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Es waren starke Frauen, die dafür sorgten, dass die Frauen vom Lande sich zu den „Landfrauen“ zusammenschlossen

Frühe Feministinnen auf dem Land?

Aus der Politik halten wir uns raus“ – dieses Statement hört man oft von den „Landfrauen“. Auch Anne-Marie Strüve betont das. Zwölf Jahre lang war sie die Vorsitzende des Landfrauen-Ortsvereins Rinteln–Hessisch Oldendorf. „Der Landfrauenverband ist überparteilich organisiert“, sagt sie. „Wir bleiben politisch neutral.“ In Wirklichkeit aber sind die Landfrauen schon immer Kämpferinnen gewesen, und zwar auf hochpolitische Weise. Man könnte sie als frühe Feministinnen bezeichnen.

veröffentlicht am 23.10.2017 um 17:03 Uhr
aktualisiert am 23.10.2017 um 18:40 Uhr

Damals wie heute wollen sich die „Landfrauen“ für die Rechte von Frauen im ländlichen Raum einsetzen. Foto: cok
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Aus der Politik halten wir uns raus“ – dieses Statement hört man oft von den „Landfrauen“. Auch Anne-Marie Strüve betont das. Zwölf Jahre lang war sie die Vorsitzende des Landfrauen-Ortsvereins Rinteln-Hessisch Oldendorf. „Der Landfrauenverband ist überparteilich organisiert“, sagt sie. „Wir bleiben politisch neutral.“ In Wirklichkeit aber sind die Landfrauen schon immer Kämpferinnen gewesen – und zwar auf hochpolitische Weise. Man könnte sie als frühe Feministinnen bezeichnen. Von Beginn an ging es ihnen um die Rechte von Frauen im ländlichen Raum, um Teilhabe, Weiterbildung, Anerkennung.

Der Landfrauen-Ortsverein Rinteln-Hessisch Oldendorf wurde vor siebzig Jahren gegründet, zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, wie so viele der insgesamt mehr als 12 000 Ortsvereine in Deutschland. Doch bereits vorher gab es Vereine, in denen sich die Frauen aus der Landwirtschaft zusammenschlossen. Den ersten „Landwirtschaftlichen Hausfrauenverein“ gründete die ostpreußische Gutsfrau Elisabeth Boehm. Das war im Jahr 1898, und anders als es der harmlos klingende Name „Hausfrauenverein“ vermuten lässt, ging es dabei darum, eine handfeste Einflussnahme von Frauen aus der Landwirtschaft zu organisieren, in einer Zeit, als Frauen noch nicht mal das Wahlrecht besaßen.

Ohne die Bäuerinnen auf den großen und kleinen Höfen Deutschlands wäre eine funktionierende Landwirtschaft unmöglich gewesen. Sie führten nicht nur große Haushalte, sondern waren wichtige Mitarbeiterinnen, oft auch Entscheidungsträgerinnen in den Betrieben. Zugleich hatten sie offiziell nichts mitzureden, und es existierte auch keinerlei Ausbildung für sie als Landwirtinnen. Als sich im Jahr 1893 der „Bund der Landwirte“ gründete, mit dem Ziel, in Zeiten der Industrialisierung und beginnenden Globalisierung Auswege aus der Krise des Agrarsektors zu finden, waren die Frauen von einer Mitgliedschaft ausgeschlossen. Das wollte Elisabeth Boehm nicht länger hinnehmen.

Ausflug der Landfrauen Rinteln–Hessisch Oldendorf 1975. Foto: Archiv
  • Ausflug der Landfrauen Rinteln–Hessisch Oldendorf 1975. Foto: Archiv

Ihr „Landwirtschaftlicher Hausfrauenverein“ stellte eine damals revolutionäre Forderung auf: Die Anerkennung aller hauswirtschaftlichen Arbeit als Berufsarbeit. Nicht nur eine geregelte Ausbildung gehörte zu den weiteren Forderungen, sondern vor allem die Schaffung von Verdienstmöglichkeiten für die Frauen, mit denen sie eigenes Geld erwirtschaften und damit vom „Wirtschaftsgeld“ ihrer Männer unabhängig werden konnten. Dafür musste die Landfrauenorganisation an die Landwirtschaftskammer angeschlossen werden – ein zunächst fast undenkbarer Schritt.

Doch in den folgenden beiden Jahrzehnten entstanden von Ostpreußen aus immer mehr der Frauenvereine, die sich schließlich 1916 zum „Reichsverband landwirtschaftlicher Hausfrauenvereine“ zusammenschlossen. Die Bedeutsamkeit so einer Organisation lässt sich anhand einer nur auf den ersten Blick eher nebensächlichen Angelegenheit verdeutlichen: der Geflügelhaltung auf den Höfen.

Die Hühnerhaltung galt damals noch als Liebhaberei der Hausfrau. Wirtschaftlich konnte sie kaum sein, da den Bäuerinnen die Kenntnisse über eine optimierte Anlage von Hühnerställen und geeignete Füttermethoden fehlten. Zudem gab es kaum Absatzmöglichkeiten für Eier und Fleisch. Beides musste zu zwangsläufig niedrigen Preisen an mobile Händler verkauft werden, die dabei den eigentlichen Profit einstrichen. Wie aber dafür sorgen, dass die Bäuerinnen sich weiterbilden konnten? Sie müssten dafür eine Stimme in der Landwirtschaftskammer haben. Das aber widersprach den Kammergesetzen.

Es kostete lange Verhandlungen, ehe die Frauen tatsächlich drei Mitglieder in den Ausschuss für Geflügelzucht entsenden durften. Damit war ein großer Schritt getan. Am Ende entstanden zahlreiche Lehranstalten für Landfrauen, Schulen, an denen eine offizielle Ausbildung abgeschlossen werden konnte.

Als die Landwirtschaftlichen Hausfrauenvereine im Jahr 1934 durch die Nazis aufgelöst und in den „Reichsnährstand“ überführt wurden, sollten die neuen weiblichen Errungenschaften zunächst revidiert werden. Das aber erwies sich als wenig zweckdienlich, zumal es überwiegend Frauen waren, die in der Landwirtschaft arbeiteten, erst recht, als der Krieg begann. Die große Arbeitsbelastung der Frauen setzte sich nach dem Krieg fort. Wieder war es eine Gutsfrau, Marie-Luise Gräfin Leutrum zu Ertingen, die die Initiative ergriff, um eine Interessenvertretung der Landfrauen zu organisieren. Sie war die erste Frau, die ein landwirtschaftliches Studium abschloss, und sie auch rief 1948 den Deutschen Landfrauenverband ins Leben.

Zu diesem Verband mit seinen inzwischen bundesweit 550 000 Mitgliedsfrauen gehört auch der Ortsverein Rinteln-Hessisch Oldendorf mit 340 Landfrauen aus 41 Ortsteilen. Zusammen mit weiteren neun Ortsvereinen bilden sie die größte Frauenorganisation im Landkreis, dabei eingebunden in den Niedersächsischen Landfrauenverband mit insgesamt 70 000 Landfrauen.

Nur etwa ein Drittel von ihnen arbeitet in der Landwirtschaft. Gemeinsam ist den Frauen, die aus den verschiedensten Berufszweigen kommen, dass sie allesamt daran interessiert sind, die Menschen und speziell die Frauen, die auf dem Land leben, zu stärken und ihre Zukunftsmöglichkeiten zu erweitern.

Dazu gehört auf der einen Seite ein breites Angebot von Veranstaltungen, die die Gemeinschaft vor Ort lebendig erhält, also Ausflüge, Vorträge zu Themen, die sich auch mal um Herz und Seele drehen können, und gemeinsame Aktionen rund um Garten und Hauswirtschaft. So gesehen sind die Ortsvereine auch wichtige Kulturvereine, die auf dem Land dafür sorgen, dass etwas anderes als die unmittelbare Arbeit in den Blick gerät.

Auf der anderen Seite haben sie Anteil an dem, was den Deutschen Landfrauenverband insgesamt antreibt und wofür sie sich einsetzen: neue Erwerbsfelder für Frauen im ländlichen Raum zu schaffen; Mädchen mehr in handwerkliche Berufe einzubeziehen; die Zahl der weiblichen Betriebsnachfolger zu erhöhen; sich für die Frauenquote starkzumachen und für eine bessere Altersabsicherung von Frauen. Auch der Ärztemangel auf dem Land, der Breitbandausbau oder der Einsatz für Flüchtlingsfamilien gehören zum Themenspektrum des Deutschen Landfrauenverbandes.

Anne-Marie Strüve, die langjährige Vorsitzende, ist wirklich Landwirtin. Seit 600 Jahren gehört ihrer Familie der Hof Strüvensiek bei Rinteln. Nur zu gut kennt sie die typische Doppelbelastung, hier die Aufgaben der Familienmutter, die auch die Verantwortung für die alte Generation übernimmt, und da die landwirtschaftlichen Arbeiten, die getan werden müssen, komme, was wolle. Bereits ihre Mutter war Mitglied im Landfrauenverein. „Meine Großmutter allerdings, die hatte damit nichts zu tun“, sagt sie. Dafür gibt es Gründe.

Im Weserbergland existierten keine „Landwirtschaftlichen Hausfrauenvereine“, die Vorläufer der heutigen Landfrauen. „Die Frauen hier waren eher einfach und ungebildet“, meint Anne-Marie Strüve. „Sie machten ihre Arbeit, schmissen den Haushalt, und zu mehr kamen sie gar nicht.“ Diejenigen Frauen, die eine der „Landfrauenschulen“ besuchten, hätten eher aus den höheren Kreisen gestammt, nicht aus der einfachen Bauernschaft.

Die Gründerinnen des Ortsvereins Rinteln-Hessisch Oldendorf waren auch deshalb beseelt von der Aufgabe, die Aus- und Weiterbildung ländlicher Hauswirtschaft zu fördern, kulturelle Angebote zu machen und sich zum Beispiel gegenseitig dabei zu unterstützen, gut funktionierende Hofläden aufzubauen. „Wir sind unpolitisch, doch“, sagt Anne-Marie Strüve erneut. „Wir wollen ja schließlich alle Frauen unter einen Hut bekommen.“ Auch „feministisch“ seien die Landfrauen nicht, meint sie. Und fügt dann hinzu: „Hm, na ja, vielleicht ist man automatisch feministisch als Landfrau?“

Heidrun Kuhlmann, die ebenfalls langjährig im Vorstand des Vereins tätig war, bezeichnet zumindest die Gründerin des Deutschen Landfrauenverbandes, Marie-Luise Gräfin Leutrum zu Ertingen, klar als Feministin. Deren Grundforderungen in der Nachkriegszeit: Nicht nur die ungerechten Ungleichheiten zwischen Stadt und Land abzuschaffen, sondern eben auch diejenigen zwischen Mann und Frau. „Die Gräfin war eine kluge und starke Frau“, so Kuhlmann. „Sie wollte die Frauen stark machen, so wie wir heute weiterhin auch.“

Gräfin Leutrum zu Ertingen war eine kluge und starke Frau. Sie wollte die Frauen stark machen, so wie wir heute weiterhin auch.

Heidrun Kuhlmann

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