weather-image
Air-Berlin-Pleite gilt als Ursache / Erst 2018 sollen Tarife wieder sinken

Flugpreise steigen in den Himmel

Vor allem auf innerdeutschen Flügen sind nach der Insolvenz von Air Berlin die Ticketpreise gestiegen. Mehr Konkurrenz und damit auch wieder sinkende Tarife sind wohl erst 2018 wieder zu erwarten.

veröffentlicht am 18.11.2017 um 14:45 Uhr
aktualisiert am 18.11.2017 um 15:50 Uhr

Ein Flugzeug startet vom Flughafen in Frankfurt am Main in den Sonnenuntergang: Die Ticketpreise für Geschäftsflüge sind nach der Air-Berlin-Pleite ähnlich steil um bis zu 50 Prozent gestiegen. Foto: dpa

Autor:

Christian Ebner

Nach der Air-Berlin-Pleite klagt die deutsche Wirtschaft über drastisch gestiegene Kosten für Geschäftsreisen. Flugtickets seien nach den Beobachtungen der Unternehmen in der Spitze um bis zu 50 Prozent teurer geworden, berichtete der Verband Deutsches Reisemanagement (VDR) am Dienstag in Frankfurt.

Der von Airline-Großkunden getragene VDR stützt damit Berechnungen des Internet-Portals „Mydealz“, über die das „Handelsblatt“ berichtet hatte. Demnach sind nach der Aufgabe des Linienverkehrs der Air Berlin auf Kurzstrecken die Preise zwischen 26 Prozent an Werktagen und knapp 39 Prozent an Wochenenden gestiegen – was natürlich auch Privatkunden trifft.

Experten hatten den Anstieg erwartet, weil nun auf vielen Strecken insbesondere aus Berlin und Düsseldorf ein wichtiger Wettbewerber fehlt. Vor allem auf den innerdeutschen Verbindungen ist die Lufthansa derzeit weitgehend allein unterwegs und kann die Nachfrage trotz des vereinzelten Einsatzes von Großraumflugzeugen wie der Boeing 747 kaum abdecken. Auf der Mittelstrecke sieht es etwas besser aus, weil hier auch Billigflieger und die jeweiligen nationalen Fluggesellschaften der Zielländer im Rennen sind.

Die höheren Preise im Lufthansa-Konzern seien allein durch die gestiegene Nachfrage entstanden, die ihrerseits auf das verkleinerte Angebot zurückzuführen sei, so das Unternehmen. „Wir haben unsere Preisstruktur nicht verändert“, betont eine Sprecherin.

Aber: Die Jets sind derzeit viel schneller ausgebucht, das nahezu vollautomatische Buchungssystem reizt die insgesamt 26 Preisklassen zügig aus und bittet die Kunden entsprechend zur Kasse. Schon im Oktober, als viele Passagiere bereits die dann am 27. Oktober abgewickelte Air Berlin gemieden haben, kletterte die Auslastung im Lufthansa-Konzern auf Rekordwerte.

Es leiden insbesondere die Unternehmen, die auf Flugverbindungen von dezentralen Airports abseits der großen Hubs angewiesen sind.

Christoph Carnier, VDR-Präsidiumsmitglied

Die Preisbildung funktioniert wie bei allen Airlines: Ist der Flugtermin noch weit entfernt und sind erst wenige Plätze verkauft, werden Tickets günstig angeboten. Die letzten Plätze kurz vor Abflug werden hingegen nur noch zu Höchstpreisen abgegeben.

Immer häufiger zeigen die Systeme der Lufthansa und ihrer Tochter Eurowings speziell für Inlandsflüge zu günstigen Tageszeiten nur noch den Status „ausverkauft“ an. „Es leiden insbesondere die Unternehmen, die auf Flugverbindungen von dezentralen Airports abseits der großen Hubs angewiesen sind. Deren Situation hat sich in Bezug auf Ticket-Verfügbarkeit, Frequenz und Preis dramatisch verschlechtert“, klagt VDR-Präsidiumsmitglied Christoph Carnier.

Seit gut zwei Wochen sind deutlich weniger Flieger am Himmel als vor der Air-Berlin-Pleite. Rund 80 der 140 rot-weißen Flugzeuge stehen am Boden, laut Lufthansa-Chef Carsten Spohr fehlen jeden Tag rund 60 000 Sitzplätze. Weitere Abhilfe sei erst nach einer positiven Kartell-Entscheidung der EU-Kommission zu erwarten.

1000 zusätzliche Flüge pro Monat soll dann allein die Tochter Eurowings anbieten, sofern sie denn bis dahin ausreichend Crews angeworben hat. Mit einer Entscheidung aus Brüssel noch in diesem Jahr wird es allerdings nur etwas, wenn die Kommission auf eine vertiefte Prüfung des Air-Berlin-Deals verzichtet.

Auch kleine Anbieter wie Germania, Condor, Sundair oder die griechische Aegean stocken ihre Flotten auf. Der zweite Air-Berlin-Käufer Easyjet will nach der Brüsseler Entscheidung nach und nach die erworbenen Kapazitäten in den Markt bringen.

Wegen der komplexen Formalien bei der Übernahme der Flugzeuge und des Personals wollen sich die Briten dabei bis September 2018 Zeit nehmen. Mit der Gewerkschaft Verdi verabredeten sie dazu sogar Übergangsgelder für das Personal der Air Berlin, das noch länger auf seinen Einsatz unter neuer Flagge warten muss.

Auf welchen Strecken und zu welchen Terminen die Londoner die bis zu 25 Jets einsetzen wollen, haben sie bislang nicht mitgeteilt. Erwartet wird aber schon aus kartellrechtlichen Gründen ein Angebot auf den aktuell so überbuchten innerdeutschen Rennstrecken wie Frankfurt – Berlin, Berlin – München oder Düsseldorf – München.

Ausgerechnet auf diesen Verbindungen hat nun auch die Lufthansa-Tochter Eurowings neue Angebote ab 2018 angekündigt. Das kann Spielmaterial für die Kartellprüfung sein oder tatsächlich die Hoffnung auf wieder sinkende Ticketpreise schüren.

VDR-Mann Carnier wünscht sich daher eine schnelle Entscheidung: „Die Europäische Kommission und die zuständigen Kartellbehörden sollten den Antrag der Lufthansa auf Teilübernahme der Air Berlin im Sinne des Wettbewerbs Strecke für Strecke sehr genau prüfen – ohne jedoch das Verfahren unnötig in die Länge zu ziehen.“

Information

Eurowings will in Hannover 675 Arbeitsplätze schaffen

Eurowings auf Expansionskurs in Hannover: Die Fluggesellschaft will im kommenden Jahr vier neue Ziele ansteuern. Die Lufthansa-Tochter will Tuifly als führende Gesellschaft in Langenhagen ablösen – und 675 neue Arbeitsplätze schaffen. Davon wird nach Angaben von Geschäftsführer Oliver Wagner auch der Flughafen Hannover in Langenhagen profitieren. Dort soll die Lufthansa-Tochter um 30 Prozent wachsen; sie würde damit die Tuifly als bisherige Nummer eins am Standort ablösen. Dadurch sollen 675 neue Arbeitsplätze entstehen – etwa bei den Cockpit-Besatzungen, beim Bodenpersonal, beim Service und bei technischen Diensten.

Die Lufthansa hatte bekanntlich im Oktober den größten Teil der insolventen Air Berlin übernommen und 40 Flugzeuge an ihren Ableger Eurowings weitergereicht. Darunter sind sieben Maschinen, die Air Berlin von Tuifly geleast hatte. Zwei dieser Flugzeuge will Eurowings in Hannover stationieren.

„Wir sind derzeit die am schnellsten wachsende Fluggesellschaft in Europa“, betonte Wagner am Freitag in Langenhagen. Im kommenden Jahr werde die Eurowings-Flotte 200 Flugzeuge umfassen. Geplant sind 50 neue Verbindungen – darunter auch Langstreckenflüge aus München, Düsseldorf und Köln mit Zielen etwa in der Karibik sowie in Nord- und Mittelamerika. Die Mitarbeiterzahl will Eurowings um 3000 auf dann rund 10 000 aufstocken.

Die Ausbaupläne für Hannover beinhalten für den Sommerflugplan vier neue Ziele – die griechischen Inseln Korfu, Kos und Rhodos sowie Monastir in Tunesien. Auf bestehenden Verbindungen nach London-Stansted, Palma de Mallorca, Stuttgart und Wien will Eurowings zusätzliche Flüge anbieten.

Die erwartete Passagierzahl liegt laut Wagner hier bei etwa 900 000. Zum Vergleich: Air Berlin hatte in Hannover zu ihren besten Zeiten die Millionenmarke geknackt. Der Eurowings-Manager betonte, dass die Expansion in Hannover auch dadurch begründet sei, dass der Flughafen in Langenhagen einen 24-Stunden-Betrieb ermögliche.

Sämtliche Pläne stehen allerdings noch unter dem Vorbehalt, dass sich die Kartellbehörden mit den Entwicklungen im Flugverkehrsmarkt nach der Air-Berlin-Pleite befassen. Ein Bescheid der Wettbewerbshüter soll noch vor Weihnachten dieses Jahres ergehen. „Wir rechnen mit grundsätzlicher Zustimmung, aber unter Auflagen“, sagte Wagner.

Für den Flughafen Hannover runden die Vorhaben von Eurowings ein insgesamt erfreuliches Jahr ab. Ende des Jahres werden dort voraussichtlich etwa 5,8 Millionen Passagiere abgefertigt worden sein und damit 400 000 mehr als noch 2016.

„Wir hatten im Ferienflugverkehr im Sommer Zuwächse von bis zu 10 Prozent“, sagte Geschäftsführer Raoul Hille. Für 2018 hält es Hille für möglich, dass die Passagierzahl noch einmal in Richtung sechs Millionen steigt.

Es wird mittlerweile offen darüber spekuliert, ob durch das Ausscheiden von Air Berlin der Wettbewerbsdruck am Markt sinkt und in der Folge die Ticketpreise steigen. Dies erwarten weder Hille noch Wagner. „Wir wären schon froh, wenn die Tarife stabil bleiben“, erklärt der Eurowings-Geschäftsführer.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare