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Alltag in der Polizeileitstelle

„Ich habe da ein Problem …“

„Polizei, Notruf!“ – Frank Lederhuber nimmt einen Notruf aus Schaumburg entgegen. Der Schaumburger arbeitet als Einsatzleitbeamter in der Polizeileitstelle „Süntel“, die in Hameln ihren Sitz hat. Die SZ/LZ hat ihn bei seinem Alltag in der Leitstelle begleitet.

veröffentlicht am 02.02.2018 um 10:41 Uhr
aktualisiert am 02.02.2018 um 16:29 Uhr

In der Polizei-Leitstelle „Süntel“ in Hameln laufen Notrufe aus den Landkreisen Schaumburg, Hameln-Pyrmont, Nienburg, Hildesheim und Holzminden auf. Den Polizisten sitzen Disponenten der Feuerwehr- und Rettungsleitstellen gegenüber. Foto: leo
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Leonhard Behmann Volontär zur Autorenseite
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Frank Lederhuber trägt Headset, wenn er Einsätze koordiniert und blitzschnell Entscheidungen fällt, wenn er mit Bürgern am Telefon spricht und mit Kollegen über Funk Kontakt aufnimmt. Er ist Polizist mit Leib und Seele, lässt nach Verbrechern und Vermissten suchen, schickt Einheiten mit Blaulicht und Sirene los, wenn es wieder einmal irgendwo im Landkreis Schaumburg gekracht oder ein Einbrecher zugeschlagen hat. Der Schaumburger arbeitet als Einsatzleitbeamter in der Kooperativen Regionalleitstelle (KRL) „Süntel“ der Polizeidirektion Göttingen, die in Hameln ihren Sitz hat.

Ein Alarmton ertönt, ein rotes Feld blinkt. Auf einem der fünf Computerbildschirme wird ein Notruf angezeigt – er kommt aus dem Landkreis Schaumburg. Der Polizeioberkommissar (POK) drückt auf den Bildschirm. „Polizei, Notruf!“, sagt der 53-Jährige, ohne zu wissen, was ihn erwartet. Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine Frau. Ihre Stimme überschlägt sich. „Ich habe einen lauten Knall gehört. Von meinem Fenster aus kann ich einen Unfall sehen“, beschreibt die Ohrenzeugin Lederhuber die Situation. Der Einsatzleitbeamte arbeitet konzentriert und routiniert. Mit seiner Computer-Maus klickt er eine Schaltfläche auf dem mittleren Flachbild-Monitor an – er „macht ein Protokoll auf“, wie es in der Fachsprache heißt. Seine Finger fliegen über die Tasten. Frank Lederhuber fragt, wo genau sich der Unfall ereignet hat. Noch ist unklar, ob Personen verletzt sind. Der Oberkommissar wirft rasch einen Blick auf den rechten Bildschirm, auf dem die Rufnamen sämtlicher Polizeifahrzeuge im Landkreis Schaumburg – farblich unterlegt – aufgelistet sind. Kurz darauf alarmiert er den Streifenwagen „Wieland 30-20“. Sein Kollege Mario Rieger, der neben ihm in der Leitstelle sitzt, erreicht derweil der Anruf der Integrierten Regionalleitstelle Schaumburg/Nienburg. Die Rettungsleitstelle, weiß offenbar bereits Genaueres. In Lauenhagen auf der Lüdersfelder Straße soll ein Motorrad gegen ein Auto geprallt sein. Ein Rettungswagen und ein Notarztfahrzeug sind bereits auf dem Weg zu dem Unfallopfer. Frank Lederhuber bleibt ruhig. Er teilt der Besatzung von „Wieland 30-20“ die neuen Erkenntnisse mit.

POK Lederhuber ist einer von fünf Frauen und Männern, die an diesem Tag in der Polizei-Leitstelle „Süntel“ ihren Dienst verrichten. Hier laufen Notrufe aus den Landkreisen Schaumburg, Hameln-Pyrmont, Nienburg, Hildesheim und Holzminden auf. Damit ist die Leitstelle für eine Fläche von 4770 Quadratkilometern mit 774 000 Einwohnern zuständig.

„Polizei, Notruf!“: Frank Lederhuber nimmt in der Leitstelle einen Notruf aus Lauenhagen entgegen. Routiniert alarmiert der Oberkommissar wenig später einen Streifenwagen. Foto: leo
  • „Polizei, Notruf!“: Frank Lederhuber nimmt in der Leitstelle einen Notruf aus Lauenhagen entgegen. Routiniert alarmiert der Oberkommissar wenig später einen Streifenwagen. Foto: leo

In der 1000 Quadratmeter großen „Kooperativen Regionalleitstelle Weserbergland“ sitzen den Polizisten Disponenten der Feuerwehr- und Rettungsleitstellen gegenüber, die für Notrufe aus den Landkreisen Hameln-Pyrmont und Holzminden zuständig sind – auch das ist eine Besonderheit. Die KRL war – als sie im Jahr 2008 in Betrieb ging – bundesweit die erste sogenannte „bunte Leitstelle“. Bunt bedeutet in diesem Fall: Polizisten, Brandschützer und Retter arbeiten in einem Raum.

32 Vollzugsbeamtinnen und -beamte schieben in der Polizeileitstelle „Süntel“ an der Ruthenstraße in Hameln Dienst – rund um die Uhr. Im Schichtdienst. Sie nehmen Notrufe an und koordinieren Einsätze. Neun Angestellte sind für Funk- und Fahndungsabfragen verantwortlich.

Oberkommissar Frank Lederhuber sitzt seit 2009 in der Leitstelle am Funktisch. Die Karriere des erfahrenen Beamten begann bei der Bereitschaftspolizei als Kraftfahrer und stellvertretener Bereitschaftsführer. Nach dreieinhalb Jahren wechselte der Rodenberger zum Einsatz- und Streifendienst bei der Polizei in Stöcken. Bevor der 53-Jährige Einsatzleitbeamter in Hameln wurde, sammelte er Erfahrungen im Lagezentrum in Hannover und später im Streifendienst in Bad Nenndorf. Lederhuber hat während seiner Dienstzeit viel erlebt. Ein Einsatz ist ihm bis heute in Erinnerung geblieben. Er war im Rahmen seines Streifendienstes in Stöcken zur Leinemarsch bei Seelze gerufen worden. In der Leine war damals eine Leiche entdeckt worden. „Der Geruch und das Aussehen des Toten hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt“, sagt der Polizist. Lederhuber mag dennoch seinen Beruf. „Jeder Tag in der Leitstelle ist anders – ein Überraschungspaket halt. Kein Einsatz ist wie der andere“, sagt er und nimmt den Funkspruch eines Ermittlerteams der Polizei Stolzenau an. In der Nacht gab es in Rehburg-Loccum an der Straße „Am Wall“ einen Wohnungsbrand Dabei ist eine Person schwer verletzt worden. Die Tatort-Kommissare melden sich bei Lederhuber an. Sie werden vor Ort die Brandursachenermittlung durchführen.

Der Schichtdienst bei der Polizei sei kein Problem für ihn, sagt Frank Lederhuber. Der Dienst in der KRL habe noch einen großen Vorteil: „In der Leitstelle wird man nicht angepöbelt und beleidigt – so wie es im Polizeidienst auf der Straße mittlerweile alltäglich ist.“

Lederhuber funkt mit Streifenwagen „Wieland 30-20“, der auf dem Weg zu dem schweren Unfall in Lauenhagen ist. Das Fahrzeug aus Stadthagen kommt gerade von einem anderen Verkehrsunfall in Beckedorf. Vor der Backstube waren zwei Autos zusammengestoßen. Lederhubers Kollege POK Mario Rieger nimmt derweil den Notruf eines Hilfesuchenden an. Den Mann, der 110 gewählt hat, quält etwas Unangenehmes. Er hat Probleme mit seinem Stuhlgang. Jetzt will er allen Ernstes von dem Einsatzleitbeamten wissen: „Was soll ich machen?“ Die Freunde und Helfer nehmen’s mit Humor, wissen Rat. Ja, auch das gibt es, sagt Frank Lederhuber, zwinkert mit den Augen und lacht. Der Schaumburger erinnert sich an einen anderen bizarren Notruf. „Eine Frau hatte den Notruf gewählt und von uns verlangt, dass Polizisten in ihrer Wohnung eine Strahlenmessung durchführen. Sie hatte Angst, dass sie verstrahlt wird. Hauptkommissar Thomas Knaack, Leiter der Polizeileitstelle „Süntel“, ist sich sicher: „Die Zahl der Notrufe, die keine sind, hat massiv zugenommen.“ Gefühlt seien fast die Hälfte aller Notrufe, die in Hameln auflaufen, keine dringenden Notfälle. Knaack erklärt sich diese Zunahme damit, dass mit den Smartphones die Hemmschwelle gesunken sei, 110 zu wählen. Oft würden Bürger Auskünfte haben wollen. Knaack stellt klar: „Den Notruf wählt man, wenn man selbst oder ein anderer in Not ist.“ Die falschen Notrufe würden vor allem aus Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit abgesetzt, meint der Chef. „Um die Vollmondzeit herum häufen sich Anrufe, die keine Notrufe sind“, ergänzt Lederhuber.

In der Leitstelle glühen wieder mal die Drähte. Einsatzleitbeamte nehmen einen Telefonanruf nach dem anderen entgegen, funken mit Streifenwagen. Ununterbrochen klingelt, piept und blinkt es irgendwo. Im Jahr 2016 nahmen die Mitarbeiter der Leitstelle circa 106 000 Notrufe an. Im Durchschnitt geht in einer 24-Stunden-Schicht alle vier bis fünf Minuten ein Notruf ein – und das an 365 Tagen im Jahr. Rund 124 000 Einsätze mussten dabei im Jahr 2016 von den Männern und Frauen in der Polizeileitstelle koordiniert werden (die Einsatzzahlen für das Jahr 2017 liegen noch nicht vor). Dabei geht nicht jedem Einsatz ein Notruf in der Leitstelle „Süntel“ voraus, wie bei Meldungen, die direkt in einer Polizeiwache eingehen. Besonders in den Nächten am Wochenende „würde ein Einsatz den nächsten jagen“, berichtet Thomas Knaack. Typisch in diesen Nächten seien dann vor allem Schlägereien und Ruhestörungen. Es gilt: „Je tiefer es in die Nacht hineingeht, desto größer ist die Zahl der Einsätze, bei denen es um Alkohol geht“, erzählt Hauptkommissar Knaack.

Ein Disponent der Feuer- und Rettungsleitstelle in Stadthagen, die für Schaumburg zuständig ist, ruft bei Lederhuber an. Am Unfallort in Lauenhagen sind die Rettungskräfte eingetroffen. Der Kradfahrer sei mittelschwer verletzt, meldet der Mann. Wenig später treffen auch Polizeibeamte am Unfallort ein, um den Crash aufzunehmen. Frank Lederhuber und Mario Rieger sind an diesem Tag für Notrufe aus den Landkreisen Schaumburg und Nienburg zuständig. An den Schreibtischen hinter den beiden Polizeibeamten sitzen zwei Einsatzleitbeamtinnen, die die Notrufe aus dem Landkreis Hildesheim annehmen. Gerade kam die Meldung rein, dass eine britische Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg bei Bauarbeiten in der Hildesheimer Innenstadt gefunden wurde. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst ist schon auf dem Weg. In einem Radius von einem Kilometer um den Fundort müssen Gebäude evakuiert werden. Problem: In dem Evakuierungsradius liegen auch ein Krankenhaus, Pflegeheime und ein Gefängnis, die teilweise oder komplett evakuiert werden müssen. „Das wird eine lange Nacht“, sagt Knaack nachdenklich. Es ist einer von vielen Einsätzen, die die Frauen und Männer der Leitstelle „Süntel“ beschäftigen.

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