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Das Leben dort war kein Vergnügen

Eine Gräfin legt den Grundstein für das Pyrmonter Waisenhaus

Im 17. Jahrhundert war die Gesellschaft Europas stark verunsichert. Mehr als 20 Kriege hatten das Leben in Europa aus dem Gleichgewicht gebracht. Die Situation um 1700 ist mehr als kompliziert, die Einrichtung von Waisenhäusern nimmt Gestalt an, weil es überall elternlose Kinder gibt. Auch in Bad Pyrmont wird solch eine Einrichtung ins Leben gerufen.

veröffentlicht am 30.09.2017 um 17:59 Uhr

Die erste Darstellung des Bades aus dem Jahr 1698. Foto: Museum im Schloss Bad Pyrmont

Autor:

Dr. Dieter Alfter
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Am 16. Januar 1698 tunkt der Theologe, Pädagoge und Reformer August Hermann Franke (1663-1727) seinen Federkiel ins Tintenfass und bringt folgende Sätze zu Papier: „Ich habe große Freude und Trost an Ihrem Glauben und Vertrauen auff dem lebendigen Gott und an Ihrer Liebe, die der Herr in Ihnen gewirket hat. Sie haben im Glauben auff Gott ein Waysenhaus im geringen angefangen und nicht Sie, sondern Christus hats angefangen, der in Ihnen wohnet, der wirdt es auch herrlich hinausführen.“

Dieses Schreiben des überzeugten Pietisten Francke aus Halle an der Saale, der im Gefolge der Reformideen Martin Luthers gesellschaftlich breit angelegte Reformvorstellungen in Halle – heute bekannt unter dem Begriff der „Franckeschen Stiftungen“ – umsetzte, ist gerichtet an die Gräfin Dorothea Elisabeth von Waldeck und Pyrmont (1661-1702). Sie ist mit dem Grafen von Lippe-Brake verheiratet. Diese Gräfin unterhält eine enge Beziehung nach Halle, wo eine frühe Idee der Aufklärung, eine neue Frömmigkeit und Glaubenspraxis gepflegt wird. Und wo auch der Aufstieg der Naturwissenschaften und eine frühe Form von Netzwerken globaler Kontakte gefördert werden.

Eben diese Gräfin Dorothea, das zweite Kind des auch in Pyrmont regierenden Grafen Christian Ludwig, engagiert sich für die Einrichtung eines Waisenhauses in dem aufstrebenden Kurort Bad Pyrmont. 1697 beginnt das Projekt. Ihre Morgengabe beträgt 1000 Goldgulden, den sie zum Ankauf von Äckern und Wiesen nutzt. Darüber hinaus investiert sie erhebliche Geldmittel, um einen Garten zu realisieren. Für all diese Vorhaben steht ihr der Oesdorfer Theologe J. Ph. Seip, der Vater des berühmten Brunnenarztes, zur Seite. Auch Pfarrer Seip ist über Francke, J. P. Spener und Anton Wilhelm Böhme dem Pietismus sehr verbunden.

Dieser Kupferstich ist eine – wie es heißt – „gründliche Vorstellung des Pyrmontischen Thals“ und stammt aus dem Jahr 1716. Foto: Museum im Schloss Bad Pyrmont
  • Dieser Kupferstich ist eine – wie es heißt – „gründliche Vorstellung des Pyrmontischen Thals“ und stammt aus dem Jahr 1716. Foto: Museum im Schloss Bad Pyrmont

Im 17. Jahrhundert war die Gesellschaft Europas stark verunsichert. Mehr als 20 Kriege hatten das Leben in Europa aus dem Gleichgewicht gebracht. Die Situation um 1700 ist mehr als kompliziert, die Einrichtung von Waisenhäusern nimmt Gestalt an, weil es überall elternlose Kinder gibt. Gräfin Dorothea macht einige Vorgaben: „Die Zahl der Waisen muss billig nach dem Einkommen des Hauses angesetzt werden, das von der Zusteuer während der Brunnenkur abhängig sein wird … Auch unbescholtene bedürftige Kranke, die eine Badekur bedürfen, sollen im Waisenhause aufgenommen und verpflegt werden, ebenso elternlose Kinder, für deren Erziehung wohltätige Menschen nur ein billiges Kostgeld zu entrichten brauchen.“

Es ist ein Glücksfall, dass aus dieser Zeit Kupferstiche überliefert sind, die eine anschauliche Vorstellung des Kurortes vermittelt. Eine erste bemerkenswerte Publikation wird 1698, also ein Jahr nach Gründung des Waisenhauses, vom Verlag „Gottf. Freytag Buchhändler in Hannover und Wolfenbüttel“ unter dem Titel „Wahrer und Eigentlich Abriß des Hochfürstlichen Waldeckischen weitberühmten Heiligen Saur und Gesundbrunn zu Piermondt“ auf den Markt gebracht. Auf der Klapptafel in diesem Buch ist noch kein Gebäude des Waisenhauses zu sehen, aber die Struktur des Kurortes zwischen den beiden Dörfern Oesdorf und Holzhausen nimmt sichtbar Formen an. Es ist bemerkenswert, dass auf dem Brunnenplatz ein „Armenstock“ gekennzeichnet ist, also ein Spendenort hervorgehoben wird und dass es den Hinweis gibt auf „ettliche bettel huetten“ in nächster Nähe zur Hauptallee, unmittelbar neben dem Wein- und Bierschank.

Klarer ist da schon die Darstellung auf einem Kupferstich von 1717, die der ersten Brunnenbeschreibung des Brunnenarztes Dr. Johann Philipp Seip beigefügt ist. Da ist Hauptallee noch deutlicher der Mittelpunkt des Bildes, natürlich auch der Kurgesellschaft jener Zeit. Das Renaissanceschloss, nun durch die barocke Anlage in den Jahren 1706 bis 1710 ersetzt, befindet sich links der Allee. Auf der rechten Seite befindet sich neben der Schäfferey das ummauerte „Waysen-Hauss“ mit Gartenanlage. Im Jahre 1699 war das recht große Waisenhaus als Gebäude fertiggestellt und markiert nun, wie das Schloss auf der anderen Seite, eine Sonderstellung.

Über die frühe Geschichte des Waisenhauses sind wir recht gut informiert. Ende 1957 fand sich ein Aktenband mehr durch Zufall in einem Registraturschrank im Standesamt der Stadt Bad Pyrmont. „Umständliche Nachricht vom Pyrmontischen Waysen-Hauss“ lautet der Titel dieser Originalurkunde, die der damalige Archivleiter Dr. Wilhelm Mehrdorf in einer Publikation für die Genealogische Gesellschaft Hameln 1959 auswertete und publizierte. So wissen wir zum Beispiel, das in der Anfangsphase sieben Waisenkinder hier ihre Unterkunft erhalten, aber schon 1706 sind es 24 Zöglinge, 14 Jungen und zehn Mädchen. Die Zahl der Waisenkinder konnte wachsen, weil die Einnahmen aus den verpachteten Ländereien und den Einnahmen des Kurbetriebs eine so positive Entwicklung nehmen. Auf diesem Gebiet des Kurbetriebs ist es der Brunnenmeister, der gemeinsam mit dem Oesdorfer Pfarrer die Verwaltungsgeschäfte führt. Jede Flasche Pyrmonter Heilwasser, die schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts verschickt wurde, kommt zu 50 Prozent dem Waisenhaus zugute. Das Anmieten von Toiletten, den „secreta“ an der Hauptallee (auf Höhe des Steigenberger Bad Pyrmont) war verbunden mit einer Abgabe an das Waisenhaus.

Wichtig waren auch die „Verehrungen“ von vornehmen adligen Kurgästen, die zur Finanzierung des Waisenhauses beitragen. Von 1705 bis 1706 betragen die Geldeinnahmen 915 Reichstaler, demgegenüber stehen in jenem Jahr 878 Reichstaler. Ausgaben für die Verpflegungskosten, für die Kleidung, für Baukosten und die Gehälter. Beschäftigt werden Lehrer (Informatoribus), Waysenmütter, eine Magd, ein Küchenmädchen und den Instructionibus (Anweisern). Die ersten sieben Jahre ist übrigens als Informator, als Lehrer Christoph Böhme im Dienst, der wie seine Eltern als Oesdorfer Pastorenfamilie und wie sein Bruder Anton Wilhelm Böhme für den Franckeschen Pietismus gelebt haben. A. W. Böhme (1673-1722) wird später in London am englischen Königshof Hofprediger.

Nun war das Leben in einem Waisenhof wahrlich kein Vergnügen. Im Gegenteil, strenge Regeln ganz nach dem Vorbild der Pietisten erziehen die jungen Menschen ganz im Sinne ihrer religiösen Grundhaltung. 46 Regeln beschreiben dies. Es hat etwas von dem Leben in einem Kloster. Der gesamte Tagesablauf ist streng reguliert. „Unter der Arbeit müssen die Kinder nicht unnützes Geplauder treiben, sondern christliche Lieder singen und rezitieren und dergleichen Übung haben, die sich mit der Arbeit zugleich zur Vermeidung böses Geschwätzes tun lässt.“(Erinnerungen, § 28) Gleichwohl ist diese mildtätige Stiftung des Pyrmonter Waisenhauses von großer Bedeutung für viele elternlose Kinder, die auf diese Weise in einer Familie aufwachsen können und nicht etwa als Bettler oder Einzelgänger ein isoliertes Leben führen müssen. Aber anders als die Franckeschen Anstalten, die bis 1948 bestehen konnten, wird das Pyrmonter Waisenhaus im Zuge des Waisenhausstreites in den 1820er Jahren geschlossen und die Kinder in Pflegefamilien untergebracht. Die Waisenkasse zu deren Unterstützung besteht bis 1959.

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