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Clara Auffermann und der Bodensee

Die Hamelnerin, die Hermann Hesses Haus kaufte

Auf der Bodensee-Halbinsel Höri lebte der spätere Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse acht Jahre lang seinen Traum von einem ländlichen Zuhause mit Garten. Sein Anwesen verkaufte er 1912 an Clara Auffermann, eine Gärtnerin aus Hameln. Wer war die Frau?

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Julia Marre Reporterin zur Autorenseite

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Im seichten Wind wiegen sich die Hortensien. Im Hintergrund ruht der Untersee. Wer im Garten am Gaienhofener Erlenloh unter Kastanienbäumen über Schotterwege schlendert, der kann nachfühlen, wie Hermann Hesse hier einst beim Unkrautjäten geschwitzt hat. Doch nicht nur der Schriftsteller lebt hier seinen Traum vom Landleben – sondern auch eine Hamelnerin: Clara Auffermann, die in der Gärtnerei Junge gearbeitet hat, kauft 1912 für 30 000 Mark das komfortable Haus und den Bauerngarten. Hesse lebt seit 1904 auf der Halbinsel Höri und bleibt doch im Ort ein Fremdkörper: ein Kreativer, gestrandet zwischen Feldern, Fischern und Freiheitsdrang. Weil ihm sein Garten so viel bedeutet, verkauft er sein Grundstück an die Gärtnerin.

Hesse, der zeit seines Lebens intensiv mit Freunden, Familie und Lesern in Korrespondenz stand, kennt die junge Clara Auffermann aufgrund einiger Briefe, die sie ihm seit November 1904 geschrieben hat. „Sie stand schon vor dem Kauf des Hauses in längerem Briefkontakt zu Hesse wegen seines ersten Romans ‚Peter Camenzind‘“, sagt Eva Eberwein, die heutige Besitzerin des Hesse-Hauses. Im Bestand des Schweizer Literaturarchivs in Bern befinden sich einige dieser Briefe, die Auffermann an den Schriftsteller schickt.

Geboren am 27. Juni 1885 in Treptow bei Berlin, schreibt sie ihm im Alter von 19 Jahren, dass sein Debütroman mächtigen Eindruck auf sie gemacht habe. „Die Worte, die Sie über die Natur schrieben, haben mir in die Seele gegriffen und mir einen Weg in meinem Innern gezeigt, den ich schon lange ahnte und suchte und nicht finden konnte“, notiert sie. Reift in ihr durch seinen Roman die Entscheidung heran, sich als Gärtnerin ausbilden zu lassen? Wie eine Erlösung komme ihr vor, was sie darin gelesen hat: Der Protagonist und Hesse betrachten die Natur als treue Freundin. Durch diese Schilderung, schreibt Auffermann, habe Hesse ihren Blick geweitet – dafür sei sie ihm sehr dankbar.

  • Teilscan von Clara Auffermanns handschriftlichem Brief an Hermann Hesse. Quelle: Literaturarchiv Marbach
  • Verkaufsannonce aus „Der März“ (1911). Foto: Literaturarchiv Marbach
  • Hesse-Haus mit Garten in Gaienhofen. Foto: Literaturarchiv Marbach

Etliche Briefe gehen zwischen Berlin, wo Auffermann damals lebt, und Hesses Wohnort Gaienhofen hin und her: Der Schriftsteller und die junge Frau philosophieren über die Liebe zur Natur, über menschliche Nächstenliebe und Egoismus – und über Auffermanns Sehnsucht danach, „einmal viele Wochen lang ganz einsam im Walde“ zu leben. Doch aus Berlin könne sie nicht fort, schreibt die 19-Jährige. Sie ist das jüngste der fünf Kinder von Bianca von Oven und Walter Otto Auffermann.

In Berlin lebt sie an der Treptower Chaussee 6 nahe der Spree in einer kleinen, von Efeu umrankten Villa auf einem verhältnismäßig großen Grundstück. „Ich habe unsren Garten sehr lieb“, gesteht sie Hesse. Ihr bester Freund darin sei ein Apfelbaum, auf dessen Äste sie klettert, um „durch die grünen Blätter hindurch in den Himmel hinein“ zu sehen.

Der Weg hin zur Natur scheint für Clara Auffermann vorbestimmt; er führt sie im Oktober 1910 nach Kiel-Holtenau: Hier wohnt die 25-Jährige bei Martha Back – einer Frau, die weit über die Stadtgrenzen Kiels hinaus bekannt geworden ist: Sie hat 1900 die Holtenauer Gartenbauschule für Frauen gegründet – eine der ersten dieser Art im Kaiserreich. Wie aus Archiv-Unterlagen des Bürgeramts Kiel hervorgeht, hat sich Auffermann in Backs nicht unumstrittener Gartenbauschule für Frauen ausbilden lassen. Inwiefern jedoch Back und Auffermann aktive Frauenrechtlerinnen waren, die für die Öffnung klassischer Männerberufe für Frauen kämpften, darüber lässt sich nur spekulieren.

Ehe Clara Auffermann an den Bodensee zieht, macht sie Station in Hameln: Ab dem 16. April 1912 lebt sie für viereinhalb Monate an der Waterloostraße. Hier, im erst 1909 fertiggestellten Jugendstil-Haus mit der Nummer 9, ist sie bei Paul Baer gemeldet. Der Weg zu ihrem Arbeitsort führt sie über die Hamel in Richtung Löhner Eisenbahn: Hier ist bis 1970 die Gärtnerei Junge ansässig, bei der Clara Auffermann beschäftigt ist – das geht aus dem Anmelderegister der Stadt Hameln hervor. Wie sie ausgerechnet auf die 1896 gegründete Stauden- und Dahliengärtnerei von Heinrich Junge kommt?

Matthias Großmann, der heute in der vierten Generation das Familienunternehmen leitet, weiß, „dass mein Urgroßvater zu Beginn des 20. Jahrhunderts Kontakte nach Erfurt unterhielt, er arbeitete als Redakteur für Möllers Deutsche Gärtnerzeitung“. Wer aber im Sommer 1912 für die Staudengärtnerei gearbeitet hat, lasse sich nicht nachvollziehen. Dass Auffermann in der Gärtnerzeitung Beiträge von Heinrich Junge liest und so auf Hameln aufmerksam wird, ist denkbar. Schon als sie nach Hameln zieht, ist ihr bewusst, dass ihr Aufenthalt im Weserbergland von kurzer Dauer sein wird. Bereits 1911 annonciert Hermann Hesse in der Zeitschrift „März“: „Hübsches neues Landhaus am Bodensee (Untersee) in freier Lage mit weiter Aussicht ist zu verkaufen. […] großer Garten.“ Hat Auffermann dieses Inserat gelesen? Oder schreibt der Schriftsteller, der zwischen 1911 und 1912 etlichen Freunden von seinem Wegzug aus Gaienhofen berichtet, auch seiner Briefbekanntschaft davon? Im Februar 1912 ist alles perfekt: „Unser Haus ist so gut wie verkauft und wahrscheinlich muß ich schon mitten im Sommer heraus“, schreibt Hesse. Im Sommer folgt eine erste Anzahlung des Kaufpreises, Hesse zieht aus.

Am 28. August 1912 meldet sich Clara Auffermann in Hameln ab – nach Gaienhofen, so ist es im Abmelderegister der Rattenfängerstadt nachzulesen. Der Schriftsteller arbeitet bis zuletzt in seinem Garten. Seinen Auszug betrachtet er schweren Herzens: „Die Landschaft des Untersees wird mir zeitlebens fehlen, es sprechen an wenigen Orten so stark wie hier zu jedem Fenster herein See und Wald, Himmel und Wiese zu mir.“ Auch seine Erzählung „Umzug“, in der er einen letzten Spaziergang durch seinen Garten schildert, zeigt, wie sehr es ihn bedrückt, sein hübsches Fleckchen Erde zurückzulassen.

Auch Clara Auffermann bleibt nicht lange in Gaienhofen – an jenem Ort, der lediglich einen Bäcker hat, einen Schneider und keinerlei andere Läden. „Ich würde mich recht freuen, wenn ich Sie alle einmal wiedersehen könnte, dazu Ihr schönes Haus, den Garten mit dem Blick auf die Berge, die feine, alte Stadt, Geist und etwas feine Musik“, schreibt sie 1915 sehnsüchtig an Hesse. Sie möchte „Feuer machen hinten im Garten unter der alten Kastanie“ und „die Atmosphäre von dorther wieder herzlich fühlen“.

Der beinahe freundschaftliche Kontakt zwischen Auffermann und dem bei Bern lebenden Schriftsteller reißt nicht ab. 1913 versucht sie, ihm Dahlienknollen vom Bodensee zu schicken, doch die Schweizer Zollbehörde bereitet ihr Schwierigkeiten. Er sendet ihr seine Erzählung und einen Gedichtband zu, sie bringt für ihn „ein Paketchen Kirschen“ aus dem Garten zur Post. Sie tauschen sich aus über Ernteerträge, über Besuche und den Ärger mit der Konstanzer Bank, die falsche Überweisungen ausstellt. Die zweite Hälfte der Kaufsumme für sein Haus am Bodensee – weitere 15 000 Mark – erhält Hesse erst 1921.

Clara Auffermann lebt zu dieser Zeit wieder in Berlin: Nach der Heirat mit dem Ingenieur Heinz Ziemendorff verlässt sie 1920 die Bodenseeregion. „Bereits 1919 ist sie am Untersee Mutter geworden“, sagt Eva Eberwein – doch weder diese Tatsache noch ihr Wegzug sind im Einwohnerbuch von Gaienhofen vermerkt. Auch die historische Einwohnermeldekartei im Landesarchiv Berlin verfügt über keine weiteren Lebensdaten der Gärtnerin, deren Handschrift Hermann Hesses Garten bis heute trägt.

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