finanzen und eine wahrhaftige Spendenwerbung ohne emotionalen Druck. Die jährliche Prüfung zahlt die sich bewerbende Organisation. Das hat allerdings zur Folge, dass sich gerade kleinere Hilfsorganisationen diese Ausgabe und den Aufwand sparen. Umgekehrt kann man also nicht sagen: Wer das Spendensiegel nicht trägt, ist unseriös. Das DZI erteilt auf seiner Website (www.dzi.de) auch Auskünfte zu weiteren 200 Organisationen ohne Siegel. Dort wird auch vor manchen Spendensammlern gewarnt. Ansonsten sollte sich jeder die Zeit nehmen, selbst gewisse Kriterien zu checken.


Steuerliche Gemeinnützigkeit: Sie sollte Mindestvoraussetzung sein für eine Spende, betont Wilke. Damit habe das Finanzamt schon eine gewisse Kontrolle. Außerdem ist die Spende steuerlich absetzbar – und zwar bis zu 20 Prozent des Einkommens. Eine Spendenquittung ist allerdings erst nötig ab 200 Euro. Bei niedrigeren Beträgen reichen die Überweisungsbelege.


Transparenz: Wie offen geht eine Organisation mit ihren Finanzdaten um? Wer wissen will, wo genau die Spendengelder landen, sollte sich die Jahresabschlüsse ansehen, die seriöse Hilfswerke zugänglich machen. Dabei sind Werbungs- und Verwaltungskosten nicht prinzipiell als negativ anzusehen, sondern notwendig. Allerdings sollten sie angemessen sein. „Von 100 Euro, die eine Spendensiegel-Organisation im Jahr ausgibt, gehen durchschnittlich 87 Euro in die direkten Programme und 13 Euro in Werbung und Verwaltung“, veranschaulicht Wilke. Der Deutsche Spendenrat, ein Dachverband von 65 gemeinnützigen Organisationen, hat in seiner Selbstverpflichtung ebenfalls ganz oben den Punkt Transparenz stehen. „Ob auf der Homepage oder im Jahresbericht – entscheidend ist, dass die wesentlichen Finanzdaten veröffentlicht werden“, sagt Geschäftsführerin Daniela Geue.


Emotionaler Druck: Eine Spende ist freiwillig. Wer Menschen unter zeitlichen Druck setzt oder mit drastischen Elendsschilderungen wirbt, macht sich verdächtig. „Wenn ich auf der Straße angesprochen werde, sollte ich mir die Sachen mitnehmen und zu Hause in Ruhe durchlesen“, sagt Julia Rehberg. „Wenn aber Druck gemacht wird, es gehe nur heute – dann lieber: Finger weg!“, warnt die Leiterin der Rechtsabteilung bei der Verbraucherzentrale Hamburg. Auch Burkhard Wilke warnt vor Nötigung – nicht nur bei Straßenwerbung. Wenn in Spendenbriefen systematisch extreme Fotos verwendet werden, dem Adressaten ein schlechtes Gewissen oder eine persönliche Verantwortung eingeredet werden, sei das als unseriös anzusehen. „Wenn wir diese Hinweise systematisch für eine Organisation vorliegen haben, ist allein das für uns ein Grund, von ihr abzuraten oder sogar vor ihr zu warnen.“


Haustürverkäufe: Sie müssen nicht, können aber unseriös sein. Oft geht es dabei um Fördermitgliedschaften. Diese helfen den Organisationen, weil sie Werbungs- und Verwaltungskosten einsparen. Allerdings: Wenn man sich dauerhaft verpflichtet, sollte der Qualitätsanspruch an die Organisation umso höher sein, meint Wilke. „Seriöse Organisationen erlauben jederzeit, wieder auszutreten. Unseriöse tun es nicht, da steht dann kleingedruckt, dass die Mitgliedschaft mindestens zwei Jahre beträgt.“ Das fehlende Widerrufsrecht sieht auch Juristin Rehberg kritisch. „Dann hat man das Problem, dass man in dem Vertrag festhängt. Auch hier gilt: Ich kann es mir in Ruhe durchlesen und eine Nacht drüber schlafen.“ Auch bei angeblichen Behindertenwaren, die an der Haustür an den Mann gebracht werden sollen, ist laut DZI Vorsicht geboten. Wer sich nach allen Überlegungen entschieden hat, wem er Geld spenden möchte, sollte das besser nicht nach dem Gießkannenprinzip tun, rät Spendenrats-Geschäftsführerin Geue. „Je mehr ich meine Spende stückle, umso höher sind die Verwaltungsaufwände. Jeder Euro hilft – aber bei einem Fünf-Euro-Betrag bleibt natürlich weniger Geld für den Spendenzweck übrig als bei einem größeren Betrag.“

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