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Kussi-Weiss-Quartett spielt in Sumpfblume

Die unbekannten Sinti-Musiker von Hameln

HAMELN. Sie spielen vor allem in der Tradition von Django Reinhardt, dem großen Gitarristen, aus dem der Sinti-Jazz hervorging: die Hamelner Sinti-Musiker. Sie können selbst auf eine lange Musiker-Geschichte zurückblicken. Trotzdem sind die allermeisten noch nicht ein einziges Mal in Hameln aufgetreten. Eine Spurensuche.

veröffentlicht am 12.10.2017 um 18:02 Uhr
aktualisiert am 13.10.2017 um 15:57 Uhr

Der Hildesheimer Gitarrist Kussi Weiß (oben li.) zu Besuch bei seiner Hamelner Verwandtschaft: Sascha Weiß (2. v. li. im Uhrzeigersinn; Gitarre), Albany Weiß (Rhythmusgitarre), Angelo Weiß (Bass), Wiesemann Rosenberg (Akkordeon), Traubli Weiß und Rei
Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Familie Weiß ist in Hameln ein Begriff. Fast jeder hat von ihr gehört. Fast jeder hat eine Meinung über sie. Häufig ist sie negativ – selbst wenn es keinerlei Berührungspunkte mit der Sinti-Familie gibt. In der Serie „Familie Weiß“ beleuchtet die Dewezet Geschichte und Gegenwart der Hamelner Sinti, stellt Vorurteile auf den Prüfstand und lässt die Angehörigen dieser staatlich anerkannten nationalen Minderheit zu Wort kommen.

Wenn Sascha, Traubli, Albany und Angelo Weiß in einem Nebenraum der Sumpfblume proben, dann werden die Besucher des Cafés hellhörig. Die Musik, die bei jedem Türöffnen in das Café dringt, ist für viele Gäste nicht nur ungewohnt. Sie ist auch gut. Ungewöhnlich auch, dass diese Klänge nur bruchstückhaft aus einem Hinterzimmer kommen, anstatt von einer Bühne, wo sie hingehörten, wie mancher Musikfreund findet, der mit den Musikern ins Gespräch kommt. Doch die Hamelner Sinti-Jazz-Musiker sind in ihrer Heimatstadt weitgehend unbekannt. Dabei gibt es in Hameln schon so lange Sinti-Musik, wie es Sinti in der Rattenfängerstadt gibt.

Da wäre zunächst Heinrich „Waescheskro“ Weiß (1887-1967) zu nennen. Weiß kam 1962 mit seiner Familie und weiteren Angehörigen aus Uslar nach Hameln. Er war ein begnadeter Geiger. Dabei war seine linke Hand durch eine im Ersten Weltkrieg erlittene Schussverletzung verkrüppelt. Doch das hinderte ihn nicht am Spielen. Sein Sinn für die Musik färbte auf seine vier Söhne ab: auf August „Schlimi“ Weiß (1911-1989) und Gustav „Zweigel“ Weiß (1925-2016), die beide ebenfalls vor allem Geige spielten,sowie auf Eduard „Kila“ Weiß (1912-2001), der sich auf das Akkordeon spezialisierte. Sie alle beherrschten mehrere Instrumente. Der vierte Sohn, Hamlo Weiß, hat die Nazizeit nicht überlebt. Der Geigenspieler kam in einem Konzentrationslager zu Tode.

Wäre Heinrich „Waescheskro“ Weiß nicht gewesen, dann würden Hameln heute einige Musiker fehlen. Foto. Reilo Weiß
  • Wäre Heinrich „Waescheskro“ Weiß nicht gewesen, dann würden Hameln heute einige Musiker fehlen. Foto. Reilo Weiß
Horst Rosenberg Foto: pk
  • Horst Rosenberg Foto: pk
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Vor allem August Weiß ist vielen noch heute in Hameln lebenden Sinti als fantastischer Geiger in Erinnerung geblieben. Aber wahrscheinlich werden sich auch noch einige andere Hamelner an August Weiß erinnern, der zudem für seine gute Kleidung und sein elegantes Auftreten bekannt war. Sogar zum Angeln an der Weser soll er mit Schlips und Kragen gegangen sein. Der hochgewachsene Mann, der mit seiner Familie 1957 zu der Verwandtschaft in Hameln dazustieß, spielte die Geige vorzugsweise am Fenster seines Wohnhauses in der Hummenstraße 2 – und begeisterte die Passanten unten auf der Straße. Ihr Applaus war sein Lohn. In jüngeren Jahren soll er in seiner Heimatstadt Hamburg noch in einem Orchester gespielt haben.

Ein paar der Söhne von Heinrich Weiß gaben ihr Können an die Jüngeren weiter, so wie Eduard Weiß, der sich seiner Neffen und Großneffen annahm. Sascha Weiß war einer dieser Neffen. „Mein Großonkel konnte genauso gut angeln, wie Musik machen“, erzählt der 48-Jährige. Ständig seien sie zusammen angeln gewesen und hätten Musik gemacht, egal wo.

In der Hummenstraße mehr oder weniger aufgewachsen, unternimmt Sascha Weiß – zum Leidwesen seiner Großmutter, wie er sagt – früh erste musikalische Gehversuche am Klavier seines Großvaters August, um schließlich die Gitarre für sich zu entdecken. Sein Onkel Eduard nimmt ihn unter seine Fittiche. „Das Lernen bei ihm war eine harte Schule“, sagt Weiß. Lobende Worte? Fehlanzeige. „Er hat immer nur gesagt, was noch besser werden muss“, erzählt Weiß.

Heute bildet Lead-Gitarrist Sascha Weiß gemeinsam mit seinen Cousins eine Band: mit Rhythmusgitarrist Albany Weiß (34), Bassist Angelo Weiß (48), der ein Verwandter der bekannten Hamburger Combo Django Deluxe ist, undAndreas „Traubli“ Weiß (36) am Klavier. Sie sind Autodidakten, Notenlesen haben sie nie gelernt. Bis auf Traubli Weiß. Er nahm mit 15 Musikunterricht. „Da war mir klar: Ich werde Musiker!“ Zum Profi hat es dann aber doch nicht gereicht. Erst starb seine Oma, woraufhin er kaum noch spielte. „Später ist mein Vater gestorben, da habe ich dann lange gar nicht mehr gespielt“, sagt er. „Aber Musik ist Leidenschaft. Man muss ständig üben, um richtig gut zu werden.“ Seinen Lebensunterhalt bestreitet der vierfache Familienvater heute als Schrotthändler. Doch die Musik ist ein wichtiger Teil seines Lebens geblieben.

In unregelmäßigen Abständen kommt er mit dem Rest der Band zusammen, um zu jammen. „Wir sind ,Blutgruppe D‘ – die Erben von Django“, sagt Sascha Weiß im Scherz in Anspielung auf Django Reinhardt, den berühmten Sinti-Jazz-Gitarristen, der schon von den Älteren verehrt wurde, sie alle stark beeinflusst hat und den sie bis heute interpretieren.

Albany Weiß, der Bruder von Traubli Weiß, hat sich das Gitarrespielen weitgehend selbst beigebracht. Sein Cousin Sascha Weiß stand ihm mit Rat und Tat zur Seite. Bei den großen Sinti-Jazz-Gitarristen wie Häns’che Weiß oder Stochelo Rosenberg hört Albany Weiß bis heute genau hin, schaut ihnen bei Internet-Videos auf die Finger. Live bekommt er öfter den Gitarristen Kussi Weiss (40), ein Verwandter aus Hildesheim, zu sehen. Bei Gelegenheit jammen sie auch mal zusammen.

Kussi Weiss hat sich mit seinem Ensemble bereits einen Namen gemacht. Vor gut zwei Jahren sorgte er in der Sumpfblume für ein volles Haus. An seiner Seite spielte damals auch der Hamelner Sascha Weiß. Die beiden kennen sich schon lange, hatten den selben Lehrer an der Gitarre: den Hildesheimer Moritz Weiß, Kussi Weiss’ Onkel, der schon Häns‘che Weiß das Gitarrespielen lehrte.

Später gingen Sascha Weiß und Kussi Weiss gemeinsam auf Tour, spielten in Berlin oder Holland und immer wieder in Hamburg. Die Bühnen teilten sie sich bereits mit großen Namen, wie Jimmy Rosenberg, Martin Weiß, Hugo Richter oder Rigo Winterstein. „Aber die beste Zeit hatte ich zusammen mit Moritz und Kussi“, sagt Sascha Weiß. „Da läuft die Musik so locker ab, wie das Wasser die Weser runterfließt.“ Auf die Frage, was er beim Spielen empfindet, hält er kurz inne. „Freiheit“, sagt er dann, „das Leben.“

Ein weiterer Hamelner Sinto-Musiker ist Horst „Hase“ Rosenberg. Für den 57-jährigen Klavierspieler ist die Musik sein Leben. „Die Musik bedeutet mir alles“, sagt Rosenberg. Sein musikalisches Talent trat zutage, als er als Kind auf flötenartigen Zuckerstangen zu spielen begann. Dann kam die Orgel, dann das Akkordeon und irgendwann das geliebte Klavier. Dafür baute er später sogar jeden seiner Wohnwagen um, damit das Klavier immer mitkonnte, wenn er seinem Marktgeschäft nachging. Die Musik hat er immer nur nebenberuflich betrieben. Berühmt zu werden, darum sei es ihm nie gegangen. Einen Plattenvertrag hat er mal im Sande verlaufen lassen. Und unter Sinti kennt man ihn – und bucht man ihn. Das reicht ihm. „Ich spiele lieber vor fünf, die meine Musik verstehen, als vor 500, die nur johlen“, sagt er. Rosenberg zufolge gibt es drei musikalische Stilrichtungen bei den Sinti: Sinti-Jazz, ungarische Folklore (Csárdás) und alte Volksweisen. Rosenberg spielt alles, aber auch Franz Lehár oder Operetten. Zuletzt spielte er auch viel Django Reinhardt, gemeinsam mit dem Gitarristen Ottchen Segar aus Rinteln.

Anfang dieses Jahres dann traf Rosenberg ein schlimmer Schicksalsschlag. Auf dem Rückweg von einem Auftritt in Berlin erlitt sein Sohn Ricardo „Kelly“ Rosenberg (32) plötzlich einen Herzinfarkt. Und starb. Kelly Rosenberg war selbst ein passionierter Klavierspieler. „Er spielte engelsgleich“, ist im Internet zu lesen. „Das trifft auch zu“, sagt sein Vater. Sie haben viel zusammen gespielt, waren sich sehr nahe, wie Rosenberg sagt. Er sei gerade dabei gewesen, seinen Sohn in die Musikwelt einzuführen, ihn mit der Szene bekanntzumachen. In Berlin spielten sie mit Nantemann Rosenberg, dem Bruder der wohl bekanntesten deutschen Sintezza, Marianne Rosenberg.

Aber Horst Rosenberg hat sein Können nicht nur an seine Söhne weitergegeben. Er brachte es auch seinen Neffen bei, Wiesemann Rosenberg am Akkordeon, Reilo Rosenberg am Klavier. Gemeinsam sind die beiden in der SFB-Dokumentation „Lustig wär‘ das Zigeunerleben“ aus dem Jahr 1980 zu sehen, zu der sie die Filmmusik beisteuerten. Damals beide gerade erst um die 13 Jahre alt, spielten sie auf Festivals und bei anderen Gelegenheiten. „Heute spiele ich nur noch, wenn ich Zeit habe, am Wochenende, mit meinen Brüdern und Cousins“, sagt Wiesemann Rosenberg (50). Doch in Hameln sind weder sie noch ihr Onkel Horst Rosenberg jemals öffentlich aufgetreten. „Das hat sich irgendwie nie ergeben“, sagt Horst Rosenberg. „Aber mich hat auch niemand gefragt.“ Das gilt auch für die meisten anderen Hamelner Sinti-Musiker. Aber das kann sich ja noch ändern …

Am Freitag, 17. November, um 20 Uhr steht mit Kussi Weiss jedenfalls schon mal die Verwandtschaft auf der Bühne der Sumpfblume: das Kussi-Weiss-Quartett mit Tschabo Franzen (Gitarre), Hugo Richter (Akkordeon/Piano) und Dietmar Osterburg (Kontrabass). Karten gibt es im Vorverkauf im Dewezet-Ticket-Shop und in der Sumpfblume sowie online für 10 Euro, Abendkasse 12 Euro.

Lesen Sie am Mittwoch, 18. Oktober, über die Selbstorganisation von Hamelner Sinti.

Ein Video-Porträt von Traubli und Albany Weiß finden Sie in der Multimediapräsentation auf dewezet.de in den Rubriken „Multimedia-Storys“ und „Themendossiers“.

Information

Django Reinhardt – ein 1910 geborener Manouche, also französischsprachiger Sinto – ist nicht nur unter Sinti eine Musikerikone. Reinhardt gilt als Wegbereiter des europäischen Jazz. Dabei stand seine Karriere als Musiker zunächst unter keinem guten Stern. Als 1928 sein Wohnwagen abbrennt, wird seine linke Hand verletzt und verkrüppelt. Doch anstatt aufzugeben, entwickelt er eine Technik, die ihm das Spielen mit nur drei Fingern ermöglicht, und macht aus der Not eine Tugend. Er entwickelt einen eigenwilligen Stil und vermischt französische Walzer und Sinti-Musik mit Jazz. Sinti-Jazz oder Gypsy-Swing ist geboren. In den USA tritt Django an der Seite von Jazz-Pianist Duke Ellington auf. Seit seinem Tod 1953 pflegen deutsche wie französische Sinti Djangos Erbe. Eine Verwandte Djangos ist Dotschy Reinhardt, die Musikerin, Aktivistin und Autorin des Buches „Gypsy. Die Geschichte einer großen Sinti Familie“. In Hildesheim findet seit nunmehr 17 Jahren das Django-Reinhardt-Festival statt, wo sich zahlreiche bekannte Sinti-Jazz-Musiker die Ehre geben. Die diesjährige „Berlinale“ wurde mit der Filmbiografie „Django – Ein Leben für die Musik“ eröffnet. Der Film kommt am 26. Oktober in die Kinos.pk

SFB Doku "Lustig wär' das Zigeunerleben" 1980

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