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„Für seinen unermüdlichen Kampf“

Die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Adolf Hitler durch die Stadt Hameln

Begeistert und bereitwillig haben 1933 und 1934 rund 4000 deutsche Städte Adolf Hitler die Ehrenbürgerwürde zugesprochen. Nicht alle Städte taten diesen Schritt. Im katholischen Emsland war Hitler niemals Ehrenbürger. Auch die evangelisch geprägten Städte Bielefeld und Gütersloh erwiesen Hitler nicht die Ehre. Hameln folgte damals der großen Mehrheit der deutschen Städte.

veröffentlicht am 18.04.2017 um 18:11 Uhr

Mit dieser Ehrenurkunde wurde Adolf Hitler zum Ehrenbürger der Stadt Hameln ernannt. Foto: Archiv
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Autor

Bernhard Gelderblom Reporter
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Vor der Entscheidung, Hitler die Ehrenbürgerwürde zuzuerkennen, hatte der Hamelner Stadtrat am 31. März 1933 beschlossen, Straßen und Plätze nach „Männern der Bewegung“ umzubenennen. Seitdem hieß die Deisterallee Adolf-Hitler-Allee und der Platz zwischen Münster und Weserbrücke Horst-Wessel-Platz.

In der Ratssitzung am 13. April 1933 stellte die NSDAP-Fraktion den Antrag, Adolf Hitler anlässlich seines Geburtstages am 20. April 1933 ein Glückwunschtelegramm zu schicken und die öffentlichen Gebäude zu beflaggen. Daraus entwickelte sich der einstimmig gefasste Beschluss, dem Reichskanzler Hitler die Ehrenbürgerwürde zu verleihen. Der Magistrat schloss sich am 20. April 1933 an.

Das „Schmuckblatt-Telegramm“, das am selben Tage in die Reichskanzlei ging, unterzeichneten der noch amtierende bürgerliche Oberbürgermeister Dr. Scharnow wie der Bürgervorsteherworthalter Melcher von der NSDAP. Die Kanzlei des Führers in München antwortete am 5. Mai: „Die augenblicklich starke Überlastung der Kanzlei macht zur Zeit eine sofortige Bestätigung der täglich für den Führer in grosser Zahl eingehenden Anträge um Annahme der Ehrenbürgerschaft … unmöglich.“

Monströs: das „Reichserntedankfest“ auf dem Bückeberg. Hitler und die Nationalsozialisten ließen sich pompös feiern. Der Ehrenbürgerbrief der Stadt Hameln wurde Hitler im Rahmen des „Reichserntedankfestes“ am 30. September 1934 überreicht. Foto: Arch
  • Monströs: das „Reichserntedankfest“ auf dem Bückeberg. Hitler und die Nationalsozialisten ließen sich pompös feiern. Der Ehrenbürgerbrief der Stadt Hameln wurde Hitler im Rahmen des „Reichserntedankfestes“ am 30. September 1934 überreicht. Foto: Archiv Dewezet

Wegen der Gestaltung der Ehrenbürgerbriefe war die Stadt unsicher. Von der Gauleitung der NSDAP in Hannover bekam sie den Hinweis, „dass Ehrenbriefe nur von ersten Künstlern und einzeln hergestellt werden. Der Einband besteht zumeist aus echtem Leder mit Handprägung.“

Der Hamelner Grafiker und Buchdrucker Karl Schatzberg bekam den Auftrag, den Brief samt Einband „in reiner Handarbeit in hochkünstlerischer Ausführung … aus edelstem Ledermaterial mit Handintarsienarbeit und Prägung“ herzustellen. Schatzberg dachte, „wenn die Sache nicht primitiv und hungrig aussehen soll“, für den Brief an Schweinsleder und für den Einband an Marocainleder mit „Dekorationsvergoldung und Elfenbeinschließen“.

Der Ehrenbürgerbrief bekam den folgenden Wortlaut: „Die Stadt Hameln hat am 20. April 1933, dem Herrn Reichskanzler Adolf Hitler, dem Schöpfer des dritten Reiches, dem Führer des im Nationalsozialismus geeinten deutschen Volkes, in Dankbarkeit für seinen unermüdlichen Kampf und als besonderen Ausdruck der nationalsozialistischen Gesinnung ihrer Bürgerschaft das Ehrenbürgerrecht der Stadt Hameln verliehen. Die gesamte Bürgerschaft gelobt treue Gefolgschaft für alle Zeiten. Zur Beurkundung der Verleihung ist dieser Ehrenbürgerbrief unter Unterschrift und Anhängung des ältesten großen Siegels der Stadtgemeinde ausgefertigt. Hameln den 1. Mai 1934 – Der Oberbürgermeister – (gez. Detlef Schmidt).“
Die Bitte von Hamelns Oberbürgermeister Detlef Schmidt, „unserem Führer die Urkunde … durch das Stadtoberhaupt in unserem schönen Sitzungssaal überreichen zu lassen“, wurde in Berlin abgeschlagen.

Die Übergabe fand dann anlässlich des „Reichserntedankfests“ auf dem Bückeberg am 30. September 1934 statt. Dabei sprach der Oberbürgermeister die folgenden Worte: „Mein Führer. Sie haben der Stadt die Ehre erwiesen, das Ehrenbürgerrecht der Stadt Hameln anzunehmen. Im Namen der Stadtverwaltung bringe ich im Namen der gesamten Bevölkerung tiefste Dankbarkeit zum Ausdruck und das Gelöbnis unwandelbarer Treue.“

Der stellvertretende Bürgermeister Busching hielt dazu in einer Notiz fest: „Der Führer betrachtete den Ehrenbürgerbrief mit wohlwollendem Interesse und dankte dem Herrn Oberbürgermeister durch Handschlag.“

In einem Brief vom 4. Oktober 1934 an Reichspropagandaminister Goebbels bedankte sich Oberbürgermeister Schmidt geradezu überschwänglich. „Die größte Freude, die die Bewohner der Stadt … je bewegt hat, brachte die zweimalige Durchfahrt des Führers und Reichskanzlers durch die Innenstadt. Vielen alten und schwachen deutschen Menschen, die körperlich nicht in der Lage sind, an der Kundgebung am Bückeberg selbst teilzunehmen, ist Gelegenheit geboten worden, den auf’s höchste verehrten Führer zu sehen. Alte Ehepaare sind sich aus Freude darüber, dass sie nun endlich den geliebten Volkskanzler gesehen haben, mit Tränen in den Augen um den Hals gefallen. Wenn es auch nicht in der Art der hiesigen Bevölkerung liegt, ihrer Freude lauten Ausdruck zu geben, so konnte man an den auf den Erntedanktag folgenden Tagen überall glückstrahlende Gesichter sehen. Dafür weiß Ihnen, Herr Reichsminister, die ganze Stadt allerherzlichsten Dank.“

Am 9. August 1933 beschloss der Rat, das Ehrenbürgerrecht auch an Margarete Wessel zu verleihen. Margarete Wessel war die Mutter von Horst Wessel, der 1930 als SA-Mann in Berlin in Straßenkämpfen mit Kommunisten ums Leben gekommen war. Josef Goebbels hatte den „Sturmführer“ zum Märtyrer des Dritten Reiches stilisiert. Von Horst Wessel stammte der Text des brutalen Kampfliedes der SA („Die Fahne hoch“), das in der NS-Zeit neben der ersten Strophe der Nationalhymne gesungen wurde.

Margarete Wessel stammte aus Dehrenberg bei Aerzen. Im Schreiben des Magistrats an Frau Wessel vom 9. August 1933 heißt es: Der Beschluss, „Sie zur Ehrenbürgerin unserer Stadt zu ernennen, ist mit Rücksicht darauf gefasst worden, dass Sie in nächster Nähe der Stadt Hameln geboren sind und dass der Magistrat Ihnen, der Mutter unseres Horst Wessel, die Ihr Bestes für unsere Bewegung gegeben hat, eine Ehre erweisen will.“

Die Verleihung dieser Ehrenbürgerwürde ist auf dem Hintergrund zu sehen, dass Hameln und das Weserbergland nachdrücklich versuchten, sich als nationalsozialistisches Kernland zu profilieren. Aushängeschild der Region war neben dem monströsen „Reichserntedankfest“ auf dem Bückeberg die Herkunft des Parteihelden Horst Wessel aus der Region.

Dieser sei, obwohl in Bielefeld geboren, tatsächlich ein „echter Sohn der niedersächsischen Erde“. Hier habe er in den Ferien bei seinen Großeltern in Aerzen sowie einer Großtante in Hemeringen jedes Jahr unbeschwerte Wochen verbracht.

„Die Wurzel zum Nationalsozialismus und die damit verbundene Rückkehr zum guten Alten und vor allem zur Natürlichkeit sind dem Dichter des nationalsozialistischen Freiheitsliedes hier in der goldenen Freiheit der Natur, hier in den Bauerndörfern in sein begeistertes junges Herz gelegt.“

Aus dem Jahr 1933 stammen Pläne, auf dem Süntel ein monumentales Horst-Wessel-Denkmal zu errichten. Im Landratsamt in Hameln wurde ein „Horst-Wessel-Archiv“ angesiedelt, in dem „alle Erinnerungen ..., die Horst Wessel mit Niedersachsen verbinden“, gesammelt werden sollten.

Die Herstellung der Ehrenbürgerurkunde für Margarete Wessel verzögerte sich wegen des Todes von Karl Schatzberg und zog sich bis ins Jahr 1937 hin. Weil Margarete Wessel erkrankt war, übergab Oberbürgermeister Detlef Schmidt die Urkunde schließlich am 25. März 1937 an deren Tochter Inge Wessel. Über den Verbleib der Urkunde wie des Horst-Wessel-Archivs ist nichts in Erfahrung zu bringen.

Den zweiten Teil zur Verleihung der Ehrenbürgerwürden an Hitler und Margarete Wessel lesen Sie morgen auf der Hintergrund-Seite.

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