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Baseball ist ein außergewöhnlicher Sport – und kam vor vielen Jahren auch ins Weserbergland

„Es kommt cool rüber“

Konzentration und voller Einsatz sind in der Mannschaftssportart gefragt, bei der geworfen, geschlagen, gerannt und gefangen wird – und genau diese Vielfalt erzeugt Spannung, begeistert das Publikum. Aber Hand aufs Herz: Könnten Sie Ihrem Kind erklären, wie Baseball funktioniert, was Pitcher, Inning, Strike oder ein Home Run sind? „Na ja, das ist ein typisch amerikanisches Spiel, wir haben unseren Fußball und die eben ihren Baseball“, mögen manche denken. Aber auch hier vor unserer Haustür wird Baseball gespielt – und das gar nicht schlecht: Immerhin stehen die „Fischbeck Sharks“ an der Tabellenspitze der Baseball-Landesliga. Stark aufspielend besiegten sie am vorigen Samstag die „Bremen Dockers“ auf heimischem Platz mit 15:5.

veröffentlicht am 03.06.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

von anette hensel

Das Interesse an jener Sportart erwachte im Rahmen einer von Lehrer Johannes van de Pol in den 1980er Jahren an der Haupt- und Realschule Hessisch Oldendorf angebotenen Baseball-AG. Vier der Schüler nahmen 1988 sogar an der Schülerweltmeisterschaft in Japan teil. 1989 wurden die „Fischbeck Sharks“ als neue Sparte des TSC Fischbeck gegründet, damals in Hessisch Oldendorf stationierte Amerikaner betreuten die Baseballgruppe. Trainiert wurde auf dem Sportplatz in Fischbeck, Spiele fanden auf der Airstation in Hessisch Oldendorf statt. Größte Erfolge in der von Höhen und Tiefen durchsetzten Vereinsgeschichte waren der Gewinn der Meisterschaft in der Landesliga Süd 1993 sowie der Vizemeisterschaft in der Verbandsliga Niedersachsen/Bremen im Jahr 2000.

Auch der Aufbau der Jugendarbeit glückte: Seit 2003 gibt es neben der Jugend- eine Junioren- und eine Schülermannschaft, die auf Anhieb Niedersachsenmeister wurde. Aktuell steht die Jugendmannschaft als Spielgemeinschaft mit Hänigsen im Finale um die Niedersachsenmeisterschaft der U 18. Außerdem hat sie sich für die Deutsche Meisterschaft in Mainz qualifiziert.

„Wir haben ein Juniorenteam, aber der Unterbau fehlt, wir suchen vor allem Spieler ab acht Jahren“, sagt Christian Koch, Trainer der Herrenmannschaft und ergänzt: „Viele treten im Kindesalter Fußball- oder Handballvereinen bei, zu uns kommen eher Jugendliche, die Mannschaftssport treiben und bei Spielen auch aufgestellt werden möchten – Baseball ist eben nicht so bekannt.“ Die Baseball-AG in den 80er Jahren sei die beste Werbung gewesen, um junge Menschen für den Sport zu begeistern, betont Koch und fügt hinzu: „So etwas müsste mal wieder angeschoben werden, aber dafür brauchen wir natürlich Leute.“

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Jeden Dienstag und Freitag erscheint die Herrenmannschaft im Alter von 15 bis 49 Jahren um 18 Uhr in „Sharks“-Shirts und Baseballhosen auf dem Spielfeld unterhalb des TSC-Fischbeck-Stadions zum Training. Begonnen wird mit Dehn- und Wurfübungen: Paarweise werfen sich die Spieler die Bälle, die etwas größer sind als Tennisbälle, zu. Im ersten Moment sieht es einfach aus, als der Fänger (Catcher) mit seinem großen ledernen Handschuh den Ball aus der Luft aufgreift. Die Lust wächst, das selbst einmal auszuprobieren, bis auffällt: Die Bälle werden zwar mit der rechten Hand geworfen, aber mit der linken aufgefangen. Handschuh hin, Handschuh her, rein von der Koordination ist das wohl doch kein Kinderspiel – noch dazu, wenn so eine harte Granate wie der Baseball angeschossen kommt. „Das übt sich“, sagt Trainer Koch, gesteht aber, dass sich Ältere beim Einstieg schwerer tun als Jüngere. Ganz ungefährlich ist der Sport nicht: Koch hat 2008 während eines Trainings einen Baseball ans Auge bekommen, musste mehrfach operiert werden.

Die Wurfübungen dehnen sich aus, immer höher und weiter fliegen die Bälle über zwei Drittel des 90 Meter langen Spielfeldes, sodass die Spieler ihnen zuweilen ganz schön hinterherrennen müssen. „Man muss den Ball offensiv schlagen, mit seinem Wurf zum Ziel bringen, den Gegner austricksen – beim Baseball gibt es einfach so viele Facetten, die dem Spiel viel Spannung verleihen“, erläutert der Trainer. Er lässt gezielte Fangübungen in der Hocke folgen – allein beim Zusehen stöhnt die Oberschenkelmuskulatur. Danach sind wieder Wurfübungen an der Reihe, diesmal mit einer eingeübten Routine und der Erkenntnis: Zuschauen beim Baseball macht auch Spaß!

Steffen, der seine Arme mit einem Aluminiumschläger in der Hand bereits gelockert und warm geschwungen hat, beginnt Bälle ins Feld zu schlagen. Er entscheidet, in welche Richtung sie zielen. Voll konzentriert, immer bereit, loszulegen, verfolgen seine Mannschaftskameraden den Lauf des Balls. „Pling“ tönt es, der Schlag geht quer übers Feld, „pling“, der nächste geht daneben. Es gibt vertrauenerweckendere Geräusche, aber Steffen scheint den Klang zu mögen, und als er sich eingegroovt hat, kommt ganz schön viel Dynamik auf den Platz: Um jeden Ball wird gerannt und gehechtet, mit der linken Hand gefangen und sofort mit der rechten weitergeworfen. „Bleibt geschlossen, geht nach vorne, versucht durchzuwerfen, sonst macht der Ball eine Kurve zur Seite“, ermahnt Christian Koch, der selbst auch mitspielt.

Wenn alle Bälle, 56 sind es, geschlagen sind, entsteht durch das Aufsammeln und Suchen eine Pause. Es riecht nach frisch gemähtem Rasen, Vogelgezwitscher prägt die lauschige Abendstimmung in freier Natur. Darunter mischen sich Geräusche von der Umgehungsstraße und der benachbarten Tennisanlage sowie gelegentlicher Torjubel aus dem TSC-Stadion, zweimal pro Stunde fährt die Nordwestbahn am angrenzenden Damm vorüber. „Wir haben eine Baugenehmigung für einen neuen Zaun, parallel zum Bahndamm bauen wir 25 Meter in drei Meter Höhe und 25 Meter in zwei Meter Höhe, dann dürfen wir auch mit Home Run spielen – und der Zaun hilft uns Bälle sparen“, sagt Koch.

Das Training geht erst weiter, wenn das Ballmaterial komplett ist. „Drei Bälle sind immerhin eine Kiste Bier“, erklärt Steffen, der seit zwölf Jahren bei den „Sharks“ Mitglied ist. Was ihn so begeistert: „Selbst wenn ein Spiel über drei Stunden dauert, kann man mit einer Aktion zum Helden des Tages werden.“ Christian Koch ergänzt: „Trotz gewisser Defizite kann man in einer Baseball-Mannschaft ein richtig Guter sein: Der eine ist richtig schnell, der andere schlägt supergut – am besten ist natürlich eine Kombination von allem.“

Am Ende wird ein Spiel ausgetragen, Kevin zieht sich als erster Batter (Schläger) einen Helm auf, greift zum Holzschläger, der beim fünften Schlag mit einem denkwürdigen „Peng“ aufplatzt. Da gibt es nichts mehr zu reparieren … Freddy ist der Nächste: Mit dem Aluminiumschläger holt er aus, der Ball geht in enorme Höhe und kommt hinter der Box wieder auf. „So einen möchte ich lieber nicht abbekommen, der könnte für mehr als eine Beule sorgen“, denkt sich die Dame, die gebannt, aber auch mit zunehmendem Respekt das Treiben auf dem Platz mit Block und Bleistift verfolgt.

Mit „Out!“, „Strike!“ oder „Das wäre ein Home Run gewesen!“ kommentiert Christian Koch das Spielgeschehen – die Heimat der Sportart, der weltweit etwa 210 Millionen Aktive nachgehen, ist unüberhörbar. Als der Trainer den Schläger übernimmt, rennt Freddy wie ein Wiesel hinter jedem Ball her, um ihn zu fangen. Das ist sein Sport, das sieht man ihm an. Der 17-jährige erzählt: „Viele Gleichaltrige reagieren erst mal verwundert, wenn sie hören, dass ich Baseball spiele, aber es kommt cool rüber – auch bei den Mädchen.“

Unzählige fiebern auch in Deutschland seit Jahrzehnten bei Baseballspielen mit. Und das nicht nur wegen der Leinwandhelden wie in „Der Große Wurf“ (1942), „Die Indianer von Cleveland“ (1989) oder „Die Kunst zu gewinnen – Moneyball“ (2012).

Zwei Urgesteine in der Baseballmannschaft: Christian und Helmut zeigen beim Training, dass mit der richtigen Technik auch die schwierigsten Bälle gefangen werden können.

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