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Selektionen und Züchtungen, von denen Gärtner weltweit schwärmen:

Ein Besuch bei Stauden-Junge

Entdeckertum. Abenteuer-Gen. Früh, früher noch als zu Zeiten Fritz Junges, hatte es begonnen. Schon dessen Vater Heinrich Junge scheint von ganz besonderer Hingabe und Liebe zu den Pflanzen beseelt gewesen zu sein. Die Sonnenbraut ’Wesergold‘ ist sein Kind. Der Hamelner Gärtner und Pflanzenforscher, Urgroßvater des heutigen Inhabers der Stauden-Gärtnerei Junge in Wehrbergen, Matthias Großmann, war von einem unbändigen Entdeckergeist angetrieben. Das ’Wesergold‘ leuchtet auch nach über einhundert Jahren aus vielen gemischten Staudenbepflanzungen. Zudem war Heinrich Junge Mitbegründer der Deutschen Dahlien-Gesellschaft.

veröffentlicht am 09.09.2017 um 11:00 Uhr

Heinrich Junge, Gründer der Stauden-Gärtnerei, züchtete zahlreiche Pflanzen und schrieb unter anderem für „Müllers Deutsche Gärtner-Zeitung“. Foto: ey

Autor:

Jens F. Meyer
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Mein Urgroßvater hat viel getan. Züchtung und Selektion waren ihm wichtig“, blickt Matthias Großmann zurück auf den Mann, den er selber nicht kennengelernt hat, in dessen Fußstapfen er aber gerne den Weg weitergeht, hin zum Verlässlichen, ohne den besonderen Charakter einer Pflanze zu unterminieren. Letztlich müssten zwei Komponenten ineinandergreifen: Vitalität und Schönheit. Heinrich Junge verfolgte diesen Weg von früh an. Erste Katalogeinträge bezugnehmend auf neue Sorten datieren auf das Jahr 1898, also gerade einmal zwei Jahre nach Gründung der Gärtnerei. Aus heutiger Sicht steht zu vermuten, dass Heinrich Junge bereits einige Jahre vor der Gründung seines Unternehmens schon Pläne gehabt haben muss. Auch im Gründungsprotokoll zur Eröffnung der Deutschen Dahlien-Gesellschaft (1897), die es noch heute unter dem Namen Deutsche Dahlien-, Fuchsien- und Gladiolen-Gesellschaft e.V., taucht sein Name auf. Ganz zu schweigen von den vielen Beiträgen, die Heinrich Junge für Möllers Deutsche Gärtner-Zeitung geschrieben hatte, zur Jahrhundertwende eine bedeutende Fachzeitschrift.

Internet gab es damals nicht, Telefone waren rar gesät und Recherche und Forschung mit einem immensen Aufwand verbunden. Heinrich Junge wusste alle diese Dinge mit großer Leidenschaft auszugleichen. „Eine Pflanze zu vermehren, die möglicherweise später auch noch einen Namen trägt, der auf die Region oder den Züchter hindeutet, ist schon eine sehr befriedigende Arbeit“, sagt Matthias Großmann. Das ’Wesergold‘, von Heinrich Junge aus den Tiefen der unendlichen Möglichkeiten der Züchtung gehoben, leuchtet weithin, da der Schatz der Nibelungen verborgen bleibt. Punktlandung für die Weser, kein Rheinschatz könnte schöner sein. Vielleicht ist das ’Wesergold‘ der größte Schatz der Familie Junge/Großmann, denn es überdauerte nicht nur die Zeiten, sondern hatte Signalwirkung, weil weitere Selektionen und -züchtungen folgten.

Aus dem fahrenden Auto heraus hat meine Mutter Raritäten am Straßenrand erspäht!

Matthias Großmann, Stauden-Junge

Sonnenstrahlen brechen sich durch Baumkronen Bahn. Hauswurz, Fetthennen und Nelken aalen sich auf dem Dach des Kassenhäuschens, und von irgendwo aus Richtung Nord-Nordost, eingebettet vom Plätschern des Wassers in den Becken der Seerosen und dem Harfenspiel des Windes im China-Schilf, dringen Stimmen durch diesen paradiesischen Flecken Weserbergland. Die Stauden-Gärtnerei Junge in Wehrbergen, kurz vor den Toren der Stadt, wo die Weser einen großen Bogen macht, trägt die Seele eines Gartens. Atmosphäre zu schaffen hat viel mit natürlichem Charme zu tun. Susanne Großmann, Ehefrau des Inhabers, hatte deshalb eines Tages die Idee, „einen Schaugarten anzulegen, in dem die Kunden sehen können, wie unterschiedliche Stauden und Gräser in Kombination wirken und für Fülle sorgen“. Dieser Schaugarten, vis-à-vis zu den Parkplätzen und mit mäandernden Graswegen durchsetzt, ist Teil eines Konzepts, das englisch anmutet. Auf der britischen Insel vermögen Gärtnereien und Baumschulen die Präsenz einer Kathedrale in den Hintergrund drängen zu können. Matthias Großmann macht sich darüber wenig Gedanken. Ob seine Stauden-Gärtnerei britische Komponenten in sich trage, wisse er nicht, jedenfalls seien sie nicht vordergründig gewollt.

Susanne und Matthias Großmann leiten eine Gärtnerei in vierter Generation, die bundesweit zu den wichtigsten Unternehmen in ihrem Genre zählt. Foto: ey
  • Susanne und Matthias Großmann leiten eine Gärtnerei in vierter Generation, die bundesweit zu den wichtigsten Unternehmen in ihrem Genre zählt. Foto: ey
Foto: Großmann
  • Foto: Großmann
Foto: Großmann
  • Foto: Großmann
Selektion und Züchtung: Neben anderen Stauden und Gräsern haben es vor allem die Seerose ’Fritz Junge‘, das Lampenputzergras ’Hameln‘ und die Sonnebraut ’Wesergold’ zu Ruhm gebracht. Europa-, ja in der Tat sogar weltweit, werden diese Pflanzen von Ga
  • Selektion und Züchtung: Neben anderen Stauden und Gräsern haben es vor allem die Seerose ’Fritz Junge‘, das Lampenputzergras ’Hameln‘ und die Sonnebraut ’Wesergold’ zu Ruhm gebracht. Europa-, ja in der Tat sogar weltweit, werden diese Pflanzen von Gartenmeistern hochgeschätzt. Foto: Großmann
Susanne und Matthias Großmann leiten eine Gärtnerei in vierter Generation, die bundesweit zu den wichtigsten Unternehmen in ihrem Genre zählt. Foto: ey
Foto: Großmann
Foto: Großmann
Selektion und Züchtung: Neben anderen Stauden und Gräsern haben es vor allem die Seerose ’Fritz Junge‘, das Lampenputzergras ’Hameln‘ und die Sonnebraut ’Wesergold’ zu Ruhm gebracht. Europa-, ja in der Tat sogar weltweit, werden diese Pflanzen von Ga

Aber wenn es so sein sollte, dann könnte es an seiner Ausbildung liegen. Sie führte ihn in den neunziger Jahren für eine Weile dorthin, wo das Pflanzen und Pflegen ein Lebenselixier ist. „Ich habe in einer kleinen Gärtnerei in der Nähe von Cambridge gearbeitet, um nach meiner Ausbildung noch Erfahrungen zu sammeln, die ich dann in den elterlichen Betrieb einbringen wollte.“ Es war der Anfang einer Erfolgsgeschichte. Denn Großmanns traditionsreiche Gärtnerei zählt deutschlandweit zu den besten.

Geht es um Seerosen, ist der Wehrberger Gärtnerei sogar eine Spitzenstellung sicher. Gerade hier trifft eine ehrenvolle Vergangenheit auf die glanzvolle Gegenwart. So war es Großmanns Großvater Fritz Junge, der sich auf dem Gebiet der Seerosen einen Namen gemacht hatte – im wahren Wortsinn, denn die hauseigene Schöpfung ’Fritz Junge‘ gehört im kaum noch zu durchdringenden Sortendickicht auch nach über vierzig Jahren zu den verlässlichsten ihrer Gattung. Keine reine Züchtung, aber doch eine charakterstarke Selektion, die der Gärtnermeister in den Siebzigerjahren erfolgreich im Segment verankern konnte und von der zahlreiche Hobbygärtner sowie Fachleute schwärmen, weil sie relativ lange bis zur Dämmerung noch ihre Blüten geöffnet hält.

„Natürlich ist das eine großartige Geschichte. Sorten, die mit dem eigenen Namen verbunden sind, ob Züchtung oder Selektion, sind zwangsläufig eine Motivation, auf diesem Weg weiterzugehen“, sagt Matthias Großmann. Selber tüftelt er auch; zu einer eigenen Kreation habe er es noch nicht geschafft, aber dazu brauche es ja erstens auch Geduld, und zweitens machten es weder die Europäische Union noch die Industrie den Gärtnereien einfach, neue Vielfalt zu kreieren. Beispiel Echinacea-Sonnenhut: „Alle Hybriden sind geschützt. Will ich sie verkaufen, muss ich die Pflanzen selber kaufen. Will ich sie züchten und vervielfältigen, muss ich Lizenzen kaufen, und die sind teuer.“ Zu teuer, als dass Großmann es in diesem Fall ernsthaft in Erwägung ziehen würde.

Fritz Junge, Großmanns Großvater, musste keine Fallstricke von Industrie und Europäischer Union über sich ergehen lassen, hatte nur wenige bürokratische Riffe zu umschiffen, und seine nach ihm benannte Kreation war nicht die einzige Pflanze, die es aus dem Mikrokosmos der Wehrberger Anzuchthäuser in die ganze Welt schaffte. Neben den Nymphaea-Pflanzen hielt der aufgeschlossene Gärtnermeister viel auf die Gräser. Wie sie mit dem Wind spielen, wie sie die Gärten im späten Licht des scheidenden Sommers, in der die Blüten der meisten Prachtstauden wie verblassende Erinnerungen an seidenen Fäden wanken, in entzückendes Licht tauchen, wie der Raureif sich auf die langen Blätter und Ähren legt, dann, wenn der Herbst nicht mehr die Kraft hat, sich gegen des Winters Aufbegehren zu erwehren. Diese Komponenten müssen Fritz Junge in seinem Kopf herumgespukt haben, als er – weniger aus einer Laune, sondern mehr aus dem Antrieb heraus, eine unverbrauchte gärtnerische Qualität zu erzielen – eine neue Sorte Lampenputzergras entwickelte. Aus einer Schar verschiedener Mutterpflanzen selektierte er mit einem definitiv ährenhaften Verhalten eine Art mit besonders erhabenem Wuchs. Es ist Pennisetum alopecuroides ’Hameln‘, es trägt den Namen unserer Stadt an der Weser! Sohn Hans-Friedrich Großmann, Vater des heutigen Inhabers, beschritt diesen Weg der Heimatverbundenheit noch weiter und selektierte die Schleifenblume ’Fischbeck‘, die perfekt für Steingartenanlagen ist. Ohne seine Frau Gisela hätte er aber vielleicht das eine oder andere Pflänzchen gar nicht beachtet, wer weiß?. „Tatsächlich war meine Mutter in jungen Jahren diejenige, die viel botanisiert hat. Aus dem fahrenden Auto hat sie Raritäten am Straßenrand erspäht! Das werde ich nie vergessen!“, erinnert sich Sohnemann Matthias Großmann an diese Zeiten.

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