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„Das Buch ist ein Individuum“

Jahrhundertealte Schätze – wie soll man sie erhalten?

In jeder ordentlichen Bibliothek gibt es einen geheimen Raum, verschlossen für die Laufkundschaft, zu öffnen nur mit dem Schlüssel der Eingeweihten. Auch die Kreisergänzungsbücherei im Ernestinum besitzt so einen Raum. In ihm befinden sich uralte Bücher. Aber wie erhält man solche sensiblen Schätze aus dem 16. bis zum 18. Jahrhundert?

veröffentlicht am 10.08.2017 um 13:55 Uhr

Lutherbibeln – einmal aus der Jetzt-Zeit und einmal aus dem Jahr 1596. Foto: Tol
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Berit Grallert ist so eine schlüsselgewaltige Leiterin. Sie öffnet den Raum im Ernestinum für einen forschenden Professor aus Bonn, für Dr. Georg Schwedt, der einst Schüler war im Ernestinum und nun die Bücher in den Regalen hinter der Tür gesichtet hat, uralte Exemplare aus dem 16. bis zum 18. Jahrhundert, sehr wertvoll zum Teil.

Die insgesamt etwa zweitausend Bände gehörten zur Bibliothek von Rintelns ehemaliger Universität, der Ernestina. Kaum vorstellbar, wie bescheiden sich die Anfänge der Büchersammlung ausnahmen. Fürst Ernst, der die Uni im Jahr 1621 gründete, hatte zwar großen Ehrgeiz in Bezug auf ihre wissenschaftliche Ausstattung, starb jedoch schon ein Jahr später, der Geldstrom versiegte und die Professoren mussten, so erzählt es Georg Schwedt, auf ihre eigenen Bücher zurückgreifen.

Den Grundstock für die eigentliche Bibliothek legte der damalige Rektor im Jahr 1644 mit einem Geschenk von 24 Bänden. Nach und nach aber sammelten sich doch um die 8000 Bücher an, die nach der Schließung der Ernestina, 1809, größtenteils an andere Universitätsbibliotheken verkauft oder verschenkt wurden.

Eine Darstellung der Arche Noah. Foto: tol
  • Eine Darstellung der Arche Noah. Foto: tol
Die Luther-Bibel auf Plattdeutsch: „Dat nye Testament“. Foto: tol
  • Die Luther-Bibel auf Plattdeutsch: „Dat nye Testament“. Foto: tol

Das heißt aber nicht, in Rinteln sei nur noch Uninteressantes zurückgeblieben. In einem kleinen Büchlein beschreibt Georg Schwedt bedeutsame Buchausgaben, die derzeit zu einer Ausstellung zum 200. Gründungstag des Gymnasiums zusammengestellt werden.

Da gibt es die reich illustrierten Untersuchungen des berühmten Naturforschers Karl von Linné; oder eine „Geschichte des Möllenbecker Kloster“ von 1784; man findet „Vermischte Beiträge zur Geschichte der Grafschaft Schaumburg“ (1754) und, neben anderen historischen, geisteswissenschaftlichen oder naturkundlichen Büchern, eine riesengroße, 420 Jahre alte Bibel – in plattdeutscher Sprache.

Es hat etwas Unwirkliches, dieses dicke, schwere Buch mit seinem Holz-Leder-Einband aufzuschlagen und dann zu lesen: „Dat nye Testament“.

Um für all die Bücher, die gedruckt werden wollten, Pergament zu benutzen, hätte man unendlich viele Ziegenherden halten müssen.

Daniela Hartung, Diplom-Restauratorin

Doch es war keinesfalls ein Scherz, die Lutherbibel ins Plattdeutsche zu übersetzen. In Deutschland wurden die unterschiedlichsten Dialekte gesprochen, und was Luther übersetzt hatte, konnte man über hundert Jahre lang im nördlichen Teil Deutschlands kaum verstehen. Die ersten Übersetzungen der Bibel ins Niederdeutsche entstanden bereits vor Luther, doch das Team um den Herausgeber Johann Bugenhagen, der ein enger Freund Luthers war, orientierte sich an der Herangehensweise des Reformators: Dem Volk aufs Maul zu schauen, von einer streng wörtlichen Übersetzung abzuweichen und solche Worte zu wählen, wie sie von den Leuten auch tatsächlich benutzt wurden.

Der Herausgeber der Bibelausgabe, die im Ernestinum aufbewahrt wird, David Wolder, hat diese frühere Übersetzung der Lutherbibel nochmals überarbeitet und lesefreundlicher gestaltet. Das mit vielen Drucken illustrierte Buch wurde offensichtlich oft und intensiv studiert – man sieht ihm sein hohes Alter durchaus an. Deshalb wird das kostbare Stück auch professionell restauriert werden, damit es bei der kommenden Ausstellung hoffentlich die Ernestinum-Schüler beeindrucken kann, als Teil einer historischen Bibliothek, die auch von den ersten Ernestinern genutzt wurde

420 Jahre alt ist diese Lutherbibel inzwischen. Kaum ein heute hergestelltes Buch würde so lange Zeit überstehen, ohne in seine Einzelteile zu zerfallen, erst recht nicht, wenn es so viele Leser gehabt hätte, wie es bei dieser plattdeutschen Bibel der Fall war. Diese eindrucksvolle Robustheit liegt unter anderem daran, dass das Papier, noch nicht aus Holzfasern, sondern aus Lumpen hergestellt wurde.

Um die Ecken des Einbandes zu schützen, sind sie oft, wie auch bei der Lutherbibel, mit Messingbesatz versehen

„Ja, aus Lumpen, aus alten Kleidungsstücken also“, bestätigt Daniela Hartung, Diplom-Restauratorin mit Schwerpunkt Buch und Papier, und in der Werkstatt des Landesarchivs in Bückeburg tätig.

„Lumpen bestanden aus besonders langen, beständigen Fasern, oft aus Hanffasern. Mit dem Aufkommen des Buchdrucks wurden sie so begehrt, dass Lumpensammler sogenannte ‚Lumpenkriege‘ untereinander ausfochten, um an den wertvollen Rohstoff zu kommen.“

Zuvor hatte man Buchseiten aus Pergament hergestellt, ein Vorläufer des Papiers, bestehend aus bearbeiteten Tierhäuten. „Um für all die Bücher, die gedruckt werden wollten, Pergament zu benutzen, hätte man unendlich viele Ziegenherden halten müssen“, sagt sie.

Etwas Schaden hat die besagte Lutherbibel im Laufe der Jahrhunderte allerdings doch genommen. Unter anderem betrifft das die erste Seite, die teils zerfranst, teils eingerissen ist und außerdem lose im Buchblock liegt.

„Mit Lumpen jedenfalls nicht“, so die Fachfrau. Man nimmt stattdessen „Japanpapier“, ein besonders hochwertiges Papier aus Maulbeerbaum-Fasern. Dieses Papier hat den zusätzlichen Vorteil, dass man es fast durchsichtig-dünn „schöpfen“ und so zum Beispiel eine abgerissene Ecke wieder anfügen kann.

Wo ein Riss durchs Blatt verläuft, setzt man hochreinen Tapetenkleister ein. „Man könnte auch den traditionellen Weizenstärke-Kleber nehmen – aber da gibt es gewisse Schädlinge, die von ihm als einer leckeren Speise angelockt würden.“

Bücher wie die Lutherbibel aus dem Jahr 1596 nahmen nicht nur durch intensive Nutzung Schaden – Bibeln wurden unter anderem zum Lesenlernen eingesetzt und gingen mit der Zeit durch tausend Hände – sie wurden allzu oft auch Opfer von Insekten wie Silberfischchen und Holzkäfern. Holzkäferlarven knabberten sich durch die bei schwereren Büchern üblichen hölzernen Einbände; Silberfischchen stürzten sich auf die Zellulose des Papiers. Auch Mäuse versuchten immer wieder, sich an die „alten Schwarten“ ranzumachen, denn über das Holz des Einbandes spannte man zum Schutz und Schmuck noch eine durchaus nahrhafte Lederschicht.

Den Ledereinband zu restaurieren ist eine andere Kunst für sich. „Manche Einbände sind so zerfallen, dass man sie mit neuem Leder unterlegt“ erklärt Daniela Hartung. „Das ist natürlich nicht irgendein Leder, sondern solches, das in einem sehr aufwendigen Verfahren vegetabil, also mit pflanzlichen Mitteln, gegerbt wird.“ Das Ersatzleder wird „ausgeschärft“, ebenso wie das Original, damit es saubere Überlappungen gibt.

Um die Ecken des Einbandes zu schützen, sind sie oft, wie auch bei der Lutherbibel, mit Messingbesatz versehen. Auch diese zu reparieren, hat die Restauratorin gelernt, ebenso wie die Metallschließen – „das ist schon Goldschmiedearbeit“ – die den Zweck hatten, den gesamten Buchblock zusammenzuhalten, falls einem das schwere Buch mal aus der Hand fiel.

Daniela Hartung selbst wird die niederdeutsche Lutherbibel aus der Kreisergänzungsbibliothek nicht restaurieren. In den Werkstätten des Landesarchivs Bückeburg geht es in erster Linie um alte Akten und Urkunden.

Berit Grallert, die Leiterin der Bibliothek, sucht noch nach einer geeigneten Buchbinderin, deren Aufgabe es sein wird, die beschädigte und herausgelöste erste Seite wieder in Ordnung zu bringen.

„Es geht nicht darum, die Bibel wieder ‚neu‘ zu machen“, so Hartung. „Man soll ihr ja das hohe Alter weiterhin ansehen und auch, dass sie so viele Leser fand.“ Das Buch ist ein Individuum, damals gab es noch keine Massenproduktion. Man kaufte den papierenen Buchblock und ließ ihn dann bei einem Buchbinder seiner Wahl einbinden, der eine so, der andere so.

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