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Ein Konzerthaus der Extraklasse

Im Januar 2012 hatte die pneumatische Orgel im Bad Pyrmonter Konzerthaus unter den Händen ihres Titulars Oliver Kluge mit Stücken von Franz Liszt, Léon Boëllmann, Louis Vierne und Max Reger ihren vorerst letzten großen Soloauftritt. Diese Orgel, die einzige „weltliche“ Orgel Niedersachsens und bestückt mit mehr als 1500 Pfeifen, wurde im Jahre 1928 gebaut, also dem Jahr, in dem auch der wuchtige Neubau des Konzerthauses eingeweiht wurde.

veröffentlicht am 17.04.2017 um 08:00 Uhr

Das Konzerthaus liegt am südlichen Ende des Kurparks und wird von Schlossstraße und Heiligenangerstraße umschlossen. Foto: ar
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Rudi Rudolph Reporter

Mit diesem Bau endete in der Kurstadt die Suche nach einem für große Konzerte und Kongresse geeigneten Domizil, über dessen Standort man sich lange im Vorfeld Gedanken gemacht hatte und schließlich im Jahr 1925 zu einem Ergebnis gekommen war.

Am südlichen Ende des Kurparks gelegen und von Schlossstraße und Heiligenangerstraße umschlossen, erhebt sich am Königin-Emma-Platz nunmehr ein Konzerthaus, das sogar nach heutigen Maßstäben über eine einmalig brillante Akustik verfügt und das immer noch einen der schönsten Konzertsäle Norddeutschlands beherbergt. Der Entwurf für den Konzerthaus-Neubau stammte vom Reißbrett des Berliner Regierungs- und Baurates Brodführer, der schon den Bahnhof Friedrichstraße in Berlin gestaltet hatte.

Die Umsetzung der Pläne verlief jedoch nicht ohne Schwierigkeiten, erwies sich doch der Baugrund mit seinen Ton-, Lehm- und Mergelschichten sowie einer glasharten Tuffsteinplatte als derartig widerspenstig, dass wochenlange Sprengungen die Folge waren. Dennoch wurde am 19. Dezember 1926 durch Regierungspräsident von Velsen die Grundsteinlegung zelebriert, und im Winter 1926/27 war der Rohbau fertiggestellt. Bis zum 1. Mai 1928 dauerten im Inneren die Bauarbeiten an, auch die Ausstattung war bis zu diesem Termin erledigt.

Bühne und Orgel; Orchester ist die Philharmonie Heemstede. Foto: ar
  • Bühne und Orgel; Orchester ist die Philharmonie Heemstede. Foto: ar
Auftritte großer Orchester und Solisten wie Jeanne Christée. Foto: ar
  • Auftritte großer Orchester und Solisten wie Jeanne Christée. Foto: ar
Der Konzertsaal, von der Bühne aus gesehen. Foto: ar
  • Der Konzertsaal, von der Bühne aus gesehen. Foto: ar
Moderne Licht- und Bühnentechnik zeichnet das Konzerthaus aus. Foto: a
  • Moderne Licht- und Bühnentechnik zeichnet das Konzerthaus aus. Foto: a
Bühne und Orgel; Orchester ist die Philharmonie Heemstede. Foto: ar
Auftritte großer Orchester und Solisten wie Jeanne Christée. Foto: ar
Der Konzertsaal, von der Bühne aus gesehen. Foto: ar
Moderne Licht- und Bühnentechnik zeichnet das Konzerthaus aus. Foto: a

Ein musikalisches Großereignis stand dann am 3. Mai 1928 mit der Einweihung des neuen Konzerthauses an der Spitze aller ihm folgenden Konzerte und Veranstaltungen. Die Dresdner Philharmoniker unter der Leitung ihres 1. Kapellmeisters Walter Stöver brachte Beethovens „Neunte“ zu Gehör, an der Orgel der Pianist Jäger, und aus Kassel war ein großer Chor verpflichtet worden.

Schon damals äußerte sich Walter Stöver entzückt über die gute Akustik, für die eine an Drähten schwebende Hängedecke und der spezielle Bühnenbau verantwortlich waren. Die leicht verschachtelten Seitenwände und die nach hinten ansteigende Platzierung der Musiker drängen den Ton in das große Parkett, das zur damaligen Zeit mit den Sitzen des oben gelegenen Mittelranges 1300 Personen Platz bot. Den modernen Anforderungen entsprechend kann man heutzutage etwa 700 Besucher unterbringen, doch ist die Akustik, wie der häufig mit Orchestern in Bad Pyrmont auftretende Generalmusikdirektor Volker Schmidt-Gertenbach und der ehemalige Kreiskantor Prof. Hans Christoph Becker-Foss bescheinigen, immer noch wohl die beste im norddeutschen Raum.

Der erhabene Bau des Konzerthauses trägt bei aller Sachlichkeit Elemente der Klassik in sich. Ein mächtiges Schieferdach verstärkt den Eindruck des Großen. An der Südseite befindet sich der Haupteingang, durch den man in den Vorraum gelangt, in dem sich ein Kassenhäuschen befindet, das wohl eher den Namen „Kabuff“ verdient.

Hieran vorbei gelangt man in das große sieben Meter breite Foyer mit Garderobe und betritt danach den großen Konzertsaal. Linker Hand, im Westen, erhebt sich die Bühne, rechter Hand, im Osten, schließt sich der „kleine Saal“ an, in dem intimere Veranstaltungen wie beispielsweise die Premium-Konzerte der „arche“ oder die Klavierkonzerte der Reihe „Weltklassik am Klavier“ stattfinden.

Die Trennung zwischen beiden Sälen kann aufgehoben werden, so dass eine riesige Veranstaltungsfläche entsteht, wie sie beispielsweise für internationale Tanzveranstaltungen, Events wie dem Handwerkerball oder große Kongresse vonnöten ist. Schon zu Zeiten von Generalmusikdirektor Walter Stöver gaben sich musikalische Koryphäen im Konzerthaus die Klinke in die Hand. Die Dirigenten Fritz Busch und Hermann Abendroth, der Opern- und Konzertsänger Heinrich Schlusnus, der Pianist Edwin Fischer oder der Violinvirtuose Georg Kulenkampff sind nur einige aus der langen Reihe von Berühmtheiten, die Walter Stöver nach Bad Pyrmont holte.

Als er nach dem Krieg aus seinem „Exil“ in Bad Nauheim in die Kurstadt zurückkehrte, nahm der Musikbetrieb allmählich wieder Fahrt auf. In diese Zeit fällt die hier vollzogene Gründung der Nordwestdeutschen Philharmonie im Herbst 1946, die aus Musikern der Prager Deutschen Philharmonie und des Linzer Bruckner-Orchesters St. Florian bestand und die sich 1950 mit dem Herforder Sinfonischen Orchester zusammenschloss.

Bis 1950 sorgte dieses vom stellvertretenden Bürgermeister Christian Zetzsche, Stadtdirektor Dr. Schulze und anderen musikbegeisterten Pyrmontern gegründete Orchester für den hochklassigen Ruf des Konzerthauses und seiner Stadt.

Nachdem das Orchester vom Land Nordrhein-Westfalen aufgrund eines hohen Angebotes nach Herford abgeworben wurde, erhielt sich das Konzerthaus seinen guten Ruf mit dem Chor des Pyrmonter Musikvereins, Gastkonzerten des Westfälischen und des Niedersächsischen Sinfonieorchesters sowie hochrangigen Kongressen wie der 1954 abgehaltenen Tonkünstlertagung.

Immer noch ist das Haus Zentrum für Tagungen; gerade erst am Mittwoch trafen sich im Arbeitgeberverband für das Weserbergland (AdU) organisierte Unternehmer zu ihrer Jahreshauptversammlung, weiterhin finden Theateraufführungen und große Konzerte, seit diesem Jahr unter dem Namen „Pyrmont Symphonics“, statt. Das Interesse an Bad Pyrmonts kulturellem Aushängeschild ist in seinem 89. Jahr ungebrochen, und unter der Regie des Staatsbades und seiner Veranstaltungsleiterin Silke Schauer verfügt es ständig über ein Generationen übergreifendes Programm, das höchsten Ansprüchen genügt.

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