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Erben in der Patchworkfamilie: Was ist zu beachten?

Vater, Mutter, Kinder – solche einfachen Familienkonstellationen sind heute nicht unbedingt mehr die Regel. Patchworkfamilien werden häufiger. Was viele nicht bedenken: Vererben ist in einer solchen Konstellation kompliziert. Es gibt aber eine Lösung.

veröffentlicht am 03.08.2017 um 18:26 Uhr

Foto: Frank Leonhardt/dpa/dpa-tmn

Autor:

Falk Zielke

Die gute Nachricht vorweg: Die Zahl der Ehescheidungen in Deutschland geht zurück. Das zeigen jüngste Auswertungen des Statistischen Bundesamtes für 2016. So registrierten die Statistiker 162 397 Scheidungen und damit 0,6 Prozent weniger als 2015. Im Schnitt scheiterten die Ehen nach etwa 15 Jahren.

Eine Trennung der Eltern ist auch für den Nachwuchs ein tiefer Einschnitt – gut die Hälfte der geschiedenen Ehepaare (50,5 Prozent) hatte minderjährige Kinder. Insgesamt waren von der Scheidung ihrer Eltern 2016 knapp 132 000 Kinder unter 18 Jahren betroffen. Doch jedes Ende ist auch ein Anfang. Nicht selten finden die früheren Eheleute neue Partner, vielleicht sogar mit weiteren Kindern, und leben dann in Stieffamilien.

Schätzungen zufolge haben 7 bis 13 Prozent der Familien so ein Patchwork-Muster. „Die Anzahl solcher Konstellationen nimmt zu“, hat Wolfgang Schwackenberg vom Ausschuss Familienrecht des Deutschen Anwaltvereins beobachtet.

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Patchworkfamilien sollten ihren Nachlass besser zu Lebzeiten der Eltern planen. Vielleicht können dadurch spätere Streitigkeiten vermieden werden. Foto: Hans-Jürgen Wiedl/dpa-Zentralbild/dpa
  • Patchworkfamilien sollten ihren Nachlass besser zu Lebzeiten der Eltern planen. Vielleicht können dadurch spätere Streitigkeiten vermieden werden. Foto: Hans-Jürgen Wiedl/dpa-Zentralbild/dpa

Ist schon der Alltag in solchen Familien oft eine Herausforderung, gilt das umso mehr für den Erbfall. „Viele nähern sich diesem Thema naiv“, sagt der Rechtsanwalt und Notar aus Oldenburg. „Die Probleme, die damit zusammenhängen, haben viele nicht im Blick.“

Das grundsätzliche Problem: Das Erbrecht hat die klassische Familie im Blick, nicht aber den neuen Partner oder seine Stiefkinder. „Es gibt einen Unterschied zwischen sozialer und rechtlicher Familie“, erklärt Schwackenberg. Denn das Erbrecht stellt Stiefkinder, die in einer Patchworkfamilie aufwachsen, den leiblichen oder adoptierten Kindern nicht gleich. Erbberechtigt sind vielmehr nur verheiratete Eheleute, gleichgeschlechtliche Partner einer eingetragenen Lebenspartnerschaft sowie die leiblichen Kinder.

Das bedeutet: Stirbt ein Partner in einer eheähnlichen Lebensgemeinschaft, haben nur die leiblichen Kindes des Verstorbenen Anspruch auf das Erbe, erklärt die Notarkammer Schleswig-Holstein. Sofern die frühere Ehe nicht geschieden war, erbt auch der Ehegatte. Der jeweilige Partner oder die Stiefkinder gehen in diesem Fall leer aus – unabhängig davon, wie tief und innig die soziale Beziehung war.

Schon in einer vergleichsweisen einfachen Konstellation kann ein ungeregeltes Erbe deshalb für Ungerechtigkeiten sorgen, erklärt die Stiftung Warentest. Ein Beispiel: Ein Paar ist in zweiter Ehe miteinander verheiratet. Sie hat zwei Söhne in die Ehe eingebracht, er zwei Töchter. Stirbt der Mann zuerst, bekommt seine Frau die Hälfte des Erbes und seine zwei Töchter jeweils 25 Prozent. Stirbt anschließend die Frau, erben deren Söhne den Rest des Nachlasses. Die Töchter des Mannes gehen an dieser Stelle leer aus.

„Patchworkfamilien sollten deshalb ein Testament beziehungsweise einen Erbvertrag aufsetzen“, rät Schwackenberg. Das gilt umso mehr, da nach einer Scheidung häufig vergessen wird, die Testamente oder Erbverträge an die neue Lebenssituation anzupassen. Das kann nach Angaben der Notarkammer Schleswig-Holstein fatale Auswirkungen haben, denn die Dokumente gelten oft auch nach einer Scheidung weiter. Damit die erbrechtlichen Bestimmungen aus erster Ehe mit denen der neuen Lebenssituation nicht in Konflikt geraten, sollten die alten Dokumente widerrufen werden.

„In einer Patchworkfamilie müssen Sie eine Grundsatzentscheidung treffen“, sagt Schwackenberg. Entweder die soziale Bindung steht im Vordergrund, und alle Kinder werden gleichbehandelt, oder die gesetzliche Erbfolge soll greifen. Auch sollte der jeweilige Partner im Todesfall abgesichert werden.

Einfach kann die Regelung sein, wenn die Partner sich in erster Linie gegenseitig absichern und alle Kinder gleichbehandeln wollen. Hier können sich die Partner lauf Stiftung Warentest gegenseitig zu Alleinerben und die Kinder der Familie als Schlusserben einsetzen, die zu gleichen Teilen erben sollen.

Gibt es ein gemeinsames Kind in der neuen Familie, das die Eltern vor allem bedenken wollen, ist auch eine Vor- und Nacherbschaft möglich. Die Eltern können sich gegenseitig als alleinige Vorerben einsetzen und als alleinigen Nacherben und Schlusserben das gemeinsame Kind. Die Kinder aus den früheren Beziehungen können in diesem Fall nach Angaben der Stiftung Warentest ihren Pflichtteil geltend machen.

Haben die Patchwork-Eltern nicht geheiratet, können sie sich Vermögen auch über Schenkungen zukommen lassen, erklärt die Notarkammer Schleswig-Holstein. Allerdings: Der Pflichtteilsanspruch kann auf diese Weise nicht ohne weiteres ausgehebelt werden. Denn eine Schenkung kann Pflichtteilsergänzungsansprüche auslösen, die jedoch oft nach einer Frist von zehn Jahren entfallen.

Klar ist: Patchworkfamilien planen ihren Nachlass besser. Ideal ist es, wenn die Beteiligten zu Lebzeiten der Eltern eine gemeinsame Nachfolgelösung erarbeiten, rät die Stiftung Warentest. Kommunizieren Eltern ihre Planungen klar, können spätere Streitigkeiten vielleicht sogar vermieden werden.

Erbe regeln – So machen Erblasser es Hinterbliebenen leichter

Seinen letzten Willen sollte jeder selbst formulieren. Viele machen dafür ein Testament. Bevor ein solches Dokument aber aufgesetzt werden kann, sollte sich jeder einige grundlegende Fragen stellen, rät die Stiftung Warentest in Berlin. Dann kann das Erbe gut geregelt werden. Fünf Schritte bis zum Ziel:

Schritt 1: Was soll mit dem Vermögen passieren? Diese Frage ist wichtig, denn die Ziele sind oft vielfältig: Während der eine seine Familie absichern möchte, liegen dem anderen vielleicht die Förderung sozialer oder kultureller Einrichtungen am Herzen. Möglicherweise gibt es auch Personen, die besonders bedacht werden sollen, weil sie Familienmitglieder gepflegt haben.
Schritt 2: Passt die gesetzliche Erbfolge? Kinder und Ehepartner zuerst - auf diese etwas simple Formel lässt sich in etwa die gesetzliche Erbfolge reduzieren. Wem das reicht, der braucht vielleicht gar kein Testament. Um das herauszufinden, können Erblasser einen Stammbaum zeichnen, das hilft beim Verständnis.

Schritt 3: Wie viel Vermögen ist vorhanden? Ratsam ist es, eine Vermögensübersicht zu erstellen, raten die Warentester. Erfasst werden sollten zum Beispiel Konten, Depots, Ansprüche aus Versicherungen oder Wertgegenstände. Beim Aufschreiben bekommen Erblasser vielleicht schon eine Idee, wer was bekommen soll.

Schritt 4: Was wollen die Erben haben? Die Immobilie mag einem Erblasser wichtig sein, seinen Erben aber vielleicht nicht. Das können sie schon zu Lebzeiten in Erfahrung bringen - aber besser subtil. Denn konkrete Vorgespräche können auch Enttäuschung provozieren, erklären die Experten.

Schritt 5: Wer kann beim Schreiben helfen? Wer seine Gedanken geordnet hat, sollte sich für das Aufsetzen eines Testaments Hilfe holen. Denn in der Regel können juristische Laien viele Fehler in ein Testament einbauen, in dem mehrere Erben bedacht werden sollen. Rechtsanwälte oder Notare können helfen, solche Fallen zu umgehen.

Information

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