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Warum der Mensch der Europäischen Sumpfschildkröte gegenüber in der Pflicht steht

Ihr natürlicher Fressfeind ist der Katholik

Nein, sagt Thomas Brandt und blickt sein fragendendes Gegenüber überrascht an, der Mensch braucht die Europäische Sumpfschildkröte nicht, natürlich nicht, man kann auch prima ohne sie leben. Und überhaupt, man kann auch ganz ohne andere Arten leben, denn der Mensch kann sich diese Welt durchaus nur mit Tauben und Ratten teilen, „das geht ja auch“, sagt der wissenschaftliche Leiter der Ökologischen Schutzstation am Steinhuder Meer.

veröffentlicht am 05.06.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 17.01.2017 um 16:04 Uhr

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Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Aber, so Brandt dann wieder ernsthaft, der Mensch ist der Europäischen Sumpfschildkröte gegenüber verpflichtet. Während ältere Literatur von einem Aussterben im 17./18. Jahrhundert ausging, weisen neuere Befunde darauf hin, dass sie mindestens bis ins letzte Jahrhundert bei uns vorkam. Aber es war das menschliche Wirken, das dazu führte, dass das Tier fast zwei Jahrhunderte als ausgestorben galt. Das hat zwei Gründe. Erstens: Die Europäische Sumpfschildkröte hatte in früheren Jahrhunderten einen natürlichen Fressfeind: Das war der Katholik.

Denn in der Fastenzeit konnte mit dem Tier ein bisschen geschummelt werden: Es wurde einfach als Fisch deklariert, dann konnte das Fastengebot umgangen werden. Die Folge: In den protestantischen Gegenden, also beispielsweise hier bei uns, wurden die Tiere massenhaft eingesammelt und in Katholiken-Hochburgen wie Bayern verschickt: Die Europäische Sumpfschildkröte war bares Geld wert. (Der Biber übrigens auch, denn er wurde wegen seines schuppigen Schwanzes ebenfalls zum Fisch erklärt- und war damit während der Fastenzeit für den Katholiken eine Nahrungsalternative.) War sie erst einfache Fastenspeise für jedermann, wurde sie später, nachdem sie seltener geworden war, als Delikatesse gehandelt und konnte nur noch von gut betuchten Personen erworben werden.

Zweitens: Der Mensch hat der Europäischen Sumpfschildkröte einfach die Lebensgrundlage entzogen. Zu dem Fang kam die Zerstörung der Lebensräume durch Flussbegradigung, Grundwasserabsenkung, Vernichtung von Gewässern und Zerstörung der Eiablageplätze im Zuge der landwirtschaftlichen Intensivierung. Früher hatte jedes Dorf seinen Feuerlöschteich, auf jeder Wiese gab es einen Tümpel, aus dem das Vieh saufen konnte, Flussbegradigungen waren noch in weiter Ferne: „In den letzten 100 Jahren sind 90 Prozent der Gewässer verschwunden“, sagt Fachmann Brandt. Ganze Landschaften wurden zersiedelt, Gewässer verfüllt, Lebensraum, der einmal voller Amphibien war, verschwand. Brandt sieht den Naturschutzbund im Besonderen und den Naturschutz im Allgemeinen daher auch in einer ethischen und moralischen Verpflichtung, heute den gefährdeten Tierarten zu helfen, denn der Mensch ist an ihrem heutigen Schicksal nicht ganz unschuldig, um es sehr wohlwollend zu formulieren. Manche, sagt Brandt, „manche Menschen haben heute fast vergessen, dass wir nicht allein auf dieser Welt leben.“

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  • Hier am Steinhuder Meer soll die Sumpfschildkröte wieder Fuß fassen, die Gewässer sind längst angelegt.

Das Projekt des Nabu Niedersachsen wird von der Bingo-Umweltstiftung aus Hannover unterstützt: Für die Wiederansiedlung der Europäischen Sumpfschildkröte in Niedersachsen gibt sie 196 000 Euro dazu. Über 200 Jahre lang galt die Europäische Sumpfschildkröte in vielen Regionen als ausgestorben. Jetzt soll das „lebende Fossil“ wieder in Niedersachsen heimisch werden. Das Projekt „Wiederansiedlung der Europäischen Sumpfschildkröte“ soll insgesamt 390 000 Euro kosten und die Förderperiode bis Ende März 2016 abgeschlossen sein. Die Europäische Sumpfschildkröte zählt zu den am stärksten gefährdeten Tierarten in Deutschland. Mit dem Projekt soll eine Ansiedlung von langfristig überlebensfähigen Populationen der Europäischen Sumpfschildkröte in den Projektgebieten am Steinhuder Meer erreicht werden.

Denn dort treffen sie auf Bedingungen, wie sie die Tiere einst vorfanden. In den Meerbruchwiesen haben die Naturschützer und Mitglieder der ÖSSM Altgewässer renaturiert, neue Gewässer angelegt, Bach- und Flussschlingen wieder geöffnet, abgeschnittene Flüsse wieder geöffnet – ideale Lebensbedingungen für die Europäische Sumpfschildkröte.

Es sind nicht nur für Naturalien erstaunlich hohe Zahlen, die Brandt nennen kann: Über 100 Gewässer wurden am Steinhuder Meer in den letzten Jahren angelegt, für Amphibien, für seltene Fischarten , die eigentlich keinen Menschen mehr interessieren, weil sie nicht schmecken und man sie daher nicht essen kann und sie so keinen geldwerten Vorteil bieten, oder für den Fischotter. Es sind übrigens Gewässer, die eine Größenordnung von bis zu 40 000 Quadratmetern aufweisen.

Und von dieser Arbeit profitieren auch die Sumpfschildkröten. Vor allem bei der Eiablage sind sie extrem wählerisch, was den richtigen Platz erklärt Brandt: „Die Eier werden nur bei ausreichender Wärme und Sonnenscheindauer ausgebrütet.“ Die Weibchen suchen zur Eiablage vollbesonnte Plätze mit schütterer Vegetation auf, die sich schnell erwärmen, und graben dort ihre Gelegehöhlen. Da in manchen Jahren die Sonnenscheindauer allerdings zu gering ist, wird es nicht in jedem Jahr Nachwuchs geben. Zudem können die bis zu 20 Jungtiere in der Gelegehöhle überwintern, wenn sie erst zu spät im Herbst schlüpfen, was von Wissenschaftlern auch als eine Anpassung an das nördliche Klima interpretiert wird.

Aber warm muss es vor allem sein, am besten von oben durch die Sonne und von unten durch den aufgewärmten Boden: „Dann schlüpfen sie.“ Und viel Platz benötigen sie ebenfalls: Brandt rechnet damit, dass in einem Gewässer mit ein paar Tausend Quadratmetern Fläche Platz ist für bis zu 30 Sumpfschildkröten.

Der Nabu Niedersachsen will mit seinen Projektpartnern in den kommenden zehn Jahren jährlich zehn bis 50 drei- bis vierjährige Jungtiere niedersachsenweit auswildern. Um die für das Projekt benötigten Tiere zu bekommen, werden Zucht- und Aufzuchtgruppen im Nabu-Artenschutzzentrum Leiferde und im Sea Life Center Hannover aufgebaut. Auf diese Weise werden natürliche, frei lebende Restvorkommen der Europäischen Sumpfschildkröte geschont. Das Projekt wird von Experten fachlich begleitet. Die ersten zehn Tiere, so Brandt, sollen schon in diesem Jahr ausgewildert werden, er rechnet mit insgesamt bis zu 400 Tieren, die aufgezogen und ausgesetzt werden, denn nicht jedes Jahr kommt der ganz Nachwuchs durch.

Manche Tiere werden Sender erhalten, sie werden, wie es der Fachmann sagt, telemetriert. Damit erhofft man sich Aufschlüsse: Wie nutzen die Tiere den Lebensraum? Wo gehen sie hin, wo nicht? Wie alt werden sie hier? Oder werden sie gleich wieder weggefressen? Und wo überwintern sie? „Wir wollen lernen“, sagt Brandt, „und wir wollen so auch die Möglichkeit schaffen, bei Bedarf nachzubessern.“

Es sind Daten und Erkenntnisse, die erstens gesammelt und zweitens geteilt werden. Und um Rat fragen kann man vielleicht auch, denn im Jahr 2008 hat der Nabu Rheinland-Pfalz mit dem Projekt „Wiederansiedlung der Europäischen Sumpfschildkröte im Bobenheim-Roxheimer Altrheingebiet“ begonnen. Dafür wurden jedes Jahr Sumpfschildkröten im Alter von rund vier Jahren an geeigneten Gewässern im Altrheingebiet von Bobenheim-Roxheim in die Freiheit entlassen.

Die Tiere mussten eine bestimmte Größe haben, damit sie nicht so leicht von Fischen und Vögeln gefressen werden konnten. Neben der Züchtung der Tiere stellt damit auch die Aufzucht bis zu diesem Alter eine besondere Belastung dar, Thomas Brandt selbst kann am Steinhuder Meer auch davon berichten, wie schwer die Aufzucht ist. Er hatte selbst mal das eine oder andere Tier für kurze Zeit mit nach Hause genommen und hochgepäppelt, „sie sind unfassbar süß“, sagt Brandt.

Und beim Datenaustausch können kurze Wege gegangen werden: Dr. Holger Buschmann, der heute Nabu-Vorsitzender in Niedersachsen ist, war vor vier Jahren als Naturschutzreferent des Nabu Rheinland-Pfalz an dem Projekt beteiligt und hatte schon damals eine Erkenntnis gewonnen: „Es ist wichtig, bei einem Wiederansiedlungsprojekt Tiere zu verwenden, die den ursprünglich vorhandenen genetisch möglichst ähnlich sind. So ist beispielsweise gewährleistet, dass die Tiere mit den klimatischen Bedingungen zurechtkommen, die im Verbreitungsgebiet eine besondere Rolle spielen.“

Denn immer wieder komme es vor, so Buschmann, dass Tiere südeuropäischer Herkunft ausgesetzt werden und bei Vermischung diese Anpassungen ans Klima verloren gehen könnten.

Das Naturschutz-Projekt „Wiederansiedelung der Europäischen Sumpfschildkröte“ verfügt über insgesamt 390 000 Euro.

Das ist sehr viel Geld. Brauchen wir diese Europäische Sumpfschildkröte überhaupt?

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